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Wisst Ihr, in gewisser Weise habt Ihr ja recht...

...und trotzdem freut mich, zwischen den Zeilen lesen zu können, wie angepisst ihr seid ;-)

Was sich in Deutschland gegenwärtig wieder abspielt, und was sich während der WM vor zwei Jahren abgespielt hat, ist nichts weiter als eine 'Normalisierung'. Sprich: Die Deutschen haben angefangen sich genauso dämlich und bescheuert zu benehmen wie alle anderen Völker (ja, pöhses Kollektiv!) auf diesem Planeten auch.

Der Nationalismus mag als Ideologie Millionen Opfer gefordert haben, er mag Genozide und ethnische Säuberungen gerechtfertigt haben, er hatte jedoch historisch gesehen auch eine durchaus emanzipative ('linke') Seite. Er hat nämlich nicht nur ausgegrenzt, wie ihr schreibt (die australische Brieffreundin, und die Flüchtlinge), sondern er hat zu allererst einmal alle Menschen eines Kollektivs zu Gleichen gemacht. Völlig egal ob Adliger, Bürgerlicher, oder Prolet - völlig egal ob katholisch, evangelisch oder jüdisch - völlig egal ob reich oder arm - ob schön oder hässlich - ob gebildet oder ungebildet - alle waren in einem gleich: sie waren deutsche Staatsbürger und als solche hatten sie alle eine Stimme, zählten sie alle gleich vor dem Gesetz und waren mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet.

Diese Errungenschaften muss man/frau erstmal anerkennen, da ohne dies alle weiteren Emanzipierungsbewegungen undenkbar gewesen wären. Erst vom Schritt der formellen Gleichheit unter Deutschen konnte man zum Schritt der formellen Gleichheit unter Menschen übergehen. Von einer Solidargemeinschaft, einem füreinander einstehen, im Rahmen eines konstruierten Kollektivs, nämlich der Nation, zur weltweiten Solidargemeinschaft, der Menschheit.

Es mag sein, und es ist so gewesen, dass sich Kollektive zur Gewalt mobilisieren lassen. Aber diese Kollektive müssen nicht notwendigerweise Nationen sein - sondern können eben auch Klassen, Interessensgemeinschaften, ethnische Gruppen, Religionsgemeinschaften sein. Die 'Nation' ist nur ein Kollektiv unter vielen, und wenn ihr dies zerstören wollt, dann fragt sich, was aus den anderen Kollektiven wird. Haben Menschen nicht auch im Namen des Christentums getötet, töten sie nicht noch im Namen des Islams, oder gar im Namen des Fortschritts - im Namen einer kleinen Elite, die sich darauf beruft eine Avantgarde zu sein? Man kann für Dummheiten zur Waffe greifen, für die vermeintliche 'Verteidigung' der Nation zum Beispiel. Man/Frau kann aber auch durchaus für die nobelsten Ziele zum Mörder werden. Linke oder sich selbst als 'links' titulierende und verstehende Menschen haben dies getan, eben weil sie glaubten, das dies im Namen des Fortschritts geschehe! Das Resultat kennen wir alle: Millionen und Abermillionen Ermordete, Entrechtete, und Vertriebene.

Eine Bitte: erkennt die Harmlosigkeit dieses Party-Patriotismus! Keiner zwingt Euch dazu, mitzumachen. Aber es ist doch auch nicht so, dass die Fahnenschwenkenden Massen hernach ins türkische Viertel oder ins Asylantenlager rennen und dort morden und brandschatzen. Es ist ein friedvoller Patriotismus, ein sich-freuen mit 'seiner' Mannschaft, aber kein Herabsetzen, sondern ein Respektieren und sich-mit-freuen und sich mit-ergötzen an den Erfolgen und den schönen Spielen der anderen. Kollektividentität mag ausgrenzen, jedes Kollektiv tut dies, es sei denn, es umschliesst die ganze Welt. Aber die Frage ist doch, wie tragisch, wie gemein, wie bösartig diese vorrübergehende Ausgrenzung ist, die doch durch so viele andere Loyalitäten und Kollektive, die uns mit Menschen über unsere Grenzen hinweg verbinden einen, wieder aufgehoben wird.

Zwei Sachen zum Schluss:

"Der Feldzug für die „Reinheit“ der deutschen Sprache und eine Deutschquote in Radio und Fernsehen."

--> ironisch dargestellt, und ja, ihr habt recht: es mag lächerlich erscheinen. Andererseits sollte man sich fragen, ob man die Usurpation unserer Muttersprache durch kleine Kollektive wie die Wirtschaftseliten dulden sollte. Genauso in anderen Ländern: war der Kampf der Québequois für den Erhalt und die Stärkung ihrer Sprache gegen das übermächtige Englisch (man herrschte sie damals an: "speak white") denn so abscheulich, oder haben Menschen nicht auch kulturelle Rechte, zum Beispiel das Recht ihre Muttersprache sprechen zu dürfen. Ähnliches gilt für Kurden, Basken, Aymara u.v.m., die 'ihre' betreffenden Staaten meinen, 'assimilieren' zu müssen.

"Die „Wiederentdeckung“ von deutschen „Opfern“ (Bombardierungen, „Vertriebene“)."

--> hübsch formuliert. Copy and Paste aus einer Zeitung der polnischen Rechten? Was ist schlimm daran, auch an eigene Opfer zu erinnern, und warum eigentlich Opfer in Anführungszeichen? Sind die Menschen, die Stalin nach Sibieren deportieren ließ, sind die Millionen Vertriebenen, denen man ihre Heimat genommen hat, sind die tausenden Toten der Bombenangriffe etwa keine Opfer? Darf ihrer nicht gedacht werden? War ihr Tod, ihre Vertreibung, der Mord an ihnen etwa 'gerecht', weil alles Deutsche nach Kriegsende scheinbar vogelfrei war, und vermeintlich Deutsche jegliche unveräußerliche Menschenrechte verloren hatten? Nein, Opfer in Anführungszeichen ist eine Verhöhnung, eine Herabsetzung, und denkender, emanzipierter Menschen in keiner Weise würdig!

Auch die kritische Linke sollte versuchen, sich von ihren 'nationalen' Komplexen zu befreien, sich davon zu lösen, diese deutsche 'Nation' erlösen und befreien zu wollen, indem sich sich dümmliche Namen wie 'Finis Germaniae' gibt. In diesem Sinne: werdet erwachsen und holt schon mal die Portugalflaggen heraus!

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