Frauen, zurück auf die Barrikaden! – Demo-Bericht

Auf der sozialistischen Frauenkonferenz im August 1910 wurde beschlossen, „als einheitliche internationale Aktion einen alljährlichen Frauentag“, einen gemeinsamen Kampftag der Arbeiterbewegung zu begehen.
Im Vorfeld des 100. Weltfrauentages rief das „Bündnis 8. März“, ein Zusammenschluss von elf unterschiedlichen Gruppen, Initiativen und Hausprojekten aus Tübingen und Stuttgart, zu einem kämpferischen Aktionstag mit Demonstration durch die Tübinger Innenstadt auf, um dem inzwischen von bürgerlichen Veranstaltungen geprägten Weltfrauentag wieder eine revolutionäre Perspektive beizubringen.

Unter dem Kampfruf „Heraus mit dem Frauenwahlrecht“ gingen am ersten Internationalen Frauentag im März 1911 alleine in Deutschland mehr als eine Million Frauen auf die Straße und forderten für alle Frauen soziale und politische Gleichberechtigung.
Das „Bündnis 8. März“ hat sich zum Ziel gemacht, aus den geführten Kämpfen zu lernen, indem es die fortschrittlichen Debatten der Frauenbewegung von gestern und heute verknüpft und am Weltfrauentag solidarisch für eine andere Gesellschaftsordnung auf die Straße geht. Im Aufruf des Bündnisses Frauen, zurück auf die Barrikaden! Heraus zum 100. Internationalen Frauentag! hieß es:
„Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der die kapitalistische Ordnung überwunden ist und nicht der Profit im Mittelpunkt steht. Für eine Welt, in der Patriarchat, Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen sowie Zweigeschlechtlichkeit und biologistische Zuschreibungsmechanismen der Vergangenheit angehören und in der Raum für verschiedenste Formen des Zusammenlebens ist.“

Nachdem durch den regionalen Blätterwald bereits die Frage gegangen war, ob man „ihn hierzulande, diesen Frauentag“, überhaupt noch brauche – die Südwestpresse stellte ihn in eine Reihe mit „anderen schönen Gedenk- und Aktionstagen“ wie „dem Weltstaudammtag“ und kolportierte die Forderung von Alice Schwarzer nach dessen Abschaffung –, konnte am Dienstag in Tübingen ein starkes Zeichen für die Notwendigkeit einer sozialrevolutionären emanzipatorischen Perspektive gesetzt werden.

Bereits im Vorfeld hatte die Marxistische Aktion Tübingen eine ausführliche Broschüre mit dem Titel Frauen, zurück auf die Barrikaden! Internationale Frauenkämpfe in Geschichte und Gegenwart veröffentlicht. In der Publikation werden die Entstehung der Frauenbewegung sowie die Geschichte der proletarischen und kommunistischen Frauenbewegung, mutige Antifaschistinnen und Frauen im Widerstand, internationale Frauenkämpfe und die „neuen Frauenbewegungen“ behandelt. Elf Frauen aus verschiedenen Bereichen des Kampfes um Emanzipation werden jeweils einzeln in der Broschüre biografisch gewürdigt.

Den Auftakt der Demonstration mit etwa 200 Menschen bildete, noch inmitten der Informationsstände etwa von ver.di oder der Linken auf dem Holzmarkt, ein Redebeitrag des AK Revolutionärer 8. März, in dem betont wurde, dass die revolutionäre Frauenbewegung den kleinbürgerlichen, vom Staat vereinnahmten und durch Figuren wie Schwarzer repräsentierten Feminismus als das begreifen muss, was er wirklich ist: Als eine Gegenstrategie der Herrschenden gegen den Kampf um die wirkliche Befreiung der Frau. Aus marxistischer Perspektive sei der Kampf für Frauenrechte untrennbar mit einem grundsätzlichen Kampf für den Umsturz der herrschenden kapitalistischen Verhältnisse verknüpft. Entgegen einem verbreiteten Irrtum seien Marxisten und Marxistinnen aber keineswegs der Meinung, dass der Sozialismus automatisch zur Befreiung der Frau führe: Die Frauenfrage nur in den Klassenkampf einzuspeisen mit der Hoffnung, der Sozialismus werde es „irgendwann schon richten“, werde den komplexen Unterdrückungsmechanismen nicht gerecht. Emanzipation aber könne „verwirklicht werden durch den gemeinsamen Klassenkampf der Frauen und Männer des ausgebeuteten Proletariats gegen die Vorrechte, die Macht der Männer und Frauen der besitzenden und ausbeutenden Klassen“, wurde Clara Zetkin zitiert, nach der während der Demonstration auch symbolisch eine Straße umbenannt wurde. Stellvertretend für die unzähligen namenlosen Frauen, die sich in allen Teilen der Welt mit ihrem Herz, ihrem Verstand und oft mit ihrem Leben gegen das Patriarchat, gegen die Tyrannei des Faschismus und des Imperialismus und für eine revolutionäre Perspektive jenseits der kapitalistischen Ordnung eingesetzt haben, waren von der Marxistischen Aktion elf Frauen aus verschiedenen Bereichen des Kampfes um Emanzipation ausgewählt worden; ihre Bilder wurden auf Schildern der Demonstration vorangetragen, Straßen und Plätze wurden vor der Geräuschkulisse lautstark skandierter Parolen wie etwa „Sexismus, Rassismus und Kapital bekämpfen wir international“ nach den Kämpferinnen umbenannt.
So gab es am 8. März in Tübingen etwa eine Kalea La Pasionaria, die an Dolores Ibárruri erinnerte, eine Alexandra Kollontai Straße und eine Calle Elisabeth Käsemann. Die Wilhelmstraße wurde zur Straße des 8. März erklärt.

Auf einem Flugblatt wurden alle elf Frauen durch Kurzbiografien mit Bildern vorgestellt.

Weiter ging es, noch immer auf dem Holzmarkt, mit dem Redebeitrag des Tübinger Bündnisses „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ über „Frauen in der (Wirtschafts-)Krise“. Darin hieß es, die Finanzkrise habe die ungerechten Strukturen zwischen den Geschlechtern, auf dem das kapitalistische Gesellschaftssystem aufbaut, noch verstärkt. Zusammenfassend lasse sich feststellen, dass die Politik sich nach wie vor auf die Industrie und auf das Leitbild des „männlichen Ernährers“ konzentriere. Anlässlich des 100. Internationalen Frauentags gelte daher ganz aktuell die Forderung, so die Vertreterin des Krisenbündnisses:
„Wir Frauen wollen nicht für Eure Krise zahlen! Für gute und gleiche Löhne und Arbeitsbedingungen! Für den Ausbau des Bildungs- und Betreuungssystems! Für den Ausbau der sozialen und kulturellen Daseinsvorsorge!“

Nun setzte sich der Demonstrationszug entlang des Clara Zetkin Boulevards (Kirchgasse) in Richtung Rosa Luxemburg Platz (Marktplatz) in Bewegung. Dort angekommen wurde, nachdem, wie an jedem umbenannten Punkt, aus dem Lautsprecherwagen einige biografische Informationen, in diesem Fall über Rosa Luxemburg, gegeben worden waren, der Redebeitrag des Anarchistischen Netzwerks verlesen. Der Redner forderte, Emanzipation, Frauenbefreiung und Klassenkampf müssten Hand in Hand gehen oder würden nicht erfolgreich sein:
„Als Anarchistinnen und Anarchisten sehen wir die Befreiung der Frau nicht losgelöst von der Klassengesellschaft. Und demzufolge sind für uns Karrierefrauen nicht nur Zeichen des Fortschritts, sondern stellen eine Verschiebung im Kräftegefüge des kapitalistischen Ausbeutungssystems dar. Reiche Frauen und arme Frauen trennen Lebensrealitäten […] Sowohl gegen die Angriffe auf die Würde und Selbstbestimmung von Frauen, als auch gegen die Spaltung von uns Lohnabhängigen entlang der Geschlechter beziehen Anarchistinnen und Anarchisten in Betrieben und Alltag Position. Alles, was der Selbstbestimmung der Menschen und der Solidarität innerhalb unserer Klasse zuwider läuft, ist zu bekämpfen.“

Am Beginn der Straße des 8. März (Wilhelmstraße) machte die Rednerin des Tübinger Bildungsstreiks darauf aufmerksam, wie bereits in den Anfängen des institutionalisierten Bildungssystems eine Geschlechtertrennung vorgenommen wurde und beschrieb die weitere Entwicklung des Bildungswesens hinsichtlich des Gesichtspunktes der Gleichstellung, um zu dem Schluss zu gelangen:
„Es ist festzustellen, dass die Emanzipation im Bildungssystem Fortschritte gemacht hat, jedoch kann von einer absoluten Gleichstellung noch immer nicht die Rede sein. Erst wenn die geschlechtsspezifische Erziehung und Bildung in Kindergärten wie Schulen nicht mehr auf der Tagesordnung steht, sich die Auswahl der Studien- und Ausbildungsbereiche nicht mehr an geschlechtlichen Klischees orientiert und gleiche Aufstiegschancen herrschen, können wir von einem Bildungssystem sprechen, das niemanden aufgrund des Geschlechts in irgendeiner Weise benachteiligt – egal ob Frau oder Mann“ (zum Redebeitrag).

Als der Demonstrationszug an der Calle Elisabeth Käsemann, direkt vor der Burschenschaft Germania, vorbeizog, wurde lautstark skandiert:
„Sexistenpack mit Wix und Degen – Burschis von der Straße fegen!“

Die Avenida Olga Benario (Karlstraße) entlang ging es weiter bis zur Plaza Tamara Bunke (Europaplatz/Epple-Eck), wo ein Redebeitrag der Antifa Tübingen/Reutlingen – die nicht Teil des „Bündnis 8. März“ ist – verlesen wurde. Die Vertreterin der ART thematisierte das Thema Sexismus in Antifa-Strukturen:
„Der Leistungsdruck, der in der kapitalistischen Gesellschaft allgegenwärtig ist, wird so in vielen Antifa-Gruppen reproduziert. Es geht darum, unabhängig vom biologischen Geschlecht einem bestimmten Rollenbild zu entsprechen, das aber viele männlich konnotierte Eigenschaften enthält.“

Vorbei an der Maryam Firouz Straße (Bismark Straße/Blauer Turm) und der Angela Davis Avenue (Reutlinger Straße) bewegte sich die Demonstration zur Abschlusskundgebung vor die Lu15, die auch Teil des „Bündnis 8. März“ ist. Dort angekommen, gab es außer einer Vokü und einer Feuershow noch weitere Redebeiträge zu hören.
Die Libertären Que(e)rulantinnen wiesen in ihrem Beitrag auf die Notwendigkeit hin, gegen die patriarchalen Verhältnisse „laut, bunt, frech und vielfältig“ zu demonstrieren. Die Unterdrückung der Frau als offensichtlichste Form der geschlechtsspezifischen Diskriminierungen zu bekämpfen sollte, so die Rednerin weiter, jedoch nicht in Vergessenheit geraten lassen, dass noch mehr Menschen von Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts oder sexueller Orientierung betroffen sind:
„Im vorherrschenden Kategorisierungssystem Heteronormativität werden Geschlechter nur in Frau und Mann eingeteilt, Beziehungen mit anderen Menschen sind nur zwischen Frau und Mann „normal“. Homo-, Bi-, Inter- und Transsexuelle und alle anderen Menschen, die sich keiner biologistischen oder sexuellen Norm unterwerfen wollen, sehen sich mit Diskriminierung konfrontiert. Von dummen Sprüchen wie „Ey, bist du Mann oder Frau?“ über schwulenfeindlich motivierte Übergriffe bis hin zu Zwangsoperationen und Genitalverstümmelung an Hermaphroditen z.B. im Universitätsklinikum Tübingen.“

Hier wurde deutlich, dass es das „Bündnis 8. März“, das sich zur Vorbereitung des Aktionstages mit dem Ziel, auch weiterhin zu diesem Thema zu arbeiten, gebildet hat, geschafft hat, ein breites politisches Spektrum zu vereinigen. Dass ein solches Bündeln emanzipatorischer Kräfte nicht nur sinnvoll ist, sondern auch interessante und gewinnbringende neue Perspektiven aufzeigen kann, wurde nicht zuletzt mit dem Redebeitrag der Antispeziesistischen Aktion deutlich, der darstellte, wie sexistische mit speziesistischen Ideologien, also jenen Argumentationsmustern, mit denen die Ausbeutung der Tiere in unserer Gesellschaft gerechtfertigt wird, zusammenhängen und wie diese beiden Herrschaftsformen miteinander verflochten sind: Die Reduktion auf Naturhaftigkeit, Körper und Instinkt sowie die Unterstellung eines Mangels an Vernunft und Individualität, die im Falle der Tiere deren Versachlichung ermögliche und die totale Herrschaft über ihre Körper sichere, gehöre traditionell auch zum Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmuster gegenüber Frauen. Aus den Erkenntnissen feministischer Kämpfe und Forschungen, die aufgezeigt hätten, dass Herrschaft und Ausbeutung in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen ähnliche Rechtfertigungsmuster verwendeten und sie legitimierende Ideologien vielfach miteinander verflochten seien, folgt für die Tierbefreiungsgruppe die Forderung:
„Wenn wir für eine freiere und solidarischere Gesellschaft kämpfen wollen, müssen wir das berücksichtigen und unsere Kämpfe zusammendenken.“

Bevor die Kundgebung aufgelöst wurde und zum gemeinsamen Feiern in der Hausbar der Lu15 übergegangen wurde, machten Teilnehmerinnen aus Stuttgart aus dem Umfeld des Linken Zentrums Lilo Herrmann auf das Internationale Polit- und Kulturfest am 12. März in Stuttgart aufmerksam – kommenden Samstag also wird ab 16 Uhr im Bürgerzentrum West (Ecke Schwabstr./Bebelstr.) gefeiert.

Vielen Dank an die Aktivist_innen aus den unterschiedlichen Bereichen, die sich solidarisch an den Vorbereitungen zum gemeinsamen Aktionstag beteiligt haben! Vielen Dank an alle, die auf der Demo ein kämpferisches Zeichen für unsere gemeinsame Sache gesetzt haben!

Nieder mit dem Patriarchat!
Für Emanzipation und soziale Revolution!

MARXISTISCHE AKTION TÜBINGEN (im „Bündnis 8. März“)
marxistische-aktion.de

Foto:
Unsere Beteiligung an der Demonstration war elf Frauen gewidmet, die exemplarisch für die vielen namenlosen Kämpferinnen stehen sollten, die sich in den vergangenen 100 Jahren in allen Teilen der Welt für die Befreiung der Frauen aus der Herrschaft des Patriarchats und die Befreiung aller Menschen aus der Unterdrückung durch den Menschen eingesetzt haben oder weiter einsetzen. Große Portraits der elf Frauen wurden der Demo vorangetragen; vgl. auch Auf die Barrikaden! Demonstrationen zum Internationalen Frauentag, Tageszeitung "Junge Welt", 10.3.2011.