"Wie gesagt, ich halte nix von diesem dependenztheoretischen Gequatsche. 50 Jahre nach der Dekolonialisierung müssen sich die Dekolonialisierten auch mal an die eigene Nase fassen."
Es ist ja nicht so wie zur Zeit des Kolonialismus, dass die Staaten der sog. Dritten Welt ausgebeutet werden und billige Rohstofflieferanten abgeben sollen. Auch wenn das aus europäischer Perspektive sicherlich noch eine verlockende Sache darstellt.
Aber das Niveau der Rentabilität ist global doch mittlerweile so hoch, dass die Staaten oder auch die "noch-nicht-Staaten" (Palästina, Kurdistan, weiß der Geier) sowieso keine Chance hätten, auf dem Weltmarkt zu bestehen. Und da der Bestand des Kapitalismus eben von Nationalstaaten - vornehmlich denen in Europa und Nordamerika (aber auch von allen anderen) - gesichert wird, ist das für mich ein Grund, das Prinzip anzuzweifeln.
Dass sich die Dekolonisierten "an die Nase fassen sollen" finde ich ein bisschen zynisch. Wen meinst du denn damit? Die korrupten Staatschefs tun das, was für sie am besten ist: Sie basteln sich eine Kleptokratie. Die Demokratie mit dem Kapitalismus mit zu exportieren war ja nicht unbedingt ein Anliegen der ehemaligen Kolonialmächte. Abgesehen davon mischen diese nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch, noch immer kräftig mit in Afrika. (Siehe die französische Einflussnahme auf den Konflikt in Elfenbeinküste oder die europäischen Firmen, die in Rohstoff-, Diamanten-, Waffenhandel etc. verstrickt sind.) Oder sollen sich die
Menschen in den Ländern an die Nase fassen und sich gefälligst nicht mehr in Boote setzen und nach Europa schippern?
Versteh mich nicht falsch, ich bin kein Freund von Mugabe, Gbagbo oder sonstwelchen afrikanischen Diktatoren. Aber das Prinzip Staat funktioniert dort nicht mehr.
"Der Westen - das kapitalistische Zentrum hat keinerlei Interesse daran, dass Afrika in Trümmern liegt. Würde es dort wirtschaftlichen Aufschwung geben wie in China, wäre das tausendmal interessanter."
Glaubst du wirklich, dass sich der Exportweltmeister Deutschland eine solche Konkurrenz aus Afrika oder anderen "strukturschwachen" Weltregionen bieten ließe und sie sich sogar als Handelspartner noch herbeiwünscht?
"Die einzige ökonomische Logik, die ich in Somalia erkennen kann, ist die der Bereicherung. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem kann ich nicht erkennen."
Also ich schon. Soviel ich weiß tauschen die Menschen dort immer noch Waren gegen Geld und verkaufen ihre Arbeitskraft, um Überleben zu können. Ich weiß nicht besonders viel über Somalia. Aber dass dort alle Menschen in reiner Subsistenzwirtschaft leben, glaube ich nicht. Im Gegenteil: Eigentlich herrscht dort sogar der blanke, unreglementierte Kapitalismus. Den mögen sich irgendwelche Hardcore-Liberalen herbeisehnen, aber von den Linken hier findet sich darunter glaub keiner.
"Aber man muss auch zu schätzen wissen, was man aufgibt. Es ist ja nicht so, als dass wir hier in Europa nicht zu verlieren hätten außer unsere Ketten."
Ja, zu verlieren haben wir viel. Aber auch zu gewinnen. Und damit meine ich nicht nur das moralinsaure gute Gewissen, sondern einen ganz konkreten Zuwachs an Lebensqualität. Wieso gibt es denn Heerevon Arbeitslosen, während immer weniger Menschen wieder immer länger arbeiten sollen? Warum sind wir angepisst, wenn durch die Einführung von Maschinen Leute ihren Arbeitsplatz verlieren. An sich ist das doch ne schöne Sache wenn Arbeit von Maschinen verrichtet wird und nicht von Menschen?! Nenn mich gern faul, aber ich fänds schon ganz gut nur 3 Stunden am Tag zu arbeiten, so wie wahrscheinlich die meisten Menschen. Und dass das nicht denkbar (!) ist, ist nicht meine Schuld, sondern die derjenigen Menschen, die den Kapitalismus grundsätzlich als alternativlos darstellen.
"Ökologie: Das sehe ich gerade als Beispiel für die Wichtigkeit des weiteren Bestehens staatlicher Ordnungen. Da braucht es eine globale konzertierte Aktion - und die können letztlich nur Staaten zustande bringen."
Eine globale konzertierte Aktion. Und warum bleibt die aus? Warum muss erst alles vor die Hunde gehen, bevor mal irgendein Staat auf die Idee kommt, völlig ungenügende Klimaziele aufzustellen, die dann doch wieder relativiert werden? Der Regenwald wird ja nicht seit gestern abgeholzt, und den Treibhauseffekt gibt es auch schon ne Weile. Weil es sich nicht lohnt! Nachhaltigkeit war noch nie die Stärke des Kapitalismus, weil der kurzfristige ökonomische Vorsprung systembedingt immer dem nachhaltigen Konzept überlegen sein wird. Wer anders handelt, wird mit Bankrott abgestraft.
"Zwangsarbeit: Es steht in unserer Macht, diese Form der Ausbeutung zumindest zu beenden, indem wir dafür sorgen, dass eine Regierung zustande kommt, die sowas abschafft. Ist ja nicht so, als ob die große Mehrheit der Wahlbevölkerung dies gutheissen würde."
Und welche Partei soll ich dafür dann wählen? Die Grünen? Oder die Linkspartei, die du so gerne magst? (Da haben wir übrigens was gemeinsam :-))
"Anarchismus: Hört sich gut, ist halt nur fraglich ob das praktikabel ist. Für mich ist letztlich ausschlaggebend, ob die große Mehrheit der Bevölkerung davon wirklich profitieren würde, sprich ob die Theorie auch in die Praxis umzusetzen wäre. Das letzte Mal hat's ja auch nicht wirklich funktioniert.."
Welches letzte mal? Du meinst aber jetzt nicht die fiese Sowjetunion, oder? :-) Die muss man schon allein dafür hassen, dass sie durch ihre bloße Existenz jede Alternative zum Kapitalismus in den Dreck gezogen hat. Ökonomische Gleichheit unter Beibehaltung der Herrschaft muss zu neuem Despotismus führen. Und hat das hat sie, zu einem besonders bestialischen sogar.
Aber geschichtlich betrachtet ist es doch so: Wann immer sich ein anarchistisches Projekt irgendwo geregt hat, hat irgendjemand mit dem Hammer draufgeschlagen. Beispiel Spanien: Der spanische Bürgerkrieg wurde ja nicht nur von der Republik geführt, sondern in weiten Teilen auch von Anarchisten. Die dann (in einer gewissermaßen "konzertierten Aktion") von Stalins Sowjetunion, Hitlerdeutschland und den spanischen Faschisten ausgerottet wurden. Oder schau dir die Kronstädter Matrosen an. Oder die Münchner Räterepublik. Oder die Pariser Commune.
"Und ich gebe auch zu, dass eine 'anarchisch' (-libertäre) Welt jenseits meines Vorstellungsvermögens liegt. Der derzeitigen Ordnung liegt Gewalt zugrunde, sicherlich, aber strukturelle Gewalt hat ja nicht nur ne offensive sondern eben auch ne defensive Funktion. Und ich tue mich schwer daran zu glauben, dass in einer Welt ohne jede Gewalt die Rechte aller wirklich garantiert wären. Jeder Mensch ist letztlich mehr oder weniger am Eigennutz orientiert [...]. Eine Ordnung ohne Gewalt würde einen ganz anderen Menschen voraussetzen - und an der Schaffung eines solchen sind schon viele gescheitert, vorzugsweise Regime, die wir heute unter den Stichwörtern 'totalitär' bzw. diktatorisch subsummieren würden."
Ich bin Materialist und glaube, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Ich bin der Ansicht, dass in Verhältnissen, in denen die Konkurrenz so tief in die Menschen hineingesickert ist (siehe Studis, die irgendwelche Bücher aus reiner Boshaftigkeit aus der UB ausleihen, damit andere damit nicht lernen können) auch keine positive Utopie gelebt werden kann. Die ist ja gerade für die allermeisten Menschen nicht einmal denkbar! Es gibt eben kein richtiges Leben im Falschen. Das ist aber für mich kein Grund, das Falsche zu akzeptieren, wie es ist. Im Gegenteil: Die Zerstörung der kapitalistischen Produktionsweise würde ungeahnte Kräfte freisetzen, die derzeit für jede Menge Plunder verballert werden oder völlig ins Leere laufen. Aber das setzt eine Organisation jenseits des Nationalstaats voraus.
.
"Wie gesagt, ich halte nix von diesem dependenztheoretischen Gequatsche. 50 Jahre nach der Dekolonialisierung müssen sich die Dekolonialisierten auch mal an die eigene Nase fassen."
Es ist ja nicht so wie zur Zeit des Kolonialismus, dass die Staaten der sog. Dritten Welt ausgebeutet werden und billige Rohstofflieferanten abgeben sollen. Auch wenn das aus europäischer Perspektive sicherlich noch eine verlockende Sache darstellt.
Aber das Niveau der Rentabilität ist global doch mittlerweile so hoch, dass die Staaten oder auch die "noch-nicht-Staaten" (Palästina, Kurdistan, weiß der Geier) sowieso keine Chance hätten, auf dem Weltmarkt zu bestehen. Und da der Bestand des Kapitalismus eben von Nationalstaaten - vornehmlich denen in Europa und Nordamerika (aber auch von allen anderen) - gesichert wird, ist das für mich ein Grund, das Prinzip anzuzweifeln.
Dass sich die Dekolonisierten "an die Nase fassen sollen" finde ich ein bisschen zynisch. Wen meinst du denn damit? Die korrupten Staatschefs tun das, was für sie am besten ist: Sie basteln sich eine Kleptokratie. Die Demokratie mit dem Kapitalismus mit zu exportieren war ja nicht unbedingt ein Anliegen der ehemaligen Kolonialmächte. Abgesehen davon mischen diese nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch, noch immer kräftig mit in Afrika. (Siehe die französische Einflussnahme auf den Konflikt in Elfenbeinküste oder die europäischen Firmen, die in Rohstoff-, Diamanten-, Waffenhandel etc. verstrickt sind.) Oder sollen sich die
Menschen in den Ländern an die Nase fassen und sich gefälligst nicht mehr in Boote setzen und nach Europa schippern?
Versteh mich nicht falsch, ich bin kein Freund von Mugabe, Gbagbo oder sonstwelchen afrikanischen Diktatoren. Aber das Prinzip Staat funktioniert dort nicht mehr.
"Der Westen - das kapitalistische Zentrum hat keinerlei Interesse daran, dass Afrika in Trümmern liegt. Würde es dort wirtschaftlichen Aufschwung geben wie in China, wäre das tausendmal interessanter."
Glaubst du wirklich, dass sich der Exportweltmeister Deutschland eine solche Konkurrenz aus Afrika oder anderen "strukturschwachen" Weltregionen bieten ließe und sie sich sogar als Handelspartner noch herbeiwünscht?
"Die einzige ökonomische Logik, die ich in Somalia erkennen kann, ist die der Bereicherung. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem kann ich nicht erkennen."
Also ich schon. Soviel ich weiß tauschen die Menschen dort immer noch Waren gegen Geld und verkaufen ihre Arbeitskraft, um Überleben zu können. Ich weiß nicht besonders viel über Somalia. Aber dass dort alle Menschen in reiner Subsistenzwirtschaft leben, glaube ich nicht. Im Gegenteil: Eigentlich herrscht dort sogar der blanke, unreglementierte Kapitalismus. Den mögen sich irgendwelche Hardcore-Liberalen herbeisehnen, aber von den Linken hier findet sich darunter glaub keiner.
"Aber man muss auch zu schätzen wissen, was man aufgibt. Es ist ja nicht so, als dass wir hier in Europa nicht zu verlieren hätten außer unsere Ketten."
Ja, zu verlieren haben wir viel. Aber auch zu gewinnen. Und damit meine ich nicht nur das moralinsaure gute Gewissen, sondern einen ganz konkreten Zuwachs an Lebensqualität. Wieso gibt es denn Heerevon Arbeitslosen, während immer weniger Menschen wieder immer länger arbeiten sollen? Warum sind wir angepisst, wenn durch die Einführung von Maschinen Leute ihren Arbeitsplatz verlieren. An sich ist das doch ne schöne Sache wenn Arbeit von Maschinen verrichtet wird und nicht von Menschen?! Nenn mich gern faul, aber ich fänds schon ganz gut nur 3 Stunden am Tag zu arbeiten, so wie wahrscheinlich die meisten Menschen. Und dass das nicht denkbar (!) ist, ist nicht meine Schuld, sondern die derjenigen Menschen, die den Kapitalismus grundsätzlich als alternativlos darstellen.
"Ökologie: Das sehe ich gerade als Beispiel für die Wichtigkeit des weiteren Bestehens staatlicher Ordnungen. Da braucht es eine globale konzertierte Aktion - und die können letztlich nur Staaten zustande bringen."
Eine globale konzertierte Aktion. Und warum bleibt die aus? Warum muss erst alles vor die Hunde gehen, bevor mal irgendein Staat auf die Idee kommt, völlig ungenügende Klimaziele aufzustellen, die dann doch wieder relativiert werden? Der Regenwald wird ja nicht seit gestern abgeholzt, und den Treibhauseffekt gibt es auch schon ne Weile. Weil es sich nicht lohnt! Nachhaltigkeit war noch nie die Stärke des Kapitalismus, weil der kurzfristige ökonomische Vorsprung systembedingt immer dem nachhaltigen Konzept überlegen sein wird. Wer anders handelt, wird mit Bankrott abgestraft.
"Zwangsarbeit: Es steht in unserer Macht, diese Form der Ausbeutung zumindest zu beenden, indem wir dafür sorgen, dass eine Regierung zustande kommt, die sowas abschafft. Ist ja nicht so, als ob die große Mehrheit der Wahlbevölkerung dies gutheissen würde."
Und welche Partei soll ich dafür dann wählen? Die Grünen? Oder die Linkspartei, die du so gerne magst? (Da haben wir übrigens was gemeinsam :-))
"Anarchismus: Hört sich gut, ist halt nur fraglich ob das praktikabel ist. Für mich ist letztlich ausschlaggebend, ob die große Mehrheit der Bevölkerung davon wirklich profitieren würde, sprich ob die Theorie auch in die Praxis umzusetzen wäre. Das letzte Mal hat's ja auch nicht wirklich funktioniert.."
Welches letzte mal? Du meinst aber jetzt nicht die fiese Sowjetunion, oder? :-) Die muss man schon allein dafür hassen, dass sie durch ihre bloße Existenz jede Alternative zum Kapitalismus in den Dreck gezogen hat. Ökonomische Gleichheit unter Beibehaltung der Herrschaft muss zu neuem Despotismus führen. Und hat das hat sie, zu einem besonders bestialischen sogar.
Aber geschichtlich betrachtet ist es doch so: Wann immer sich ein anarchistisches Projekt irgendwo geregt hat, hat irgendjemand mit dem Hammer draufgeschlagen. Beispiel Spanien: Der spanische Bürgerkrieg wurde ja nicht nur von der Republik geführt, sondern in weiten Teilen auch von Anarchisten. Die dann (in einer gewissermaßen "konzertierten Aktion") von Stalins Sowjetunion, Hitlerdeutschland und den spanischen Faschisten ausgerottet wurden. Oder schau dir die Kronstädter Matrosen an. Oder die Münchner Räterepublik. Oder die Pariser Commune.
"Und ich gebe auch zu, dass eine 'anarchisch' (-libertäre) Welt jenseits meines Vorstellungsvermögens liegt. Der derzeitigen Ordnung liegt Gewalt zugrunde, sicherlich, aber strukturelle Gewalt hat ja nicht nur ne offensive sondern eben auch ne defensive Funktion. Und ich tue mich schwer daran zu glauben, dass in einer Welt ohne jede Gewalt die Rechte aller wirklich garantiert wären. Jeder Mensch ist letztlich mehr oder weniger am Eigennutz orientiert [...]. Eine Ordnung ohne Gewalt würde einen ganz anderen Menschen voraussetzen - und an der Schaffung eines solchen sind schon viele gescheitert, vorzugsweise Regime, die wir heute unter den Stichwörtern 'totalitär' bzw. diktatorisch subsummieren würden."
Ich bin Materialist und glaube, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Ich bin der Ansicht, dass in Verhältnissen, in denen die Konkurrenz so tief in die Menschen hineingesickert ist (siehe Studis, die irgendwelche Bücher aus reiner Boshaftigkeit aus der UB ausleihen, damit andere damit nicht lernen können) auch keine positive Utopie gelebt werden kann. Die ist ja gerade für die allermeisten Menschen nicht einmal denkbar! Es gibt eben kein richtiges Leben im Falschen. Das ist aber für mich kein Grund, das Falsche zu akzeptieren, wie es ist. Im Gegenteil: Die Zerstörung der kapitalistischen Produktionsweise würde ungeahnte Kräfte freisetzen, die derzeit für jede Menge Plunder verballert werden oder völlig ins Leere laufen. Aber das setzt eine Organisation jenseits des Nationalstaats voraus.
In diesem Sinne: Anarchismus oder Barbarei! :)