Afghanistan: Zur Sicherheit der Zivilbevölkerung
Mittwoch, 26. November 2008Zur Einleitung nochmal die Pressemitteilung “Internationales Engagement in Afghanistan: Erfolgreicher als gedacht” von den “embedded scientists” des SFB 700 zur subjektiven Sicherheit der Bevölkerung in Afghanistan:
“Die Präsenz der ausländischen Einsatzkräfte trägt nach Ansicht der Menschen im Lande nicht nur zu mehr Sicherheit bei, sondern auch zu einer besseren Versorgungslage und Infrastruktur. Das ist das Ergebnis einer umfassenden sozialwissenschaftlichen Meinungsumfrage, die Wissenschaftler der Freien Universität im Nordosten des Landes durchgeführt haben. Die Untersuchung wurde von Prof. Dr. Christoph Zürcher und Jan Koehler von der Freien Universität Berlin im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ organisiert. Befragt wurden 2034 Haushalte in 77 Gemeinden im Norden Afghanistans… Einer der Kernbefunde der Umfrage: 76 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Sicherheitslage im Nordosten Afghanistans seit 2005 sehr verbessert habe. Und für 80 Prozent der Befragten trägt die internationale Präsenz positiv zu dieser Entwicklung bei.”
Ein ganz anderes Bild zeichnet Mark Sappenfield für den Christian Science Monitor unter dem Titel “Rise in crime, kidnapping, top Afghans’ worries”. Einige Ausschnitte:
The steady decline in law and order – particularly murders and kidnappings – has accelerated this year. In the prosperous western trading hub of Herat, rising crime has led investors to pull out of the area. Some 150 of the province’s 250 factories have closed, according to the Union of Herat, a traders association. The province’s parliamentary delegation has threatened to resign if the government does address the situation… About 60 businessmen are kidnapped per year, mostly by organized criminal syndicates that demand huge ransoms, according to the Afghanistan International Chamber of Commerce. With many businesses wary of entering such an environment, private investment in the country dropped almost by half from 2006 to 2007, estimates the Afghan Investment Support Agency, based in Kabul…
But many lawmakers and experts worry that the police are a significant part of the problem. Some members of parliament have accused police officials of releasing convicted criminals for bribes. In evidence of this, security officials revealed that gang members only recently released from prison kidnapped a wealthy former presidential candidate last month…
For his part, businessman Lal in Kandahar says there is much work to be done. “This [current government] is a government of thieves,” he says. “During the Taliban rule we never had these sorts of problems…. I’m not defending the Taliban movement, but we have to accept the truth that there were never any problems for civilians and businessmen.”
Freilich, im Gegensatz zur “wissenschaftlichen” Arbeit von Zürcher und Koehler stellt der Artikel von Sappenfield eine Aneinanderreihung einzelner Aussagen und Schicksale aus einer überwiegend ausländischen Oberschicht vorwiegend in der Provinzhauptstadt Herat dar. Sappenfield verweist aber unter anderem auf zwei Dokumente, die seine Darstellung unterstreichen. Beide sind ebenfalls nicht von Organisationen verfasst, die dem Krieg in Afghanistan kritisch gegenüber stehen, haben sich aber um ein akkurates Bild bemüht, um den Planern des State-Building realisierbare Verbesserungsvorschläge zu machen. Es handelt sich einerseit um ein Dokument der RAND Cooperation:
Seth G. Jones: Counterinsurgency in Afghanistan (Vol. 4)
Andererseits um eine Studie der Afghanistan Research and Evaluation Unit:
Andrew Wilder: Cops or Robbers? The Struggle to Reform the Afghan National Police
In beiden Dokumenten kommt die neu aufgebaute afghanische Polizei nicht eben gut weg.