Antifaschistische Erinnerung an den 8. Mai 1945

Heute, vor genau 66 Jahren, am 8. Mai 1945, wurde der deutsche Faschismus, der sich selbst irreführend „Nationalsozialismus“ nannte, militärisch geschlagen. Der Kampf um die Macht war beendet, der Kampf um die Köpfe hatte gerade erst begonnen.

Die Nacht von Samstag auf Sonntag haben wir dazu genutzt, den Tag der Befreiung mit verschiedenen kreativen Aktionen wieder ins allgemeine Bewusstsein zu rufen. An verschiedenen Orten in Tübingen haben wir die rote Fahne angebracht, die vor 66 Jahren von der Roten Armee als Symbol der Freiheit und des Friedens auf dem Reichstag in Berlin gehisst wurde. Wir wollen damit am Tag der Befreiung an jene erinnern, die gegen den Faschismus gekämpft und ihn besiegt haben.

Auch die beiden Statuen vor der Neuen Aula hielten am Tag der Befreiung die rote Fahne hoch.
Mit diesen Statuen hat es eine besondere Bewandtnis: Sie stellen den jungen Friedrich Wolf (1888-1953) dar. Als Medizinstudent in Tübingen war er, um sich etwas dazu zu verdienen, Modell für anatomische Aktzeichnungen gestanden, nach denen die Statuen gestaltet wurden.

Wolf wurde im Ersten Weltkrieg als Truppenarzt an der Front eingesetzt. Mehrfach verwundet, wurde er ab 1916 Antimilitarist. 1918 verweigerte er den Kriegsdienst und arbeitete fortan als Lazarettarzt. Im November 1918 wurde er Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats in Dresden. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Arzt in Remscheid und Hechingen. Wolf, der in Stuttgart eine Praxis für Naturheilkunde und Homöopathie eröffnet hatte, war inzwischen ein anerkannter Schriftsteller geworden, der Bühnenstücke, Romane, Hörspiele und Drehbücher verfasste. Seit 1928 war er Mitglied der KPD und des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Im Frühjahr 1932 gründete er in Stuttgart außerdem den „Spieltrupp Südwest“, eine kommunistische Agitprop-Spieltruppe aus Laiendarstellern, die Agitationsstücke zu aktuellen Themen aufführte.

Nach der Machtübergabe an die Nazis in Deutschland emigrierte Friedrich Wolf mit seiner Familie über Österreich, die Schweiz und Frankreich nach Moskau. 1937 machte er sich auf den Weg nach Spanien, um als Arzt bei den Internationalen Brigaden zu arbeiten, blieb dann jedoch 1938 in Frankreich.
Bei Kriegsbeginn 1939 wurde er in Paris verhaftet und ins Internierungslager Le Vernet gebracht. Mit sowjetischer Hilfe und einem falschen Pass gelang ihm die Ausreise. 1941 erhielt er die sowjetische Staatsbürgerschaft und kehrte nach Moskau zurück, wo er im Juli 1943 Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland wurde. 1944 lehrte er an der Antifa-Schule in Krasnogorsk.
Seit 1945 lebte er wieder in Deutschland und gehörte dabei der Aufbau-Generation der DDR an. Hier war er vor allem schriftstellerisch und kulturpolitisch tätig und an der Gründung der DEFA beteiligt. Von 1949 bis 1951 war er erster Botschafter der DDR in Polen. Wolfs Urne ist in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg beigesetzt.

Um die lokalen Bezüge zu Wolf weiß in Tübingen kaum mehr jemand. Wir sind der Meinung, dass die beiden Statuen bei der Neuen Aula sich hervorragend eignen, um dem Antifaschisten in Tübingen ein Denkmal zu setzen. Deshalb haben wir Friedrich Wolf am Tag der Befreiung nicht nur noch einmal die rote Fahne tragen lassen, sondern auch am Sockel der Statuen Plaketten angebracht, die an ihn erinnern, mit der Aufschrift: Friedrich Wolf (1888-1953) – Schriftsteller, Arzt, Kommunist und Antifaschist.

Heute, 66 Jahre nach dem historischen Sieg über den deutschen Faschismus, müssen wir erleben, dass, während der notwendige antifaschistische Kampf durch den Staat zunehmend kriminalisiert wird, sich „nationale Sozialisten“ abermals massiv organisieren und ihre menschenverachtenden Ziele wieder offen propagieren. Die Faschisten werden dabei vom Staat zuweilen nicht nur geschützt, sondern richtiggehend hofiert. So wurden etwa hunderte von ihnen am 1. Mai mit Sonderzügen nach Heilbronn gebracht, der Weg für den faschistischen Demonstrationszug wurde gegen den Widerstand eines Vielfachen an Antifaschist_innen von der exekutiven Gewalt durchgesetzt. Das durch die bürgerlichen Staaten repräsentierte Kapital scheint sich in der Krise die faschistische Option offen halten zu wollen. Dieser Entwicklung müssen wir mit aller Entschlossenheit entgegentreten.

Unser Gedenken an die Kämpfe von gestern muss den Kämpfen von heute und morgen gewidmet sein, daher gilt heute und in Zukunft:

Den Widerstand organisieren, die Antifaschistische Aktion aufbauen!

REVOLUTIONÄRE ANTIFASCHIST_INNEN