Nachgeschoben: eine neuealte Kritik an Felicia Langer

Für die in Tübingen in regelmäßigem Abstand stattfindenden Lesungen und Vorträge von Felicia Langer wurde im Mai 2005 folgender Text von der „Tübinger Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus“ verfasst:

„Eine Buchkritik

Felicia Langer, Brandherd Nahost (Göttingen 2004)

Unter deutschen Linken findet sich kaum einer, der seine Vorurteile über Israel nicht unter Berufung auf die israelische Linke, sei sie nun offen antizionistisch oder diskret postzionistisch, zu rechtfertigen und tatschlich zu bemänteln wüßte. Die Veredelung des Antizionismus zum Engagement für nichts als Menschenrechte, gerade in Deutschland nach 1945 eine verbreitete Form des Antisemitismus, scheint gelungen, wenn Uri Avnery, Hans Lebrecht, Mosche Zuckermann oder Felicia Langer ins Feld geführt werden können. Sie sagen es doch selbst, freuen sich die deutsche Linke und die bürgerliche Mitte, da Israel rassistisch, militaristisch und kolonisatorisch ist.

Felicia Langer, die seit einigen Jahren in Tübingen lebt, ist sich ihrer Funktion für das deutsche Bedürfnis nach Schuldentlastung durch hemmungslose Israel-Kritik bewußt, dennoch läßt sie keine Gelegenheit aus, ihre Leser und Zuhörer zu ermuntern die vermeintliche Befangenheit gegenber Israel abzulegen und dazu beizutragen den internationalen Druck auf Israel (zu)erhöhen, allein in einem Interview, das sie der Tageszeitung „Junge Welt“ (2.4.2005) gab, wiederholte sie diese Phrase gleich sieben mal.

Im Folgenden werden wir einige von Langers, bei Lesungen in Schulen, Buchläden oder bei studentischen Verbindungen oft wiederholten und in Deutschland und Europa weit verbreiteten Behauptungen aufgreifen, um sie beispielhaft zu widerlegen. Wir bedienen uns dafür dem im Jahr 2004 erschienenen Buch von Felicia Langer "Brandherd Nahost", einer Sammlung von Artikeln und Pamphleten, in der fast jedes der virulenten Vorurteile gegen Israel, verteidigt und propagiert wird. Es ist ein Buch, in dem von Noam Chomsky über Norman Finkelstein und Jamal Karsli bis Jürgen Möllemann jeder Kritiker Israels zustimmend zitiert wird.

Selbstmordattentate, ein "Hilfeschrei"?

Beginnen wir mit einem weit verbreiteten Mißverständnis, dem Langer im Kapitel über die Selbstmordattentate Vorschub leistet: Diese seien Verzweiflungstaten, verständliche Reaktion auf die Politik Israels. Israel hat die Palästinenser durch Unterdrückung, Demütigung und dem
Kampf gegen ihre Existenz zur suizidalen Verzweiflung gebracht (S.69) oder "Was bleibt dem Einzelnen anderes übrig als sein Leben als Waffe einzusetzen."(S.72) So funktioniert die Rationalisierung der Attentate zum nur logischen und nachvollziehbaren Hilfeschrei der Traumatisierten, dem dann auch noch der völkerrechtliche Segen erteilt wird: "Nicht jeder bewaffnete Kampf gegen Besatzung ist zugleich Terror, das internationale Recht billigt ausdrücklich den Kampf gegen Besatzung."(S.73) Die Geschichte des Terrorismus gegen Israel zeigt, da es sich beim palästinensischen Terror um eine bewußt gewählte effektive Taktik handelt. Mag sein, da sich Selbstmordattentäter leichter aus einer Bevölkerung frustrierter Individuen rekrutieren lassen, aber der individuelle Selbstmordbomber geht in der Regel nicht von sich aus in den Tod. Diese Leute werden von einer Führungselite, nach einer kalten Kosten-Nutzen-Rechnung, in den Tod geschickt. Ebenso wie dieses politische Kalkül, das auch die großzügige materielle Versorgung der Angehörigen von Attentätern einschließt, spielt die antisemitische islamistische Ideologie der Terrorgruppen für deren Motivation eine wichtige Rolle. Da der Antisemitismus seit den 1930er Jahren zentraler Bestandteil der palästinensischen Nationalbewegung ist, wird von Langer konsequent ausgeblendet. Auch über Märtyrer-Ideologie und die globale Djihad-Bewegung, deren Teil Organisationen wie die radikal-islamistische Hamas sind, fällt bei Langer kein Wort.

Israel, "zionistischer Aggressor"?

Die zweite Behauptung, Israel sei der Alleinverantwortliche für den Nahost-Konflikt, zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite durch das Buch: Israels Politik gegenüber den Palästinensern sei eine "einzige zionistische Aggression"(S.29) und würde durch beharrliche
Provokationen dafür sorgen, da der Konflikt lebendig bleibe. Auf diese Aggressionen müßten die Palästinenser dann reagieren, sie würden aber meist "zurückhaltend Rache nehmen."(S.33) Die israelische Regierung habe bisher alle Friedensinitiativen torpediert, wohingegen die Palästinenser bereit seien für eine friedliche Lösung. (S. 157)

Tatsächlich gründet das Problem in der Weigerung der arabischen Seite, Israels Existenzrecht anzuerkennen. Im Herzen des Konflikts liegt die wiederholte Ablehnung der Zwei- Staatenlösung durch den Mufti von Jerusalem, die PLO, die arabische Welt und das palästinensische Volk. Dreimal wurde den Palästinensern ein eigener Staat angeboten, 1937, 1947 und 2000/2001, sie haben das Angebot nicht nur ausgeschlagen, sondern immer mit Terror reagiert. Israel mute sich von Beginn seiner Existenz gegen Angriffe der arabischen Nachbarn verteidigen.

Der "beherrschende Einfluß des jüdischen Establishment"?

Schließen wir mit Langers drittem Verdikt, der "Internationale Druck auf Israel müsse erhöht werden."(S.157) Diese Forderung fußt auf Langers Behauptung, Israel würde von der Internationalen Staatengemeinschaft nicht genügend kritisiert, speziell in Deutschland würde sich niemand trauen Israel zu kritisieren (S.89), verantwortlich für diese Misere sei die jüdisch-zionistische Lobby (S. 91) die jede Kritik unterbinde. Zunächst ist Fakt, da kein anderer Staat der Welt so vehementer und andauernder Kritik der internationalen Gemeinschaft ausgesetzt ist wie Israel. Am 24. April 1997 begann eine Emergency Special Session der UN über Israel, die bis heute andauert. Es ist eine open end - Session, wie es sie in der Geschichte der UN noch nie gegeben hat, nicht zu Ruanda, nicht zum Sudan und auch nicht zur Situation in Tibet. Ähnlich fleißig verhält sich auch die Menschenrechtskommission der UN, der - es ist kein Witz - auch der Sudan angehört. Ein Viertel aller Resolutionen, die von dieser Kommission seit ihrer Gründung verabschiedet wurden, betreffen eine Verurteilung Israels. Nicht ein Einzige wurde zur Lage der Menschenrechte in Iran, in China oder in Simbabwe verabschiedet.
Kein anderer Konflikt beschäftigt die Welt so lange, so nachhaltig, so lustvoll. wie der im Nahen Osten. Völlig zu Recht schreibt Alan Dershowitz in seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch „Plädoyer für Israel“, Israel sei der Jude unter den Staaten.

Auch in Deutschland kann von einem Zuwenig an Israelkritik keine Rede sein: Über 65 Prozent der Deutschen sind der Meinung, Israel sei die größte Bedrohung für den Weltfrieden, über 51 Prozent sind laut der aktuellen Heitmeyer Studie davon überzeugt, Israel behandle die
Palästinenser heute so, wie die Nazis die Juden behandelt haben – was nichts über Geschichte und Gegenwart Israels aussagt, aber viel über das Bewußtsein der Deutschen.

Langers Behauptung, mit der sie lang und breit Jamal Karsli verteidigt, Kritik an Israel würde hierzulande mittels Antisemitismuskeule, gezielter Meinungsunterdrückung und Erpressung unterbunden, zeugt daher von einer reichlich paranoiden Weltsicht. Mit ihrer Rede vom jüdischen Establishment und den mächtigen jüdischen Organisationen die durch Hetzkampagnen dafür sorgen würden, daß keine Kritik an Israel laut würde, die ferner für den Tod Jürgen Möllemanns verantwortlich seien, (S. 87- 111) überschreitet sie die Grenze zur antisemitischen Verschwörungstheorie. Heute z.B. lebendig in Langers Bild von den amerikanischen Neocons („fast alle jüdisch“, S.132) als einflußreichster Gruppe in der Regierung Bush. Die Vorstellung vom Einfluß und der Macht der Juden ist zentraler Bestandteil der Tradition des Antisemitismus.

Wohin Langers antiisraelische Agitation führt, zeigt ein von ihr maßgeblich unterstützter Boykott-Aufruf gegen Waren aus jüdischen Siedlungen. Er wird von Tübingen aus seit drei Jahren lanciert. Ganz abgesehen davon, da er diese Siedlungen zum größten Problem der Region stilisiert und ein judenfreies Palästina fordert, nimmt er bewußt in Kauf, als Aufruf zum Boykott aller jüdischer Waren verstanden zu werden. Die historische Analogie zum
nationalsozialistischen Boykott am 1. April 1933 ist unübersehbar und nicht mit Naivität zu entschuldigen. Langers Engagement gegen Israel und seine Wirkung in Deutschland sollten nicht unterschätzt werden.“