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SSR in Afghanistan

Dienstag, 21. Oktober 2008

Es sind einige neue Texte zum Polizeiaufbau etc. in Afghanistan erschienen. Zunächst eine “Studie” der SWP, in der auch einige ältere SWP Texte aufgegangen sind. Interessant ist hier insbesondere der Teil, der sich mit der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit beschäftigt. Diese diene bislang v.a. der Legitimation des Einsatzes in Deutschland. Um die Wirksamkeit im Einsatzland zu erhöhen, werden drei Vorschläge gemacht.
Peter Schmidt (Hg.): Das internationale Engagement in Afghanistan; SWP-Studie S23, August 2008

UNICEF hat eine Studie zur Lage von Kindern und Jugendlichen in afghanischen Gefängnissen veröffentlicht. Über weit verbreitete Folter und Misshandlungen wird berichtet. Insgesamt scheint der Text dahin zu tendieren, dass mehr Vollzugsanstalten gebaut werden sollte. Armut als Ursache der Kriminalität wird immerhin erwähnt und auch in vielen Beispielen deutlich.
UNICEF: The situation for children in conflict with the law in Afghanistan, Juni 2008

German-Foreign-Policy.com hat diese und weitere Berichte kritisch zusammengefasst. Weil diese Texte immer recht bald verschwinden, werde ich ihn unten als Volltext hineinkopieren. Davor möchte ich noch auf zwei andere Aspekte hinweisen:

Unmittelbar vor der Bundestagsabstimmung hat das BICC eine Art Positionspapier veröffentlicht, in dem es in erster Linie um den geplanten AWACS-Einsatz in Afghanistan geht. In dem kurzen Papier werden aber auch einige andere Themen auf ziemlich interessante Weise angeschnitten.
Michael Ashkenazi: Putting the cart before the horse - AWACs and fundamental policy objectives in Afghanistan, BICC Policy Paper, Oktober 2008

Abschließend eine Meldung von Reuters vom 15.10.2008, die, finde ich, viel aussagt. Wären es jedenfalls gut organisierte und ausgerüstete Aufständische gewesen, die diesen Lebensmittelkonvoi angegriffen haben, wäre die ANP nicht so glimpflich davongekommen. So konnte sie alle Angreifer töten:

“Bei Kämpfen in der nordwestafghanischen Provinz Badghis wurden nach Polizeiangaben sechs Aufständische getötet. Die Rebellen hätten einen Lebensmittelkonvoi überfallen und so die Gefechte mit der Polizei ausgelöst, sagte der Polizeichef der Provinz, Mohammad Ayoub Naisyar. Sicherheitskräfte seien nicht getötet worden.”

Nun der Text von German-Foreign-Policy.com:
Teil des Problems (21.10.2008)
BERLIN/KABUL (Eigener Bericht) - In Afghanistan werden schwere Vorwürfe gegen die federführend von Deutschland aufgebaute Polizei laut. Wie es in einer aktuellen Untersuchung des Kinderhilfswerks UNICEF und der Afghanistan Independent Human Rights Commission heißt, werden Kinder und Jugendliche in afghanischem Polizeigewahrsam gefoltert; nur rund ein Fünftel der befragten Minderjährigen gibt an, in der Haft nicht misshandelt worden zu sein. Seit mehr als sechs Jahren ist Deutschland “Führungsnation” beim Aufbau der afghanischen Polizei und erklärt, derlei Missstände beseitigen zu wollen. Tatsächlich kooperieren die zuständigen deutschen Stellen nicht nur mit berüchtigten Warlords, sondern beteiligen sich daran, das Polizeitraining auf die Aufstandsbekämpfung zu fokussieren. Eine Brutalisierung der Repressionskräfte ist die Folge. Schwere Vorwürfe gegen die afghanische Polizei sind bereits in den 1960er und 1970er Jahren erhoben worden. Auch damals war die Bundesrepublik mit der Ausbildung afghanischer Polizisten befasst.

Systematische Folter
Schwere Vorwürfe gegen die afghanische Polizei erhebt eine aktuelle Untersuchung des Kinderhilfswerks UNICEF und der Menschenrechtsorganisation Afghanistan Independent Human Rights Commission (AIHRC).[1] Die Untersuchung befasst sich mit der Situation von Kindern in afghanischen Haftanstalten. Sie stellt nicht nur miserable Haftbedingungen und das häufige Überschreiten der für Kinder zulässigen Haftzeiten fest, sondern auch massive Gewalt seitens der Polizisten. So gaben nur 21 Prozent der Jugendlichen an, nicht misshandelt worden zu sein. 36 Prozent berichteten von Misshandlungen, 43 Prozent wollten keine Auskunft dazu geben. Die Gewalttaten riefen teilweise schwere, in einzelnen Fällen sogar dauerhafte Verletzungen hervor. Wenn “nur 21 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen gesagt haben: wir sind nicht durch die Polizei gefoltert und misshandelt worden, dann sprechen wir von systematischer Folter”, urteilt der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zu Folter, Manfred Nowak.[2]

Menschenrechtsverletzungen
Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen Beobachtungen, die nicht nur in Afghanistan selbst Gemeingut sind, sondern auch in Berlin seit langem offen debattiert werden. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) etwa berichtete schon im vergangenen Sommer von schweren Missständen in der afghanischen Polizei. Demnach werden Polizisten immer wieder “der Folter und anderer Menschenrechtsverletzungen beschuldigt”. Polizisten seien in den Drogenhandel verwickelt, kassierten Geld für die Freilassung von Gefangenen und bereicherten sich durch illegale Gebühren an Kontrollpunkten und anderes mehr.[3] Die Bevölkerung nehme die Repressionskräfte “eher als Teil der Sicherheitsprobleme des Landes denn als Mittel zu deren Lösung wahr”. In diesem Sommer wurden die Vorwürfe fast wortgleich wiederholt.[4] Sie wiegen schwer, da Berlin schon im Jahr 2002 die Führung beim Neuaufbau der afghanischen Polizei übernommen hat, ohne dass bisher in Sachen Menschenrechte ernsthafte Fortschritte erzielt worden seien. Verbesserungen blieben auch nach der Übernahme des Polizeiaufbaus durch die EU im Sommer 2007 aus. Die EU Police Mission in Afghanistan (EUPOL) unterstand bis vor wenigen Tagen einem deutschen Beamten.
Milizen
Das Scheitern des Polizeiaufbaus in Afghanistan ist keineswegs bloßer Nachlässigkeit der zuständigen Behörden geschuldet. Beim Versuch, in Kabul eine prowestliche Regierung zu installieren, war der Westen auf Parteigänger angewiesen - und ging dabei Bündnisse mit verschiedenen berüchtigten Warlords ein. Wie die SWP berichtet, wirkt sich das auch auf den Polizeiaufbau aus. Zwar rechnen es die Regierungsberater aus Berlin dem Marionettenregime in Kabul zu, dass sich eine ganze Reihe von “Milizen einflussreicher Warlords und Kommandanten” als “Polizisten” etablieren konnten; diese handelten “im Alltag nach eigenem ‘Recht’”, heißt es über die Willkürherrschaft bewaffneter Banden in Polizeiuniform.[5] Allerdings ist die Inthronisierung von Warlords ohne zumindest stillschweigende Billigung der Besatzungsmächte nicht denkbar. Ein Beispiel praktischer Art bietet die Einweihung des Deutschen Polizeitrainingscenters in Mazar-e-Sharif vor genau einer Woche.

Gouverneur
Wie das Bundesinnenministerium mitteilt, wurde die Einrichtung, an der künftig bis zu 1.000 afghanische Polizisten im Jahr ausgebildet werden sollen, durch den deutschen Botschafter in Afghanistan vorgenommen - “zusammen mit dem Gouverneur der Provinz Balkh, Herrn Mohammed Atta”.[6] Gouverneur Atta hatte bereits am 23. Juli an der Grundsteinlegung für die Institution teilgenommen; auf einem Foto, das das Auswärtige Amt verbreitet, ist er bei der Feierlichkeit zu sehen - unmittelbar neben Außenminister Steinmeier. Atta ist einer der mächtigsten Warlords im Norden Afghanistans. Bis Anfang 2004 wurden seine Milizen von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schwerer Verbrechen beschuldigt; kurz danach stieg er zum Gouverneur in Mazar-e-Sharif auf. Seitdem übt nicht mehr der Westen, sondern nur noch die Opposition innerhalb Afghanistans Kritik. Sie wird deshalb mit dem Tode bedroht. “In den letzten Jahren wurden in Masar 162 Häuser illegal von der Regierung [Attas, d. Red.] besetzt, aber niemand traut sich, darüber zu berichten”, erzählt ein Journalist; ihm zufolge wurde vor wenigen Monaten ein Arzt umgebracht, “weil ihm das Land in einem Stadtteil gehörte, das Atta haben wollte”.[7] Die Besatzungstruppen “unterstützen eine Regierung, die aus Kriminellen besteht”, protestiert ein anderer Pressevertreter. Tatsächlich lässt sich nicht nur der deutsche Außenminister mit Atta ablichten; der Warlord, der nach Ansicht von UNO-Stellen bis heute im Drogenhandel tätig ist, hielt sich im Mai in Berlin auf - auf Einladung des Auswärtigen Amts.

Aufstandsbekämpfung
Der Polizeiaufbau in Afghanistan ist überdies in hohem Maße auf die Aufstandsbekämpfung fokussiert. Vor allem die Vereinigten Staaten, aber auch Deutschland treiben entsprechende Maßnahmen voran. Dabei geht es darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst zahlreiche einheimische Kräfte gegen die Aufständischen in Stellung zu bringen. Neben der Armee (Afghan National Army, ANA) wird auch die Polizei (Afghan National Police, ANP) zu diesem Zweck trainiert. So umfassen deutsche Ausbildungsmaßnahmen, die nicht selten von Feldjägern der Bundeswehr angeleitet werden, die “Durchführung von Personen- und Fahrzeugkontrollen im Rahmen von Checkpointoperationen” und das “Erkennen von Sprengfallen und Sprengsätzen”.[8] Der richtige Gebrauch von Sturmgewehren (AK 47, “Kalaschnikow”) wird den afghanischen Polizeianwärtern ebenfalls von deutschen Feldjägern vermittelt.[9] Dass all dies angewandt wird, belegen nicht nur Manöverszenarien der Bundeswehr. So heißt es etwa in der Beschreibung einer in diesem Frühjahr abgehaltenen Kriegsübung der deutschen Besatzungstruppen: “Soldaten der deutschen Quick Reaction Force (QRF) haben den Auftrag, bei einer Zugriffsoperation den äußeren Ring um eine Ortschaft zu bilden”. Über die Aufgaben, die der Polizei Afghanistans zugedacht sind, heißt es: “Polizeikräfte der Afghan National Police (ANP) führen den Zugriff in der Ortschaft durch.”[10] Bei einer ähnlichen Aktion kam es am gestrigen Montag zu dem tödlichen Anschlag auf deutsche Soldaten in Kunduz.

Nicht zum ersten Mal
Das Paktieren mit berüchtigten Warlords und die Einbeziehung der Polizei in die Aufstandsbekämpfung tragen maßgeblich zur Brutalisierung der afghanischen Repressionskräfte bei, deren Folgen die jetzt veröffentlichte Studie von UNICEF und AIHRC kenntlich macht. Dabei werden deutsche Maßnahmen zum Aufbau der afghanischen Polizei nicht zum ersten Male von schweren Vorwürfen begleitet.

Polizeichef
Deutsche Polizeiausbilder waren lange vor dem afghanischen Bürgerkrieg in Kabul aktiv - schon Mitte der 1950er Jahre.[11] Als die Vereinigten Staaten ihre Unterstützung für die afghanischen Repressionskräfte Anfang der 1960er Jahre beendet hatten, entsandte die Bundesrepublik einen Inspekteur der Länderbereitschaftspolizei im Bundesinnenministerium in die afghanische Hauptstadt. Dieser firmierte im dortigen Innenministerium als Regierungsberater für Polizeifragen und auch als Koordinator der gesamten bundesdeutschen Polizeiarbeit. Auf diese Weise bekam die Bundesrepublik “das gesamte Polizeiwesen des Landes unter ihre Regie”, urteilt der Afghanistan-Experte Matin Baraki.[12] Im März 1974 konnte Bonn sogar einen Oberpolizeidirektor nach Kabul entsenden, der dort für drei Jahre als gesamtafghanischer Polizeichef tätig war. Afghanische Polizisten wurden auch in der Bundesrepublik ausgebildet, unter anderem Offiziere der Politischen Polizei.

Willkür, Beschimpfungen, Prügel
Bereits damals waren die von Deutschen trainierten afghanischen Polizisten mit Misshandlungsvorwürfen konfrontiert. Wie Baraki schreibt, wurden “Festnahmen oder Verhaftungen (…) auch ohne richterlichen Beschluß vorgenommen”. Nicht nur Beschimpfungen und Beleidigungen, sondern auch “das Prügeln von Bürgern aus nichtigem Anlaß (Verkehrsdelikte u.ä.)” war “an der Tagesordnung”. Allerdings verhielt sich die afghanische Polizei im westlichen Sinne zuverlässig. Als sich im Jahr 1978 eine sozialistische Regierung in Kabul an die Macht brachte, waren die einzigen Staatsorgane, die sich gegen sie auflehnten, “die von und in der BRD ausgebildeten Polizeieinheiten. Einige dieser afghanischen Polizisten, die nach 1978 die neuen Verhältnisse nicht akzeptieren wollten, setzten sich in die BRD bzw. nach Berlin/West ab”. Sie erhielten “entsprechende Positionen in der dortigen Polizei.”[13]

Entwicklungshilfe für Aufstandsbekämpfung: Caritas fordert Strategiewechsel für Afghanistan

Mittwoch, 09. Juli 2008

Der heutige Newsletter von german-foreign-policy.com (gfp) liefert verschiedene Belege dafür, dass der Afghanistaneinsatz immer offensichtlicher schief läuft. So werden deutsche Militärs (mittlerweile auch zunehmend in der bürgerlichen Presse) zitiert, die vor einer Ausweitung des Mandats warnen und den Sinn des Einsatzes insgesamt in Frage stellen. Selbst die aüßerst regierungsfreundliche und kriegstreiberische Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) wird mit einer Studie vom Juni 2008 zitiert, wonach “Ein bedeutender Teil der Aufständischen nicht zur Al-Qaida-Internationalen [gehört], sondern die Karzai-Administration wegen ihrer institutionellen Schwächen - schlechter Regierungsführung, Korruption und mangelnder Rechtsstaatlichkeit [bekämpft]“.
Dadurch hat sich die Lage weiter verschlechtert, wie gfp zusammenfasst:

“Dass in den vergangenen beiden Monaten zum ersten Mal mehr westliche Soldaten am Hindukusch ums Leben kamen als im Irak, hat in den westlichen Medien für große Aufmerksamkeit gesorgt. Im Juni starben 45 Soldaten der Besatzungstruppen in Afghanistan - 50 Prozent mehr als im Irak (31 Todesopfer). Allein ISAF verzeichnete zuletzt mehr als 200 “Vorfälle” wöchentlich. Über die Hälfte davon waren Schusswechsel und Gefechte, ein Viertel resultierte aus Mörser- oder aus Raketenbeschuss. Die Aufständischen kontrollieren immer größere Teile des Landes und erreichen mit blutigen Anschlägen immer öfter die Hauptstadt. Selbst die Medien der Bundeswehr berichten inzwischen von ablehnender oder gar offen feindseliger Stimmung gegenüber den Besatzungstruppen in der gesamten Bevölkerung.”

Gründe für die zunehmend feindselige Stimmung in der Bevölkerung nennt Caritas International in einem Positionspapier und warnt vor einer Hungerkatastrophe in Afghanistan. Von Demonstrationen und Streiks wird berichtet, die westliche Entwicklungsstrategie scharf kritisiert, weil sie in erster Linie auf “Aufstandsbekämpfung” abziele und viele der Gelder in die Geberländer zurückfliessen:

“Afghanistan nimmt einen der niedrigsten Ränge auf dem UN-Entwicklungsindex ein (174er Platz von insgesamt 178 Ländern laut UNDP HDI-Index von 2007) und in der Bewertung des Risiko- und Verletzlichkeitszustandes der eigenen Nation hat eine Studie gezeigt (NRVA), dass 45 % der gesamten Bevölkerung Schwierigkeiten bei der täglichen Beschaffung von Nahrungsmitteln hat. Weitere 20%, so schätzt man, leben nur knapp über diesem Standard.
Afghanistan ist von der weltweiten Nahrungsmittelknappheit im Jahre 2008 besonders stark betroffen. Eine humanitäre Katastrophe ist zu befürchten. Jahr für Jahr ist Afghanistan abhängig von Lebensmittelimporten, wobei die beiden hauptsächlichen Quellenländer für importiertes Getreide, Iran und Pakistan aktuell ihre Exporte strikt begrenzt haben…
Alle Strategien zur Bewältigung der Probleme von Millionen Menschen werden durch den Preisanstieg unterlaufen und haben mittlerweile zu vielen Demonstrationen und Streiks im ganzen Land geführt…
Nichtregierungsorganisationen kritisieren die Wirksamkeit der internationalen staatlichen Hilfe in Afghanistan. Unter anderem ist zu monieren dass ein beträchtlicher Anteil der internationalen Hilfe an Wirtschaftsunternehmen oder teure ausländische Berater fließt.
Viel davon ist das Ergebnis “gebundener Hilfe” bei der die Geldgeber ihre Unterstützung an vertraglich vereinbarte Bedingungen knüpfen, dass importierte Arbeitskräfte und Güter genutzt werden müssen -, zumeist des jeweiligen Geber-Landes. Eine Untersuchung in der Folge der Pariser Deklaration zur Effektivität der Entwicklungshilfe hat im Jahre 2008 festgestellt, dass die Hälfte der gesamten, für Afghanistan bestimmten Entwicklungshilfe an solche Bedingungen geknüpft sind. Schlussendlich führt diese Art von “gebundener Hilfe” dazu, dass weniger Geld tatsächlich in den afghanischen Gemeinden ankommt.
Weiterhin ist die Entwicklungshilfe, wie von vielen internationalen und afghanischen Beobachtern berichtet wird, weniger auf die Bekämpfung von Armut ausgerichtet sondern in erster Linie, um Aufstände zu verhindern und den Opiumanbau einzudämmen.
Diese Ausrichtung der Entwicklungshilfe steht in Zusammenhang mit den enormen Militärausgaben, die bereits geflossen sind. So schätzt der jüngste ACBAR-Report, dass die Ausgaben des US-amerikanischen Militärs pro Tag um das 14-fache höher sind, als die gesamte internationale Entwicklungshilfe. Das US-Militär in Afghanistan kostet täglich etwa 100 Mill. US-Dollar.
Darüber hinaus sind große Beträge der Entwicklungshilfe mit der militärischen Präsenz internationaler Truppen in spezifischen “Provincial Reconstruction Teams” (lokalen Wiederaufbauprogrammen) verknüpft. Neuere Untersuchungen bestätigen die Beobachtungen, dass die Ausschüttung der Hilfsgelder nicht an den tatsächlichen Hilfs-Bedarf gekoppelt ist, sondern sich vielmehr an der Aufstandsbekämpfung orientiert.”

Jürgen Wagner hatte kurz zuvor in einer IMI-Analyse davor gewarnt, Afghanistan werde zum Experimentierfeld für die dauerhafte Institutionalisierung Zivil-militärischer Aufstandsbekämpfung:

Das gesamte Kriegskonzept der NATO kreist seit einiger Zeit um den Begriff der “vernetzten Sicherheit” – im NATO-Jargon auch “comprehensive approach” genannt. Im Kern geht es dabei darum, alle verfügbaren zivilen Kapazitäten (Entwicklungshelfer, Polizisten, Juristen, etc.) für das reibungslose Funktionieren des Besatzungsregimes nutzbar zu machen. Formal soll die Tätigkeit ziviler Akteure dabei – bislang noch - lediglich eng mit dem Militär koordiniert werden, in der Praxis werden sie ihm jedoch faktisch unterstellt.
Wie man sich das für Afghanistan vorstellt, wird von Daniel Fried, Staatssekretär für Europäische und Eurasische Angelegenheiten des amerikanischen Außenministeriums, bei einer Anhörung vor dem US-Kongress folgendermaßen beschrieben: “Viele der neuen [NATO-Militär-]Kapazitäten werden gegenwärtig in Afghanistan getestet – dort lernen wir auch, wie zivile und militärische Anstrengungen besser integriert werden können. Mit jedem Monat lernen wir mehr darüber, was im 21. Jahrhundert für eine Aufstandsbekämpfung erforderlich ist – ein kombinierter zivil-militärischer Ansatz, bei dem Soldaten Seite an Seite mit Entwicklungshelfern, Diplomaten und Polizeitrainern agieren.”[12] Ganz konkret funktioniert die Zivil-militärische Zusammenarbeit (CIMIC) in Afghanistan über so genannte Regionale Wiederaufbauteams (Provincial Reconstruction Teams, PRTs). Deutschland unterhält zwei dieser aus Soldaten und Zivilisten zusammengesetzten Einheiten (in Kundus und Faisabad). Diese Truppen sollen nicht nur kämpfen, sie sind auch für humanitäre Hilfe, Wiederaufbaumaßnahmen und vieles weitere zuständig: “PRTs weisen eine Stärke von jeweils etwa 50 bis 500 Personen auf. [...] Dabei agieren die PRTs in drei Dimensionen: Schaffung von Sicherheit, Bildung staatlicher Institutionen und Durchführung bzw. Ermöglichung von Wiederaufbau. [...] Im Feld sind PRTs als Patrouille, Vermittler, Netzwerkbilder, Betreiber von Wiederaufbauprojekten, Armee- und Polizeiausbildner, Demobilisierungs- und Entwaffnungshelfer sowie als Informationsbeschaffer aktiv.”[13] Das konkrete Aufgabenprofil der deutschen CIMIC-Einheiten wird folgendermaßen beschrieben: “Die deutschen PRTs unterstützen aber nicht nur den Aufbau der Polizei, sondern sind auch in weiteren Bereichen aktiv, wie u.a. in der Drogenbekämpfung und der Bekämpfung des Terrorismus, in der Öffentlichkeitsarbeit (Betreiben von Radiosendern) sowie im Monitoring (Sammeln von Informationen aus den Bereichen Politik und Militär).”[14]
Obwohl das Groß der Wiederaufbaumaßnahmen außerhalb der CIMIC-Strukturen erfolgt, wird hiermit – erfolgreich (s.u.) - der Eindruck erweckt, humanitäre Hilfe sei von Militär und ihrem Besatzungsregime nicht zu trennen. Als eine Art PR-Maßnahme soll hierdurch die Akzeptanz der militärischen Besatzung in der afghanischen Bevölkerung erhöht werden. Darüber hinaus leisten die PRTs für Kampfhandlungen - so sie sie nicht gleich selbst durchführen – Zuarbeit in Form von Spionagetätigkeiten. Anne Bodine, Mitarbeiterin des US-Außenministeriums im PRT in Herat, beschrieb die Tätigkeit ihrer Truppe wie folgt: “Wir sind Augen und Ohren der US-Regierung.”[15] Auch die SWP betont, “das große Potential der CIMIC-Kräfte” müsse zukünftig “stärker berücksichtigt werden”. In einem “so vielschichtigen und sich rasch verändernden sozialen Umfeld wie Afghanistan” seien “Kenntnisse über lokale Machtgefüge [...] äußerst wichtig.” CIMIC gehöre mittlerweile sogar “zu den Ausbildungsgängen der Führungsakademie der Bundeswehr”, berichtet die SWP: “Damit wird den zukünftigen Kommandeuren der hohe Nutzen von CIMIC bei Lagebildgenerierung, Bewertung und Erstellung von Handlungsempfehlungen [...] vertraut gemacht”.[16]
Um den zahlreichen Vorwürfen von Seiten humanitärer Organisationen zu begegnen, sie würden im Rahmen von CIMIC dem Militär untergeordnet, stellen die SWP-Autoren zwar richtigerweise fest, die deutschen PRTs würden – im Gegensatz zu den US-amerikanischen – “gleichberechtigt von einem Vertreter der Bundeswehr und einem des Auswärtigen Amtes geleitet.”[17] Aber selbst im Bundesministerium für Zusammenarbeit (BMZ) wird eingeräumt, dass in der Praxis von Gleichberechtigung keine Rede sein kann: “[A]uch das deutsche PRT folge in erster Linie einer militärischen Logik, kritisiert [BMZ-Staatssekretär Erich] Stather, da die erste Überlegung sei, wo es aus militärischer beziehungsweise sicherheitspolitischer Perspektive wichtig sei, Präsenz zu zeigen und erst in einem zweiten Schritt überlegt werde, welche entwicklungspolitischen Maßnahmen in der gewählten Region sinnvoll seien.”[18] Einen weiteren Aspekt spricht Hans-Joachim Preuß, Generalssekretär der Welthungerhilfe, an: “Im deutschen PRT ist zu unterscheiden die ‘funktionale’ Trennung der verschiedenen Elemente von der Sichtbarkeit der Trennung nach außen. Die ‘funktionale’ Trennung [...] funktioniert eher als die Trennung nach außen.”[19]