Fundis geeint gegen Tübinger Professor

Der linke und - im besten Sinne des Wortes - liberale Professor Jürgen Wertheimer war bis vor kurzem vor allem als Literaturkenner bekannt. Nun hat er sich auch selbst als Autor versucht. Sein Erstlings-Werk heißt „Als Maria Gott erfand“ (Piper-Verlag). Der Inhalt dieses Romans versetzte diverse religiöse Fundamentalisten in Rage. Denn in dem Buch wird erzählt, dass Joseph schwul war und Maria sich in eine Affäre mit dem Wanderprediger Johannes flüchtet, woraus dann Jesus entsteht. In der Tat eine rationalere Erklärung, als eine unbefleckte Empfängnis durch den heiligen Geist. Doch dieser Akt von Interpretationsfreiheit kaum dokumentierter historischer Ereignisse wird von religiösen Fundamentalisten als Angriff auf ihre Deutungshoheit wahrgenommen.

*** Muslim-Markt vs. Wertheimer ***
Einer der ersten Kritiken aus religiöser Sicht fand sich auf dem deutschsprachigen Portal „Muslim-Markt“ (MM). Muslim-Markt wurde 1999 gegründet und wird betrieben von „Islamischer Weg e.V.“. Dahinter stehen vor allem die Brüder Yavuz und Gürhan Özugoz, zwei Schiiten, die der Theokratie im Iran nahe stehen. Unter den Interviewpartner von MM finden sich neben den einschlägig bekannten Israel“kritikern“ auch allerhand extreme Rechte. Wie beispielsweise Alfred Mechtersheimer von der Deutschlandbewegung, der antisemitische „Oberrabbiner“ Friedman, Andreas Molau (Ex-NPD-Funktionär, derzeit DVU), Gerard Menuhin (Autor in der DVU-nahen National-Zeitung) oder Arne Hoffmann (Autor des Buches „Warum Hohmann geht und Friedman bleibt“).

Aus der Feder von Yavuz Özoguz stammt der Beitrag „Piper-Verlag verunglimpft die Heilige Maria“ , datiert auf den 7. April 2009. Dieser Beitrag empört sich:
„Es stellt sich bereits hier die Frage, wie man solche Vorwürfe gegen einen Menschen erheben kann und darf, der sich einerseits nicht mehr wehren kann und andererseits von so vielen Menschen verehrt wird? Haben Maria und Josef keine unantastbare Würde? Erlischt die Würde des Menschen mit seinem Ableben?“
Der schiitische Fundamentalist fordert von der katholischen Kirche eine Reaktion:
„Wo sind die katholischen Geistlichen, die angesichts einer solch unverschämten Verleumdung gegen die Heilige Maria zum Boykott des Verlages aufrufen? Warum sollte die Kirche nicht ihre Macht dazu nutzen, die Würde der Heiligen Maria zu verteidigen, wenn sie so schamlos angetastet wird und das Grundgesetz ihre Würde nicht verteidigt?“
Wenig später wird die Einheitsfront der Klerikalen gefordert:
„Jede derartige Buchveröffentlichung und der ausbleibende Protest der katholischen Geistlichen, die mit ihrem Kulturkampf gegen den Islam und Muslime derart überfordert sind, dass sie ihre eigenen Heiligkeiten nicht mehr schützen können, zeigt auch sehr deutlich den Verfall der Werte jener Kultur, die vorgibt, Jesus vertreten zu wollen.“
Als Antwort auf diese „Hetzschrift“ erklärt MM dem Piper-Verlag den Boykott. Sicherlich ist das für Piper finanziell verschmerzbar.

*** kreuz.net vs. Wertheimer ***
Auch das katholisch-fundamentalistische Internetportal kreuz.net bringt einen Beitrag gegen Wertheimers Erstling . Kreuz.net ist in Vergangenheit durch homophobe und antisemitische Hassattacken aufgefallen, es selbst versteht sich als katholisch-traditionalistisch.
Autor dieser Tirade ist ein Rodolfo E. Panetta. Panetta ist nicht nur Autor auf kreuz.net, er betätigte sich auch bereits als Leserbriefschreiber für die rechtsnationale „Junge Freiheit“. Rodolfo E. Panetta, wurde am 4. April 1952 in Mailand geboren und lebt in Horb. Als Beruf gibt er Kraftfahrer an. Er sitzt für die Republikaner-Partei (REPs) im Stadtrat von Horb-Grünmettstetten und war Kandidat auf der REPs-Landesliste (Platz 9), sowie REPs-Landesbeisitzer. Bereits seit 1989 ist der gebürtige Italiener Mitglied der Republikaner. Dass ein rechter, italienischstämmiger Katholik Mitglied bei den REPs ist, sollte nicht verwundern. Die Gemeinsamkeiten überwiegen. Panetta ist nicht nur ein fundamentalistischer Christ, er ist auch ein Antisemit, wie ein Zitat von ihm beweist:
„Seit wann bestimmen die Kanzlerin, seit wann Springer und Bertelsmann, seit wann der ‘Zentralrat der Juden’, wer Ministerpräsident in Baden-Württemberg sein darf?
Gibt es keine Wähler? Gibt es keine Abgeordneten mehr?“
Doch auch in dem Artikel gegen den Autoren Wertheimer nimmt Panetta kein Blatt vor den Mund:
„Ein Tübinger Literaturprofessor hat kürzlich seinem sexuellen Infantilismus freien Lauf gelassen. Doch in einer Gesellschaft von Eunuchen ist das ungefährlich.“
Und weiter heißt es über „Wertheimers sexualneurotisches Epigonenwerk“:
„In der Buchhandlung Osiander zu Tübingen darf der Sex-Autor seine erotischen Phantasien heute Abend der lüsternen Öffentlichkeit vorstellen.“

*** ??? vs. Wertheimer ***
Auch im Tagblatt gab es am 4. April einen Kommentar, der immerhin als solcher gekennzeichnet war, in dem sich ein erzürnter Katholik sein Beleidigt-sein von der unbefleckten Seele schrieb. Zuerst glaubte mensch noch an eine Art versteckte Satire. Aber der 1. April war schon vorbei. Traurig, dass dieser Kommentar in seiner Zeitung erscheinen konnte, die einst als „Neckar Prawda“ verschrien war. Die Zeiten scheinen sich geändert zu haben …
Weiterhin wird erzählt, dass wohl auch Kunden beim Osiander ihre Kundenkarte erbost zurückgegeben hätten.
Interessant ist auf jeden Fall wie sich religiöse Fundamentalisten, die eigentlich in Konkurrenz zueinander stehen, plötzlich auf einen gemeinsamen Feind einigen können. Möge dieses Beispiel keine Schule machen.
Auf jeden Fall steht noch weiterer Protest gegen Wertheimer zu erwarten. Die Gegner jedweden religiösen Fanatismus sind daher dazu aufgerufen den Autor zu unterstützen. Sei es in Form eines Leserbriefes, sei es durch die solidarische Teilnahme bei seinen Buchvorstellungen.