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Medien-Offensive des Agrobusiness (3)

Sonntag, 06. September 2009

Der Begriff Medienoffensive suggeriert Fernsehberichte und Schlagzeilen in der Tagespresse. Daran ist hier aber weniger gedacht. Für die Meinungsbildung, besser Meinungsbeeinflussung, von “Führungskräften”, speziell Politikern mit Entscheidungsgewalt, haben Produkte von “Denkfabriken”, die sich in Publikationsorganen wie Foreign Policy oder Washington Quarterly niederschlagen, eine ungleich größere Bedeutung. In “Denkfabriken” wiederum greift man gern auf wissenschaftliche Publikationen zurück, um die eigene Synthese zu fundieren. Die Korrektheit der Publikationen in Fachjournalen kann durch den sogenannten Peer Review zwar nicht garantiert, aber immerhin gefördert werden. Hinter dem Peer Review verbirgt sich die Beurteilung eingereichter Manuskripte durch zwei oder drei (möglichst) unabhängige Gutachter, die von den Herausgebern der Fachzeitschrift um ihr Urteil gebeten werden.

Insofern ist es alarmierend, dass vermeintlich wissenschaftliche Publikationen zur grünen Gentechnik bereits vor der Einreichung bei den Redaktionen der Fachzeitschriften einer strikten Zensur unterliegen, und das seit nunmehr 10 Jahren.

In der August-Ausgabe des Scientific American, einem Wissenschaftsmagazin, das im deutschen Sprachraum etwa dem Spektrum der Wissenschaft vergleichbar ist und nicht in dem Verdacht steht, Teil der Anti-Gentechnik-Front zu sein, wird darüber berichtet, dass die Gentechnikkonzerne von ihren “geistigen Eigentumsrechten” Gebrauch machen, um unliebsame Publikationen von vornherein zu verhindern.

In einem von 24 WissenschaftlerInnen unterschriebenen Brief wird die Environmental Protection Agency (EPA, US-Umweltbehörde), um veränderter Regeln bei der Forschung zu gentechnisch veränderten Sorten gebeten. Elson J. Shield (Cornell University), Sprecher einer Gruppe von 24 EntomologInnen, die sich auf Maisschädlinge spezialisiert haben und von denen die meisten aus Angst vor Vergeltungsaktionen anonym bleiben wollen, verwies darauf, dass nur Manuskripte, die von Monsanto, Pioneer und Syngenta genehmigt wurden, jemals bei den Redaktionen der Wissenschaftsjournale eingereicht werden. Der Knebel, um diesen Gehorsam zu erreichen, sind die an den Verkauf des Saatguts gekoppelten Endnutzer-Lizenzen (und gerichtliche Schritte bei Verstoß gegen diese Lizenz). Damit können die Konzerne jegliche unabhängige Forschung zur Qualität und zu Umwelt- und Gesundheitsrisiken ihrer Produkte unterbinden.

“Unfortunately, it is impossible to verify that genetically modified crops perform as advertised. That is because agritech companies have given themselves veto power over the work of independent researchers. To purchase genetically modified seeds, a customer must sign an agreement that limits what can be done with them. (If you have installed software recently, you will recognize the concept of the end-user agreement.)”,

heißt es im Scientific American, um mit der fragwürdigen, aber nicht überraschenden Feststellung fortzufahren

“Agreements are considered necessary to protect a company’s intellectual property, and they justifiably preclude the replication of the genetic enhancements that make the seeds unique.”

Dabei gehen die Konzerne aber noch eine wesentlichen Schritt weiter.

“But agritech companies such as Monsanto, Pioneer and Syngenta go further. For a decade their user agreements have explicitly forbidden the use of the seeds for any independent research. Under the threat of litigation, scientists cannot test a seed to explore the different conditions under which it thrives or fails. They cannot compare seeds from one company against those from another company. And perhaps most important, they cannot examine whether the genetically modified crops lead to unintended environmental side effects”,

und das is selbst dem Scientific American zu viel.

Elson Shields weist daraufhin, dass es nicht bei beim Blockieren von Publikationen bleibt, sondern dass bereits beim Verkauf des Saatguts potentiell unliebsame ForscherInnen aussortiert werden.

“It is important to understand that it is not always simply a matter of blanket denial of all research requests, which is bad enough, but selective denials and permissions based on industry perceptions of how ‘friendly’ or ‘hostile’ a particular scientist may be toward [seed-enhancement] technology.”

Sind wir in Aldous Huxley’s “Schöner neuer Welt” angekommen? Der Agrobusiness würde sich das wohl wünschen.

Klaus Pedersen

Medien-Offensive des Agrobusiness (2)

Montag, 31. August 2009

In ihrem Beitrag “The Coming Food Coups”, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom Center for Strategic and International Studies herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequnezen der Preiexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die Famine Theory ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den Hungersnöten, “a body of knowledge about the microeconomic dynamics of famines, the vulnerability of people to food price shocks, and the common patterns of behavior people use to try to survive in different stages of a famine“.

Ihrer Meinung nach müssen Politiker ausgerüstet sein, um die Sicherheits- (und andere) Konsequenzen derartiger Entwicklungen zu minimieren. Dabei betrachten sie - im Gegensatz zu Paul Collier (vgl. Medien-Offensive des Agrobusiness [1]) - die Rücknahme von Subventionen (z.B. für Agrotreibstoffe) in einer bürgerlichen Demokratie als unrealistisch.

“The likelihood of a substantial reduction in U.S. corn-based ethanol subsidies is unlikely. Once democratic governments begin to subsidize something, withdrawing the subsidy becomes politically very difficult, mainly because the subsidies create constituencies which make a great deal of money and wield substantial political power.”

Im Abschnitt “What We Know About Famine” führen uns die Autoren zu folgender erstaunlicher Erkenntnis:

“Famines are seldom caused by the absence of food, but rather by an individual’s inability to access food that is available.”

So weit so gut. Zugleich wird uns aber mitgeteilt, dass die Hungersnot in dem Maße abnimmt, in dem sich die Zahl der zu stopfenden Mäuler durch den Tod des schwächeren Teils der Bevölkerung verringert:

“Famine is … climaxing in widespread mortality, and then followed by reduced mortality as the death of the most vulnerable people reduces the number of mouths to feed.”

Liegt es also doch an der Menge der verfügbaren Nahrungsmittel ? So richtig schlau wird man aus der zynischen Betrachtungsweise der Autoren nicht.

Ausgehend von der Feststellung, dass das Horten von Nahrungsmitteln die Versorgungssituation verschlimmert, kommen die Autoren unter bemerkenswerter Ignorierung der Tatsache, dass die Spekulation an den Rohstoffbörsen, also Horten in globalem Maßstab, maßgeblich zur 2008er Preisexplosion beigetragen hat, zu der frappierenden Einsicht:

“Market-based interventions work best to stop hoarding.”

Interessant für eine Publikation aus dem Center for Strategic and International Studies ist das Eingeständnis, “The Iraqi insurgency was partially fueled by the migration of destitute young men from rural areas” auch wenn schützend die Behauptung hinzugefügt wird “where the agricultural economy had collapsed before the Iraq war had begun.”

Für Afghanistan sehen es die Autoren ähnlich: “…(T)he increase in food prices in Afghanistan, … may contribute to an increase in the number of Taliban recruits.”, was in Anbetracht der Tatsache, dass trotz zig Milliarden “Entwicklungshilfe” (militärischer und ziviler Art) 35% der 26.6 Millionen Afghanen chronisch hungern, nicht verwunderlich ist. Im ersten Halbjahr 2008 hat es 12 bewaffnete Überfälle auf Nahrungsmittelkonvois de World Food Program (WFP) gegeben, im Jahr 2007 waren es insgesamt 30 (Zur Instrumentalisierung des eigentlich der UNO unterstehenden WFP für die US-amerikanische Außenpolitik siehe hier).

Das sicherste Mittel gegen Hungersnöte, so schlussfolgern Natsios & Doley, ist eine gut funktionierende bürgerliche Demokratie. Ihr schlagkräftigster Beweis ist, dass es in Indien seit Einführung der Demokratie keine Hungersnot mehr gegeben habe. Mehrere Hundert Millionen chronisch Hungernder fallen da offenbar ebenso wenig ins Gewicht wie die Tatsache, dass sowohl während der Hungersnöte in Indien im 19. Jahrhundert als auch während der Great Irish Famine (1845-1852) ein Nettoexport von Lebensmitteln ins demokratische “Mutter”land Großbritannien stattfand. Diese Hungersnöte hielten übrigens den Kriterien von Natsios & Doley stand - es waren solche, bei denen sich an ein “Klimaxstadium verbreiteter Mortalität eine Periode abnehmender Mortalität” anschloss.

Die Autoren, die Food Riots und die daraus resultierenden Sicherheitskonsequenzen fürchten, greifen am Ende ihres Beitrages in die Kiste mit den guten Ratschlägen, um im Abschnitt “What to do” mit einer “Vier-Zinken-Strategie künftigen Preisanstiegen entgegen zu wirken”.

Zinke 1: Investitionen in landwirtschaftliche Entwicklungsprogramme, einschließlich 1,2 Milliarden Dollar von der Weltbank; Verdopplung des Budgets der Consultative Groups on International Agricultural Research (CGIAR); verstärkte Investitionen in gentechnisch modifizierte (GM-) Sorten; Grüne Revolution für Afrika; und eine Gegenoffensive gegen die anti-Biotechnologie und anti-GM-Kampagnen.

Zinke 2: Etablierung eines Frühwarnsystems “to meet rapid increases in food prices with new tools, new market-based approaches, and improvements in existing tools“, ähnlich dem “Famine Early Warning Systems Network” (FEWS NET) von USAID, FEWS NET sollte über die bisherigen 25 Länder hinaus ausgedehnt werden.

Zinke 3: Marktinterventionen (wieso das jetzt plötzlich ?).

Zinke 4: Einstampfen der Subventionen für die Herstellung von Agrotreibstoffen aus Getreide (nun also doch !?).

Klaus Pedersen

Medien-Offensive des Agrobusiness (1)

Samstag, 22. August 2009

Innerhalb der letzten 12 Monate sind mehrere einflussreiche Publikationen der Befürworter von Gentechnik und industrieller Landwirtschaft erschienen Hier werfen wir einen Blick auf den ersten dieser Beiträge, den Walden Bello in seinem Text “The global food price crisis: A critique of orthodox perspectives“ als „Perhaps the most influential orthodox view on the causes, dynamics, and solution to the food price crisis“ bezeichnet (http://www.worldhunger.org/articles/09/editorials/bello.htm). Kaum überraschend, wird Colliers Beitrag vom World Food Program als Informationsquelle angeboten (http://www.wfp.org/content/politics-hunger-foreign-affairs).

Der Text von Paul Collier, Ökonomie-Professor und Direktor des Center for the Study of African Economies an der Universität Oxford, erschien 2008 in der November-Ausgabe von Foreign Affairs mit dem Titel “The Politics of Hunger“.

In seiner Analyse ermittelt Collier drei Bedrohungen für die Welternährung: die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die US-Subventionen für Agrosprit (der dort fast ausschließlich aus Mais gewonnen wird) und die europäische Zurückhaltung bei der Nutzung von gentechnisch modifizierten (GM-) Sorten. Sein Lösungsvorschlag: Die rasche Ausdehnung der industriellen Landwirtschaft und sofortige Abschaffung der US-Subventionen für Agrosprit. Später dann (weil die Entwicklung einer neuen GM-Sorte etwa 15 Jahre in Anspruch nimmt) der große Befreiungsschlag: Gentechnik für alle und überall. Mit den ersten beiden Maßnahmen schlägt er vor Zeit zu schinden, bis die ultimative Lösung dann greift.

The three policies — expanding large commercial farms, ending the GM-crop ban, and doing away with the U.S. subsidies on ethanol — fit together both economically and politically. Lifting the ethanol subsidies would probably puncture the present ballooning of prices. The expansion of commercial farms could, over the next decade, raise world output by a further few percentage points. Both measures would buy the time needed for GM crops to deliver on their potential (the time between starting research and the mass application of its results is around 15 years). Moreover, the expansion of commercial farming in Africa would encourage global GM-crop research on Africa-suited crops, and innovations would find a ready market not so sensitive to political interference.

Collier’s Strategie wäre in ihrer Simplizität fast zu belächeln, würde dahinter nicht der bittere Ernst von Millionen Dollar u.a. der Melinda & Bill Gates-Stiftung für eine “Neue Grüne (gentechnische) Revolution in Afrika” stehen. Zu den amüsanteren Passagen gehört seine Erklärung, worauf die europäischen Gegnerschaft zur Gentechnik zurückzuführen ist – auf einen tief sitzenden Antiamerkanismus. Den gordischen Knoten durchschlägt er mit “Opferbereitschaft”: einerseits müssen die amerikanischen Agrospritsubventionen geopfert werden, weil es aus seiner Sicht bessere Lösungen gibt …

If the United States wants to run off of agrofuel instead of oil, then Brazilian sugar cane is the answer.

… zum anderen als Zeichen des guten Willens gegenüber Europa - “Wir opfern etwas, also opfert auch Ihr etwas” - gebt Eure negative Einstellung zu GM-Sorten auf!

One such message concerns the scope for international reciprocity. Although Americans are attracted to homegrown fuel, they are infuriated by the European ban on GM crops. They see the ban for what it is: a standard piece of anti-American protectionism. Europeans, for their part, cling to the illusory comfort of the ban on high-tech crops, but they are infuriated by the American subsidies on ethanol… the difficulties of reaching a deal on the mutual de-escalation of recent environmental follies is scarcely daunting: the United States would agree to scrap its ethanol subsidies in return for Europe’s lifting the ban on GM crops.

Interessant ist der Vorschlag, wie die Herzen und Köpfe der Gentechnik-Gegner gewonnen werden könnten: Ausgehend von der Feststellung, dass Millionen anständiger Bürger, sowohl in den USA als auch in Europa, sich Sorgen um den globalen Hunger machen, beklagt er, dass viele dieser anständigen Bürger leider gleichzeitig der Kleinbauern-Romantik verfallen seien. Wenn diese erstmal begriffen haben, dass die Gentechnik die Probleme des globalen Hungers lösen kann, werden sie zu Gentechnikbefürwortern konvertieren, wobei ähnlich wie in anderen Publikationen dieser Art, „Gentechnik“ und „wissenschaftliche Landwirtschaft“ synonym verwendet werden.

How might the romantic hostility toward commercial and scientific agriculture be countered politically? The answer is to educate the vast community of concern for the poorest countries on the bitter realities of the food crisis. In both the United States and Europe, millions of decent citizens are appalled by global hunger. Each time a famine makes it to television screens, the popular response is overwhelming, and there is a large overlap between the constituency that responds to such crises and the constituency attracted by the idea of preserving organic peasant lifestyles. The cohabitation of these concerns needs to be challenged. Many people will need to agonize over their priorities. Some will decide that the vision articulated by Prince Charles is the more important one: a historical lifestyle must be preserved regardless of the consequences. But however attractive that vision, these people must come face-to-face with the prospect of mass malnutrition and stunted children and realize that the vital matter for public policy is to increase food supplies. Commercial agriculture may be irredeemably unromantic, but if it fills the stomachs of the poor, then it should be encouraged.

Wenn es Collier bzw. der Gentechnik-Lobby gelingen sollte, einem Teil der entpolitisierten Gutmenschen diesen Unfug unterzujubeln, könnten tatsächlich einige von ihnen zur Gentechnik “bekehrt” werden.

Im Rest des knapp 12-seitigen Beitrags geißelt er vor allem die “Kleinbauern-Romantik”, wobei es ihm unter völliger Ausblendung der großen sozialen Bewegungen wie MST und Via Campesina um den Biobauern Prince Charles und die „Liebesaffäre der Mittel- und Oberschicht mit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft geht.

The first giant that must be slain is the middle- and upper-class love affair with peasant agriculture. With the near-total urbanization of these classes in both the United States and Europe, rural simplicity has acquired a strange allure. Peasant life is prized as organic in both its literal and its metaphoric sense. (Prince Charles is one of its leading apostles.) In its literal sense, organic agricultural production is now a premium product, a luxury brand. (Indeed, Prince Charles has his own such brand, Duchy Originals.) In its metaphoric sense, it represents the antithesis of the large, hierarchical, pressured organizations in which the middle classes now work. (Prince Charles has built a model peasant village, in traditional architectural style.) Peasants, like pandas, are to be preserved.

Die Lanze, die Collier für Monsanto bricht, klingt dann schon wieder fast niedlich:

Although Monsanto, the main innovator in GM-seed technology, has undertaken never to market a seed that is incapable of reproducing itself, skeptics propagated a widespread belief that farmers will be trapped into annual purchases of “terminator” seeds from a monopoly supplier. Thus were laid the political foundations for a winning coalition: onto the base of national agricultural protectionism was added the anti-Americanism of the left and the paranoia of health-conscious consumers.

Auch sonst strotzt der Beitrag vor Weisheiten. Hungeraufstände sind die Basis für die hässliche Wiederauferstehung populistischer Politik (For centuries, sudden hunger in slums has provoked the same response: riots. This is the classic political base for populist politics, … , and the food crisis may provoke its ugly resurgence), der Reichtum der westlichen Gesellschaften ist dem Unternehmergeist einer Minderheit zu verdanken (In successful economies, entrepreneurship is a minority pursuit; most people opt for wage employment so that others can have the worry and grind of running a business), große Firmen (wie Monsanto, K.P.) internalisieren bestimmte Verluste, die von der bäuerlichen Landwirtschaft der Gesellschaft aufgebürdet werden (Large organizations can internalize the effects that in peasant agriculture are localized externalities) und so geht es fort.

Klaus Pedersen, 22.08.2009

URL: http://www.foreignaffairs.com/articles/64607/paul-collier/the-politics-of-hunger

Drei Texte zur Ernährungskrise und zum Welternährungsprogramm (WFP)

Mittwoch, 12. August 2009

Alle drei Texte stammen von Klaus Pedersen und erschienen im August 2009 in der jungen welt.

Im ersten Text “David gegen Goliath? Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung” stellt Pedersen zwei Konzepte zur Bewältigung des Hungers gegenüber - nicht ohne zu belegen, dass dieser in erster Linie ein Verteilungsproblem darstellt. Er stellt dabei auch die Akteure vor, welche die jeweiligen Konzepte propagieren woraus sich die Analogie zu David und Goliath ergibt, wobei in diesem Fall David zwar die besseren Ziele mit den besseren Mitteln verfogt, aber dennoch zu unterlegen droht. Welternährungsprogramm, Weltbank, Genlobby usw. setzen sich demnach für eine Neuauflage der “Grünen Revolution”, also die Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft auch mit genmanipuliertem Saatgut ein, während die Ansätze von Via Campensina, MST usw., unter dem Schlagwort “Ernährungssuoveränität” zusammengefasst, kleinbäuerliche, (quasi-)biologische Anbauweisen für lokale Märkte anstreben. Durch die Heranziehung wissenschaftlicher (Meta-)Untersuchungen, wie dem 600-Seiten-Bericht des Weltagrarrats (IAASTD) und Beispielen aus Brasilien und Kuba unterstreicht Pedersen die Überlegenheit des Konzeptes der Davids. Jedenfalls wenn man die Kriterien “Nachhaltigkeit” (ernst genommen) und Verteilungsgerechtigkeit als Maßstab nimmt und nicht die zu erzielenden Profite. Ein Zitat:

“Trotz Anerkennung der massiven Ertragssteigerungen, die durch die Grüne Revolution für eine beschränkte Zahl wichtiger Kulturen erreicht wurden, besteht ihre Langzeitwirkung in Umweltzerstörung, wachsender Abhängigkeit von Importen und dem Anwachsen der Slums in den Megastädten des Südens. 80 Prozent der 324 wissenschaftlichen Publikationen, die diesbezüglich ausgewertet wurden, beschrieben eine Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch die Grüne Revolution. Die fehlende Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes zeigt sich aktuell darin, daß einerseits der Wassermangel in vielen Regionen dramatische Ausmaße annimmt und andererseits weltweit 70 Prozent des Süßwassers durch die industrielle Landwirtschaft verbraucht werden (5) – und in dem Umstand, daß dieser Wirtschaftszweig mehr Treibhausgase produziert als der gesamte globale Straßenverkehr. Abnehmende Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt sind weitere Langzeitfolgen dieser Produktionsmethode.”

Die anderen beiden Texte beleuchten dankenswerterweise einmal genauer das Welternährungsprogramm WFP, von der in diesem Blog öfters die Rede ist. Im ersten, kürzeren Artikel, “Humanitäre Hilfe instrumentalisiert” geht es insbesondere darum, wie das WFP genutzt werden sollte und genutzt wurde, um die Verbreitung genmanipulierten Saatgutes zu beschleunigen. Auch auf die aktuelle Rolle des WFP bei der Legitimation militärischer Einsätze gegen die Piraterie vor Somalia geht der Text ein. (mehr dazu gibt es in dieser IMI-Analyse).

Der letzte Text “Beiträge bleiben aus - Welternährungsprogramm in Finanznöten” beschreibt die aktuelle Gefahr, dass das WFP aufgrund ausbleibender Zahlungen durch die Industriestaaten gezwungen sein könnte, in einigen der instabilsten und ärmsten Ländern der Welt (darunter Guinea, Liberia, Sierra Leone und der Tschad) seine Arbeit einzustellen oder drastisch einzuschränken. Auch hier wird angedeutet, wie sehr das WFP ein Spielball der großen Mächte ist. Diese spielen aktuell ein sehr gefährliches Spiel, drohen doch zumindest in Liberia, Guinea und Tschad neben einer humanitären Katastrophe gegenwärtig auch neue bewaffnete konflikte).

David gegen Goliath? Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung
Klaus Pedersen
Aus: land & wirtschaft, Beilage der jW vom 05.08.2009

Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun Millionen Hungertoten und mehr als einer Milliarde chronisch Hungernder steht eine Nahrungsmittelmenge gegenüber, die genügen würde, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Folglich mangelt es in erster Linie an einem »globalen« politischen Willen, ein Mangel, der zum Beispiel in der Tolerierung und vielfach sogar Förderung der Flächenkonkurrenz zwischen Agrotreibstoff- und Nahrungsmittelproduktion zum Ausdruck kommt.

Doch das Thema Welternährung steht nicht nur aufgrund von Preisexplosionen und Hungerprotesten auf der Tagesordnung. Unterschiedliche Modellrechnungen prognostizieren bei einer globalen Zunahme der Durchschnittstemperatur von etwa drei Grad Celsius regionale Ernteeinbußen zwischen 20 und 50 Prozent, je nachdem, ob man die Ernteausfälle infolge von Überflutungen und Dürreperioden mit einrechnet oder den extrapolierten Verlust auf die Folgen von »Hitzestreß« begrenzt (1). Dabei befindet sich eine angenommene Erwärmung um drei Grad nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC eher am unteren Ende der Skala des Erwarteten. Bislang spricht mehr dafür als dagegen, daß Mike Davis Recht behalten wird, der im Juni 2008 feststellte: “Wie das UNDP in seinem letztjährigen Bericht betonte, ist die globale Erwärmung vor allem eine Bedrohung für die Armen und die zukünftigen Generationen – beides Größen mit geringem oder gar keinem politischen Gewicht. Ein koordiniertes globales Handeln zu ihren Gunsten setzt einen revolutionären Zugang zur Macht voraus (ein Szenario, das der IPCC nicht vorsieht) oder die historisch beispiellose Verwandlung des Eigeninteresses der reichen Länder und Klassen in eine aufgeklärte ›Solidarität‹.”(2)

Darüber, daß die Sicherung einer ausreichenden Ernährung für alle eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist und daß hier massiver Handlungsbedarf besteht, besteht inzwischen allgemeiner Konsens. Das kommt in den Erklärungen der letzten G-8-Gipfel und in der Bildung einer speziellen Arbeitsgruppe beim Generalsekretär der Vereinten Nationen ebenso zum Ausdruck wie in Erklärungen kritischer Wissenschaftler, Basisinitiativen und Nichtregierungsorganisationen. Die zwei prinzipiellen Lösungswege, die zur Debatte stehen, um der sich abzeichnenden Zuspitzung der Situation zu begegnen, divergieren jedoch so stark, daß man sie als antagonistisch bezeichnen könnte. Eingedenk der herrschenden Kräfteverhältnisse entspricht es einer David-gegen-Goliath-Konstellation.

Der von den Mächtigen bevorzugte Ansatz beinhaltet die beschleunigte Ausweitung hochproduktiver Systeme, wobei die Worthülse »Nachhaltigkeit« in den Beschreibungen dieses von Welternährungsorganisation, Weltbank und anderen Institutionen unterstützten Konzepts nicht fehlen darf. In der Praxis sind mit »hochproduktiven Systemen« Hochleistungssorten gemeint, deren Ertragspotential nur unter Einsatz von Intensivbewässerung, Pestiziden und chemischer Düngung ausgeschöpft werden kann. Die Befürworter dieses Weges verweisen auf die Erträge in Modellversuchen. So erreichten die Maiserträge von Beispielbetrieben in Äthiopien, Malawi, Mali, Moçambique, Nigeria und Uganda das Drei- bis Fünffache des jeweiligen Landesdurchschnitts.(3) Solche Vergleiche suggerieren, daß diese Art zu produzieren der einzige Weg zu höheren Erträgen ist.

Ressourcenplünderung
Abgesehen von der Frage, ob hohe Ertragssteigerungen auch auf andere Weise erzielt werden können, läßt der Rückblick auf die »Grüne Revolution« der 1960er und 1970er Jahre begründete Zweifel an der Nachhaltigkeit dieses Ansatzes zu. Wer den in diesem Jahr publizierten 600-Seiten-Bericht des Weltagrarrats (IAASTD), eines Gremiums von rund 400 Wissenschaftlern, aufmerksam liest, stößt an vielen Stellen auf Hinweise, die das belegen (4). Die Grüne Revolution war laut IAASTD-Bericht die technologische Antwort auf gescheiterte, oftmals aber auch gewaltsam unterdrückte Agrarreformen. Trotz Anerkennung der massiven Ertragssteigerungen, die durch die Grüne Revolution für eine beschränkte Zahl wichtiger Kulturen erreicht wurden, besteht ihre Langzeitwirkung in Umweltzerstörung, wachsender Abhängigkeit von Importen und dem Anwachsen der Slums in den Megastädten des Südens. 80 Prozent der 324 wissenschaftlichen Publikationen, die diesbezüglich ausgewertet wurden, beschrieben eine Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch die Grüne Revolution. Die fehlende Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes zeigt sich aktuell darin, daß einerseits der Wassermangel in vielen Regionen dramatische Ausmaße annimmt und andererseits weltweit 70 Prozent des Süßwassers durch die industrielle Landwirtschaft verbraucht werden (5) – und in dem Umstand, daß dieser Wirtschaftszweig mehr Treibhausgase produziert als der gesamte globale Straßenverkehr. Abnehmende Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt sind weitere Langzeitfolgen dieser Produktionsmethode.

Doch die Verfechter dieses Modells fordern unverdrossen ein »Weiter so«. Darüber hinaus nutzen die Lobbyisten der Gentechnik die plötzliche Publizität des Themas Welternährung, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit genmanipulierte Pflanzen als ultimative Lösung des Problems feilzubieten. Stellvertretend sei Douglas Kell, der Leiter des britischen Forschungsrats für Biotechnologie und Biologische Wissenschaften (BBSRC), zitiert, der in einem BBC-Interview am 27.April 2009 eine »maßgebliche Entwicklung der Agrarwissenschaften« einforderte, um weiteren Hungerrevolten vorzubeugen. Da der BBSRC die Gentechnik als eine von drei Säulen der Ertragssteigerung betrachtet (6), kann man sich ausrechnen, was Kell meint. Noch werden laut IAASTD auf 93 Prozent der globalen Ackerfläche konventionelle Sorten angebaut. Folglich läßt sich da viel »entwickeln«. So hat die britische Regierung beschlossen, die Versorgung »der Armen in der Welt« mit genmanipuliertem Saatgut mit 100 Millionen Pfund unterstützen zu wollen, wie der Guardian am 19. Juli berichtete – wobei ein großer Teil dieser Gelder an Forschungsinstitute geht, die etwa dürreresistenten Mais entwickeln, sowie an den Agrarkonzern Syngenta (7). Daß sowohl im IAASTD-Bericht als auch in der jüngsten Publikation der »Union of Concerned Scientists« (8) den Gentechnik-Sorten bescheinigt wird, im Vergleich zu konventionellen Sorten keine besseren Erträge zu bringen, scheint da wenig zu stören.

Effiziente Alternativen
Auch die Verfechter alternativer Strategien fordern eine stärkere Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Südens, die in den letzten zehn bis 20 Jahren stark vernachlässigt wurde (siehe dazu auch Seite 7) – und die Förderung einer darauf ausgerichteten Agrarforschung. Das von ihnen verfolgte Konzept dürfte in dem von der internationalen Kleinbauernorganisation »Via Campensina« geprägten Begriff »Ernährungssouveränität« am prägnantesten zusammengefaßt sein. Kernstück ist die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die auf nachhaltige Weise vor allem Nahrung für die lokale Bevölkerung produzieren soll. Hierbei geht es nicht um die Revitalisierung überlebter Traditionen, sondern um Überlebensstrategien in einer rauhen neoliberalen Wirklichkeit. Wichtige Komponenten des Konzepts der Ernährungssouveränität sind Landreformen, die Stärkung der Rechte der Bauern und Landarbeiter, die Ablehnung des Einsatzes von Gentechnik, soziale Gerechtigkeit und der Schutz vor Billigimporten. Selbstversorgung sowie lokaler und regionaler Handel sollen Vorrang vor einer Exportorientierung haben. Mehrere Länder, darunter Nepal, der Senegal und Venezuela, haben das Ziel der Ernährungssouveränität inzwischen in ihren Verfassungen verankert.

Es gibt sowohl akademische als auch praktische Beweise für die Tragfähigkeit dieses Konzepts. Eine 2007 publizierte Meta-Analyse von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten zur Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Anbausysteme dokumentierte, daß man problemlos die eine oder andere Arbeit herauspicken könnte, um entweder die konventionellen oder biologischen (einschließlich quasi-biologischen) Anbaumethoden als überlegen darzustellen (9). Bei einer Gesamtbetrachtung aller Arbeiten zeichnet sich jedoch de facto kein Unterschied im Ertragspotential des einen oder des anderen Verfahrens ab – wohl aber in bezug auf die Nachhaltigkeit. Die Autoren räumen ein, die tatsächlich erzielten Erträge des (quasi-)biologischen Anbaus in den Ländern des Südens vermutlich unterschätzt zu haben, weil die Vergleiche nur in Bezug auf eine Fruchtart angestellt wurden. Der Output an Kalorien je Flächeneinheit ist jedoch aufgrund der anzutreffenden »Multicropping«-Systeme (Felder mit mehreren gleichzeitig angebauten Früchten) oftmals höher. Eine Forschergruppe um Peter Rosset, Direktor der US-Entwicklungshilfeorganisation »Food First« führte darüber hinaus einen Produktivitätsvergleich zwischen kleinen und großen Landwirtschaftsbetrieben in 15 Ländern des Südens durch. Wenngleich für eine einzelne Frucht die Hektarerträge in den Großbetrieben oftmals höher waren, war die Gesamtproduktivität pro Flächeneinheit bei den kleineren Betrieben um den Faktor zwei bis zehn größer (10). Als Gründe für diesen Unterschied nennt Rosset das erwähnte Multicropping, eine höhere Arbeitsintensität pro Flächeneinheit und eine effektivere Bewässerung.

Von der Not zur Tugend
Zu den Erfolgsbeispielen der praktischen Anwendung des Konzepts der Ernährungssouveränität zählen das unfreiwillige »Großexperiment« Kuba und die Erfolge der brasilianischen Landlosenbewegung MST.

Nach dem Kollaps des sozialistischen Lagers brach für Kuba nicht nur der Absatzmarkt über Nacht weg, sondern auch die bislang von dort importierten Produktionsmittel wie Kunstdünger, Schädlingsbekämpfungsmittel, Maschinen und Ersatzteile fehlten plötzlich. Im Ergebnis schrumpfte die landwirtschaftliche Pro-Kopf-Produktion von 1986 bis 1995 um jährlich fünf Prozent. Die erzwungene Neuorientierung machte Kuba zum ersten Land, das begann, biologischen Landbau in nationalem Maßstab zu betreiben – mit dem Erfolg, daß, nachdem diese Umstellung ihre Wirkung entfaltete, von 1996 bis 2005 die Pro-Kopf-Produktion wieder um jährlich 4,2 Prozent wuchs. In diesem Fall wirkte sich das US-Embargo ausnahmsweise begünstigend aus: Kuba war vor importierter Billigware weitgehend geschützt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das in Kuba gut etablierte Campesino-a-Campesino-System der Weitervermittlung von Erfahrungen (11). Nahezu die Hälfte der unabhängigen Kleinbauern Kubas in rund 100.000 Familienbetrieben erzeugen mit ihren agroökologischen Methoden pro Hektar mehr Nahrung als die industrialisierten Großbetriebe. Von den 25 Prozent der bebaubaren Fläche, die auf diese Weise genutzt wird, kommen 65 Prozent der nationalen Nahrungsmittelproduktion. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß die Zerstörungen der drei Hurricans, die Kuba 2008 getroffen haben, ihren Tribut gefordert haben: Momentan importiert Kuba nach inoffiziellen Angaben 55 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs – ein dramatisches Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels. Dessen ungeachtet haben die Kubaner sich vorgenommen, die Fläche ökologischen Anbaus auf 1,5 Millionen Hektar auszudehnen, was, effizient genutzt, genügen würde, um die Ernährungssouveränität des Landes herzustellen.

Im Zuge der vom brasilianischen MST praktizierten »umverteilenden« Landreform waren 2002 acht Millionen Hektar Land besetzt und von etwa einer Million Menschen in Besitz genommen worden. Die sozioökonomischen Kennziffern dieses rebellischen landwirtschaftlichen Experiments sind beeindruckend. Die Nutznießer der Landreform haben im Durchschnitt ein Einkommen, das dem 3,7fachen des nationalen Mindestlohns entspricht, während Landlose nur 70 Prozent des Mindestlohns erhalten (11). Die Kindersterblichkeit ist in dieser Bevölkerungsgruppe nur noch halb so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Mit dieser Strategie werden nicht nur die vor Ort benötigten Nahrungsmittel produziert, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen, deren Einrichtung in der Industrie nach Schätzungen zwei- bis 20mal teurer ist.

(1) Battisti & Naylor (2009): Science 323, S. 240-244; und Daten von der Arbeitsgruppe 2 des IPCC
(2) Davis, M. (2008): Willkommen im Anthropozän; www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php
(3) FAO: The State of Food Insecurity in the World 2008. FAO, 2008
(4) IAASTD: Global Report, siehe www.agassessment.org/
(5) IAASTD: Synthesis Report, siehe www.agassessment.org/
(6) www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf
(7) www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding
(8) www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf
(9) Badgley u.a. (2007): Renewable Agriculture and Food Systems 22, S. 86–108
(10) www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf
(11) Rosset, P. (2009): Monthly Review 61, Nr. 3, S. 114–128
URL: http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112 (Nur im Online-Abo)

Humanitäre Hilfe instrumentalisiert
Einfluß der Geldgeber beim WFP ist spürbar: Entsorgung von Überproduktion, Verbreitung genmanipulierten Saatguts und Militäreinsatz

Klaus Pedersen

Da sich das World Food Program (WFP) ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren muß und die Hälfte des Geldes (vor allem) von den USA und der Europäischen Kommission kommt, muß damit gerechnet werden, daß diese versuchen, ihren Einfluß geltend zu machen. Eine bevorzugte Bedienung jener Krisenregionen, in denen der Westen seine Handlungsschwerpunkte sieht, überrascht deshalb nicht. Das Budget des WFP reicht ohnehin nur für zehn Prozent der eine Milliarde hungernden Menschen. Auch andere Indizien deuten darauf hin, daß das WFP keine »selbstlose« Organisation ist, sondern für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird.

In der Vergangenheit geriet das Welternährungsprogramm wiederholt wegen des Versuchs in die Kritik, bedürftigen Ländern gentechnisch veränderte Nahrungsmittel aufzuzwingen, insbesondere Genmais. Diese Lieferungen kamen in der Regel aus den USA und hatten den Beigeschmack, daß mit »Sachspenden« die eigene Überproduktion entsorgt wird, anstatt durch Geldbeiträge dem WFP den Kauf von Lebensmitteln auf regionaler Ebene zu ermöglichen und so die landwirtschaftliche Entwicklung in den Ländern des Südens zu fördern. Auch die vorerst gescheiterte Taktik, Hilfslieferungen mit Genmais als »trojanisches Pferd« für Länder zu benutzen, die sich dessen Anbau versperrten, spielte eine Rolle.

Der Versuch, im Herbst 2002 Genmais als Nothilfe in Sambia einzusetzen, scheiterte an der Ablehnung durch die dortige Regierung. Als Angola im März 2004 ein Einführungsverbot für ungemahlenen Genmais aussprach, drohte der für das südliche Afrika zuständige WFP-Direktor, Mike Sacket, daß es zu einer dramatischen Verschlechterung der Hungerbekämpfung in dem Land kommen würde, in dem damals gerade der Bürgerkrieg zu Ende ging. Ein Jahr später gab es Probleme in Mittelamerika. Achtzig Prozent aller Proben aus WFP-Nahrungsmittelhilfen (Mais, Soja), die nach El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua geschickt wurden, waren im Test auf gentechnische Veränderungen positiv. Es wurden sogar Spuren der Maissorte Starlink gefunden, die selbst in den USA nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen war.

Aktuell werden die drei diesjährigen Angriffe auf WFP-Schiffe in der Debatte um die Piratenbekämpfung instrumentalisiert, um der Militarisierung am Horn von Afrika einen besonders humanitären Anstrich zu geben. Durch die Bezugnahme auf den Schutz von Schiffen, die Nahrungsmittel für zehn Millionen notleidende Menschen in Ostafrika transportieren, sollen Fragen nach den wahren Motiven und der Entstehungsgeschichte des Antipirateneinsatzes gar nicht erst aufkommen. Auch der parallele Anstieg von Marineeinsätzen und Zahl der Piratenangriffe in den Gewässern vor Somalia wird gern verschwiegen.

Beiträge bleiben aus
Welternährungsprogramm in Finanznöten: UN-Unterstützungsfonds fehlen drei Milliarden Dollar – knapp die Hälfte seines Budgets. Hilfe für Hunderttausende Hungernde eingestellt
Klaus Pedersen

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) muß wegen fehlender finanzieller Mittel seine Hilfslieferungen einschränken. Bis zum Jahresende rechnet die UN-Organisation mit einem Fehlbetrag von drei Milliarden Dollar. Dies geht aus einem im vergangenen Monat veröffentlichten Bericht hervor. Bereits Ende Juni hatte der Leiter des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff, offenbart, seine Organisation habe erst 25 Prozent ihres Budgets für 2009 erhalten. Das WFP ist zu hundert Prozent auf freiwillige Beiträge, in erster Linie von Regierungen, angewiesen. Für die Unterstützung von 108 Millionen bedürftigen Menschen in 74 Ländern hatte das WFP einen Finanzbedarf von 6,7 Milliarden Dollar errechnet.

Angesichts der nach wie vor unvollständigen Deckung des Budgets hat sich das Welternährungsprogramm nun zu drastischen Kürzungen entschlossen. So muß im Laufe des August der humanitäre Flugdienst des WFP in Teilen Afrikas eingestellt werden, mit dem sowohl Helfer als auch ein Teil der Hilfsgüter transportiert werden. Betroffen sind Guinea, Liberia, Sierra Leone und der Tschad. Allein im Tschad wurden monatlich etwa 4000 Helfer zu zehn Einsatzorten geflogen, um 250000 Flüchtlinge aus Darfur und 180000 Binnenvertriebene zu versorgen.

Kostenexplosion
Meldungen über fehlende Geldmittel beim WFP gab es in letzter Zeit fast jährlich. Doch während es sich in den früheren Jahren um Millionensummen handelte und Programme in bestimmten Regionen (2002 Afghanistan, 2003 Äthiopien, 2006 südliches Afrika) gefährdet waren, fehlen neuerdings Milliarden im globalen Maßstab. Das wirft ein Schlaglicht auf die Welternährungssituation, und zwar nicht wegen Mißernten, sondern hinsichtlich der Nahrungsmittelpreise. Im Zuge der Kostenexplosion bei Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Produkten 2008 kam es zu einer Doppelbelastung für das WFP und andere humanitäre Organisationen. Einerseits mußte für den Einkauf der Hilfslieferungen erheblich mehr Geld ausgegeben werden, denn die Durchschnittspreise für Körnerfrüchte hatten sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Andererseits stieg durch die höheren Verbraucherpreise in den Ländern des Südens die Zahl der Hilfsbedürftigen.

Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) kostete eine Tonne Reis auf dem Weltmarkt im vorigen Jahr zeitweise über 900 Dollar, bei Weizen lag der Spitzenwert knapp unter 500 Dollar. Obwohl Nahrungsmittelpreise inzwischen keine Schlagzeilen mehr machen, liegen sie in den Ländern der sogenannten dritten Welt vielfach immer noch auf dem extrem hohen Niveau von 2008. Und das trotz einer über dem Vorjahresergebnis liegenden Weltgetrei¬deernte. Dementsprechend stieg auch die Zahl der Bedürftigen. Eine wegen der Welternährungskrise direkt beim UN-Generalsekretär eingerichtete Arbeitsgruppe prognostizierte im Juli 2008 einen Anstieg der Hilfsbedürftigen von 70 auf 98 Millionen, inzwischen sind es 108 Millionen. Im Ergebnis dieser beiden Entwicklungen – Einkaufspreis und Zahl der Bedürftigen – erhöhte sich der Finanzbedarf des WFP sprunghaft auf fünf Milliarden Dollar (2008), während sich der jährliche Haushalt von 2003 bis 2007 zwischen 2,2 und 2,7 Milliarden Dollar bewegte. Im Jahr 2009 wird von den budgetierten 6,7 Milliarden Dollar voraussichtlich knapp die Hälfte fehlen.

Das WFP ist das weltgrößte Nahrungsmittelhilfsprogramm und deckt jährlich etwa die Hälfte der verteilten Mengen ab. Größter Geldgeber sind die USA, die in der Regel zwischen 40 und 50 Prozent des Budgets bestreiten, gefolgt von der Europäischen Kommission, die meist zwischen sieben und neun Prozent beisteuert. Die Hälfte des Geldes wird für sogenannte »Längerfristige Hilfs- und Wiederaufbauaktionen« (Protracted Relief and Rehabilitation Operation – PRRO) ausgegeben. Bei den 54 Empfängern zeichnen sich Schwerpunktländer ab, die bestimmte Interessen der Hauptgeberstaaten (politische Einflußnahme, Stabilisierung von Krisengebieten) vermuten lassen. So soll Afghanistan zehn Prozent der PPRO erhalten, die Demokratische Republik Kongo und Simbabwe sechs bzw. sieben Prozent. Für Äthiopien, das auch mehrfach von Mißernten geplagt war, zugleich aber die westlichen Interessen gegen den »zerfallenen Staat« Somalia vertritt, sind 18 Prozent eingeplant.

Einflußnahme
Selbstverständlich muß Menschen in großer Not sehr schnell geholfen werden. Aber es drängt sich die Frage auf, ob nicht grundsätzlich etwas falsch läuft, wenn im Vergleich zum Vorjahr die Welternte und die Zahl der Bedürftigen gleichzeitig steigen. Neben der eskalierenden Einflußnahme mächtiger Länder in Krisengebieten, nicht selten mit dem Ergebnis einer Erhöhung der Zahl der Hilfsbedürftigen (genannt seien Afghanistan, Haiti, Sudan, Kongo, Tschad, Somalia), fällt ein anderer Widerspruch ins Auge. Für Äthiopien, Kenia, Madagaskar, Moçambique, Pakistan und Sudan werden laut WFP-Statistik in Summe über 1,7 Milliarden Dollar an Nahrungsmittelhilfen aufgewendet. Gleichzeitig haben diese Länder zusammengenommen mehr als 1,1 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Anbaufläche mit jahrzehntelangen Pachtverträgen an ausländische Investoren abgegeben, die dort entweder Agrotreibstoffe oder Nahrungsmittel für den Rückexport in die Investorländer anbauen.

Angesichts dieser Widersprüche und der wachsenden Zahl der Hunger leidenden Menschen, was bislang nichts mit einer globalen Verknappung an Nahrungsmitteln zu tun hat, werden Konzepte zur Ernährungssouveränität immer dringlicher. Sie sind mittelfristig die Alternative zu Hilfslieferungen.

Hintergrund

WFP in Zahlen und Fakten

2008
Zahl der unterstützten Personen:102 Millionen
Zahl der unterstützten Länder: 78
Zahl der laufenden Projekte: 214
Verteilte Nahrungsmittel: 3,9 Millionen Tonnen
Finanzieller Aufwand: 5,046 Milliarden Dollar
2009
Budgetierter Bedarf: 6,7 Milliarden Dollar
Bis Anfang August 2009 akquiriert: 1,905 Milliarden Dollar

Regionaler Einkauf
Nach den Kontroversen zu Genfood und Food-Dumping korrigierte das Welternährungsprogramm seine Strategie: Heute werden 75 bis 80 Prozent der WFP-Nahrungsmittel regional eingekauft.

WFP und Irak-Krieg
2003, im Jahr der US-Invasion, wurden 25 Prozent der WFP-Nahrungsmittel im Irak eingesetzt, 2004 waren es 44 Prozent – ein Indiz für die Instrumentalisierung dieses UN-Programms durch die USA.

WFP, Piraten und Marine
Zahl der jährlichen WFP-Schiffsladungen nach Mombasa und Somalia: ca. 200

Zahl der gekaperten WFP-Schiffe vor Somalia
2007: 3
2008: 0
bis August 2009: 2
Ein drittes WFP-Schiff wurde attackiert und beschädigt, aber nicht gekapert. Dies war eine angekündigte Vergeltungsaktion für die gewaltsame Geiselbefreiung beim ersten Schiff durch US-Spezialeinheiten.

WFP-Geschichte
Das Welternährungsprogramm ist ein Nebenorgan der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom, Italien. Die Gründung wurde 1961 von der UN-Generalversammlung und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) beschlossen, um die Nahrungsmittelversorgung in Kriegs- und Katastrophengebieten zu sichern. Offiziell nahm das WFP 1963 seine Arbeit auf. Mittlerweile ist die UN-Organisation die weltweit größte und leistungsfähigste Einrichtung zur Versorgung von Notopfern. Zudem führt sie zahlreiche Entwicklungsprojekte durch.

WFP im Internet:
www.wfp.org

Mehr als eine Milliarde Menschen hungern

Freitag, 19. Juni 2009

Tagesschau.de berichtete, wie viele andere auch:

UN legt Bericht vor
Mehr als eine Milliarde Menschen hungern

Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Erde leiden nach UN-Angaben Hunger - das entspricht einem Sechstel der Weltbevölkerung. Für den traurigen Rekord macht die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Wirtschaftskrise und die anhaltend hohen Lebensmittelpreise verantwortlich. Die Situation sei ein “ernsthaftes Risiko für den Weltfrieden und die Sicherheit”, warnte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf. “Wir brauchen dringend einen breiten Konsens darüber, dass der Hunger in der Welt völlig und rasch ausgerottet wird.” Die notwendigen Programme dafür müssten endlich auf den Weg kommen.

Das 21. Jahrhundert drohe zum Hungerjahrhundert zu werden, warnte Barbara Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, angesichts der neuen FAO-Zahlen. Zwei von drei Hungernden lebten auf dem Land, also müsse die Hilfe dort ansetzen. Dieckmann verlangte für die Bekämpfung von Hunger und Armut “nur ein Prozent der von den Industrieländern aufgelegten Konjunkturprogramme”, zusätzlich zur Entwicklungshilfe.

Die von Unterernährung betroffenen Menschen leben alle in Entwicklungsländern, wie aus dem in Rom veröffentlichten FAO-Bericht hervorgeht. In Asien und der Pazifikregion leiden der Schätzung zufolge 642 Millionen Menschen chronisch Hunger, in Afrika - südlich der Sahara - sind es 265 Millionen. Insgesamt habe sich die Zahl der Betroffenen gegenüber dem Vorjahr um 100 Millionen erhöht. Die FAO legt ihren offiziellen Welthungerbericht im Oktober vor.

Hier der “Bericht” mit einigen Tabellen und Grafiken

Landraub für Agrosprit geht weiter

Dienstag, 09. Juni 2009

german-foreign-policy.com meldete heute (09.06.2009):

Grüner Goldrausch

BERLIN
(Eigener Bericht) - Trotz massiver öffentlicher Kritik treibt die Bundesregierung die Nutzung von Agrotreibstoffen mit dreistelligen Millionensummen voran. Man müsse die Abhängigkeiten von Staaten, die traditionelle Energierohstoffe produzierten, verringern, heißt es im Bundestag; der Bundesrat setzt sich für neue Steuererleichterungen für Biodiesel ein. Dem Druck der Öffentlichkeit setzt die Bundesregierung ein eilends entwickeltes “Zertifizierungssystem” entgegen, das der weltweit kritisierten Erzeugung von Agrotreibstoffen ökologische und soziale Unbedenklichkeit bescheinigen soll. Tatsächlich konstatieren Beobachter einen “grünen Goldrausch” in den Ländern des Südens: Demnach hat dort ein massiver Landraub zur Deckung des Biomassebedarfs der wohlhabenden Länder des Nordens eingesetzt. Auch deutsche Firmen sind daran beteiligt. Das Berliner Zertifizierungssystem lässt soziale Konsequenzen der Herstellung von Agrosprit in hohem Maße unberücksichtigt und trägt damit zur Verschleierung der Folgeschäden bei.
Allenfalls langsamer
Die Bundesregierung hält an ihren Plänen zum Ausbau der Nutzung von Agrotreibstoffen fest. Befürworter von Biosprit haben Zukunftsvisionen entwickelt, denen zufolge künftig zwei Milliarden 5-Liter-Autos zu hundert Prozent mit Agrotreibstoffen angetrieben werden sollen; um den Bedarf zu decken, würden 250 Millionen Hektar ertragsstarkes Ackerland benötigt, ein Sechstel der gesamten globalen Ackerfläche.[1] Kritiker kommen zu dem Schluss, dass dies de facto auf die Vernutzung von Abermillionen Hektar Land in den Ländern des Südens für monokulturellen Energieanbau hinausläuft [2] - ein Horrorszenario für die dortige Bevölkerung, deren Bedarf an Grundnahrungsmitteln hinter den Mobilitätsinteressen des reichen Nordens zurückstehen muss. Allenfalls könne “der Ausbau der zunehmenden Verwendung von Biokraftstoffen langsamer als bisher geplant erfolgen”, heißt es im Bundestag. Das Parlament bestätigt die Ausbaupläne jedoch im Grundsatz.[3]
Steuererleichterungen
Hintergrund ist laut Marie-Luise Dött, der umweltpolitischen Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, der Versuch, strategische Abhängigkeiten von den traditionellen Energielieferanten zu verringern: “Wir werden immer abhängiger von weniger stabilen Regionen in der Welt, in denen es auch längerfristig noch Erdöl geben wird.”[4] Entsprechend fasste der Bundestag kürzlich den Beschluss, der Agrospritindustrie mit Steuernachlässen in Höhe von 279 Millionen Euro unter die Arme zu greifen. Der Bundesrat fordert noch mehr und teilt mit, er sei mit der “beschlossenen Reduzierung der Beimischungsquote von Biosprit nicht einverstanden”; zudem verlange er “Steuererleichterungen für Biodiesel und Pflanzenöl.”[5] Am morgigen Mittwoch werden die Verhandlungen im Vermittlungsausschuss fortgesetzt.
Öl statt Nahrung
Von dem Agrosprit-Boom profitieren Unternehmen wie die Itzehoer PROKON Regenerative Energien GmbH und Co. KG, die ihren Anlegern von 2003 bis 2007 alljährlich Renditen von sieben bis acht Prozent beschert hat.[6] PROKON beteiligt sich ähnlich wie die Münchener Flora Ecopower Holding AG an dem Versuch, sich durch langjährige Pachtverträge in Afrika den Flächenzugang für den Anbau von Agrotreibstoffen zu sichern. Beobachter sprechen von einem regelrechten “grünen Goldrausch”. PROKON begann mit 10.000 Hektar in Tansania - Ziel sind 200.000 Hektar -, Flora Ecopower verfügt derzeit über 15.000 Hektar in Äthiopien und streckt seine Finger nach Madagaskar aus. Alle drei Länder verzeichnen erhebliche Probleme bei der Versorgung ihrer Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Flora Ecopower strebt an, zum weltweiten Marktführer in der Produktion von Castor- und Jatrophapflanzen zu avancieren, aus denen biogenes Öl hergestellt wird - im Non-Food-Bereich.[7] Eine Folge des Booms ist, dass sich der lokale Preis für den Samen des bis zu fünf Meter hohen Jatrophabaums innerhalb von zwei Jahren versechsfacht hat. Die Folgen für die Bevölkerung wiegen schwer: Jatropha wird in Ostafrika traditionell zur Feldbegrenzung gegen Erosion und Wildfraß benötigt.[8]
Naturschutz
Nicht nur die industrielle Nutzung von Jatropha, auch etwa das Palmölgeschäft hat in den letzten Jahren heftige Kritik hervorgerufen. Multinationale Naturschutzorganisationen wie der WWF, die eine effiziente Lobby- und Pressearbeit in Sachen Naturschutz leisten, haben die klimaschädlichen Folgen des Anbaus von Palmöl zur Treibstoffgewinnung thematisiert - mit Erfolg: Die Bundesregierung hat binnen kürzester Zeit ein Zertifizierungssystem entwickeln lassen, das zum globalen Standard werden soll, um Agrotreibstoffen aller Art eine “Unbedenklichkeitsbescheinigung” auszustellen. Das Zertifizierungssystem, das von dem Kölner Consulting-Unternehmen meó Corporate Development GmbH erarbeitet worden ist, trägt den Stempel des WWF: Die “Naturschutz”-Interessen des Nordens stehen absolut im Vordergrund, während die Einhaltung sozialer Standards nicht über Lippenbekenntnisse hinausgeht. Der WWF ist dafür bekannt, dass er die Rechte der lokalen Bevölkerung in den Ländern des Südens missachtet - bis hin zur Mitverantwortung an unmittelbaren Menschenrechtsverletzungen.[9]
“Muss” und “Empfehlung”
Tatsächlich gibt es bei dem von meó entwickelten System drei Arten von “Kontrollpunkten zur Verifizierung” [10]: Eine Kategorie “Umwelt”, die als “großes Muss” bezeichnet wird, eine Kategorie “Ökonomie” - ein “kleines Muss” - und eine Kategorie “Soziale Aspekte”, die allerdings lediglich den Stellenwert unverbindlicher “Empfehlungen” hat. Dabei geht es vor allem um die Verhinderung von Sklaven- und Kinderarbeit. Das primäre Problem bei der Anlage von Energiepflanzen-Plantagen - die Vertreibung der lokalen Bevölkerung, die den Plantagen Platz machen muss - findet in keinem einzigen der öffentlich zugänglichen meó-Dokumente Erwähnung. Dabei wird das meó-System inzwischen angewandt. “Erste Pilotauditierungen für Palmöl aus Malaysia abgeschlossen”, teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium am 6. Mai 2009 mit. Begleitet wurde das Auditierungsteam von Vertretern des WWF.[11]
[1] Pacala, S.; Socolow, R. (2004): Stabilization wedges: solving the climate problem for the next 50 years with current techologies. Science 305: S. 968-972
[2] Ernsting, A. (2007): The global blueprint for a biomass economy. climatechangeaction.blogspot.com/2007/01/guest-post-by-almuth-ernsting-global.html
[3] Deutscher Bundestag, Drucksache 16/12466, 25.03.2009
[4] Rede im Bundestag am 23.04.2009; www.ikauder.de
[5] Pressemitteilung des Bundesrats vom 05.06.2009
[6] www.neueenergie.net/index.php?id=1832
[7] www.floraecopower.com/download/presse/ger/FEP_PM_CleanOil_080917.pdf
[8] www.schattenblick.de/infopool/politik/redakt/afka1729.html
[9] Pedersen, K. (2008): Naturschutz und Profit. Unrast-Verlag Münster
[10] www.iscc-project.org/e276/e723/ISCCPresentation170209_ger.pdf
[11] “Erste Pilotauditierungen für Palmöl aus Malaysia abgeschlossen”; Pressemitteilung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz 06.05.2009

Hunger und politische Instabilität sind “explosive Mischung”

Donnerstag, 22. Januar 2009

So der Agrarökonom und Sonderberater von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, Jeffrey Sachs, in einem Appell an den neuen US-Präsidenten Obama: “Die meisten der gegenwärtigen Krisen und Konflikte - ob in Darfur, in Somalia oder in Afghanistan - gehen nicht auf Ideologien, sondern auf Nahrungsmittel- und Wasserkrisen zurück.”

Die Bush-Administration habe zwar beeindruckende Erfolge mit ihrem Programm zur Bekämpfung von Malaria in Afrika erzielt, sei aber ansonsten weit hinter anderen Staaten zurückgeblieben. Zudem hätten die USA seit Jahren keine Entwicklungspolitik, die in der Landwirtschaft oder bei der Verbesserung der Infrastruktur ansetze, kritisierte Sachs am 19.1. in Nairobi. Solche Entwicklungspolitik diene auch der Sicherheit der USA, da sie Konflikte verhindere.

Haiti: Keeping them calm

Mittwoch, 24. September 2008

Die International Crisis Group schießt mal wieder den Vogel ab: Die Proteste vergangenen April, die laut ICG in den gestiegenen Lebensmittelpreisen ihren Ursprung genommen haben sowie die Zerstörung der Infrastruktur durch die Tropenstürme der letzten Wochen nimmt die Crisis Group nun zum Anlass, erneut einen verstärkten Aufbau des Sicherheitssektors zu fordern. Konkret wird empfohlen, die MINUSTAH im Land zu belassen, den Polizeiaufbau zu beschleunigen, robustere Polizeieinheiten zu schaffen und die Polizei u.a. intensiver in Riot-Control auszubilden, sowie die porösen Grenzen besser zu sichern.

Die Bevölkerung wird tendenziell als kriminell dargestellt, jedenfalls aber als politisch unmündig. Die Crisis Group warnt davor, dass “Spoiler” die Unzufriedenheit der Bevölkerung ausnutzen könnten, um die Regierung zu destabilisieren. So sei es auch bei den Protesten im April gewesen, bei denen nach Angaben der ICG Drogenhändler die Ausschreitungen angeheizt hätten. Als Quellen für diese Darstellung nennt die ICG anonyme Interviewpartner. Außer Drogenhändler, Teilen der Wirtschaftselite und “korrupten Politikern” werden auch die Anhänger von Aristide als “Spoiler” bezeichnet.

Die Ereignisse im April werden insgesamt so dargestellt, dass es kleine Proteste wegen der Preise gegeben hätte, die dann von politisch interessierter Seite eskaliert worden wären. UN-Soldaten und HNP hätten nicht rechtzeitig eingegriffen um dieses Eskalieren zu verhindern. Deshalb hätten sie später eben auch tödliche Schüsse abgeben müssen und sollten nun in “non-lethal crowd control” ausgebildet werden. Dennoch wird das Engagement der MINUSTAH insgesamt gelobt, die Sicherheitssituation in einigen der gefährlichsten Slums, in denen die UN-Truppen intensive Operationen durchgeführt haben, habe sich deutlich verbessert. Die Bewohner von Cité Soleil und Gonaïves hätten sich kaum an den Protesten beteiligt:

“Strikingly, there were few incidents in the Cité Soleil district of the capital and in Gonaïves, both infamous for violent social outbursts. Substantial international intervention over the past several years in Cité Soleil and internationally-funded community projects in the hilltops surrounding Gonaïves were central in keeping them calm, as the inhabitants were reluctant to put recently gained improvements and future programs at risk. Despite the presence of agitators in Gonaïves, there were few incidents, as the HNP effectively deployed its scarce resources, with MINUSTAH help, to prevent the spread of violence.”

Es gibt zahlreiche Passagen, in denen deutlich wird, dass das internationale Militär zur sozialen Kontrolle eingesetzt wird.

“While MINUSTAH sources believe the Brazilian battalion in Cité Soleil is doing a good job of engaging the community in humanitarian work and establishing efficient intelligence networks in the neighbourhoods it patrols, there are worrying signs smaller, community-based gangs mainly composed of former gang members and youths are re-emerging in the slums…
A part of the principal MINUSTAH military base in Cité Soleil has been converted into a temporary police station, where a too-small force of 31 works in three shifts, while three permanent U.S.-funded stations await completion.”

An einer Stelle geht der Bericht darauf ein, dass die Armut und Perspektivlosigkeit eine Ursache für die Kriminalität darstellt. Die ICG berichtet, dass vermutet wird, dass zahlreiche Personen an Entführungen beteiligt sind, die zuvor aus den USA abgeschoben wurden. Etwa 25 Personen werden wöchentlich unter Zwang in das “Armenhaus Amerikas” verbracht, viele von ihnen beherrschten nicht die kreolische Sprache und hätten in Haiti keine Verwandten. Die International Organization for Migration versorgt die Abgeschobenen nur je eine Woche mit Nahrung und Unterkunft, danach seien sie auf sich alleine gestellt, was dazu führt, dass sie sich oft kriminellen Netzwerken anschließen.

Was tatsächlich bemerkenswert ist an dem Bericht, ist die Tatsache, dass er an keiner Stelle auch nur oberflächliche Vorschläge oder Empfehlungen macht, wie Armut und Hunger unter der Bevölkerung reduziert werden könnte. Die Crisis Group interessiert sich alleine für die Sicherheitslage und wie sie mit repressiven Instrumenten in den Griff zu bekommen wäre. Das größte Problem scheint zu sein, dass die Tropenstürme der vergangen Wochen nicht nur Ernten und zivile Infrastruktur vernichtet hätten, sondern auch Polizeistationen, Gerichte und Gefängnisse beschädigten:

“The devastation left by the procession of tropical storms and hurricanes – Fay, Gustav, Hanna and Ike – in August and September 2008 has compounded an already difficult situation for the new government and further demonstrated the fragility of Haiti’s physical and social infrastructure. The rains and flooding have drowned crops and livestock, weakening agriculture in a year when food shortages play centre stage in politics. Police stations, courts and jails, especially in Gonaïves, were also damaged.”

FIAN kritisiert UN-Strategie zur Hungerbekämpfung

Mittwoch, 24. September 2008

Im folgenden die Pressemitteilung von FIAN zu deren Positionspapier zum UN-Rahmenaktionsplan gegen den Hunger:

Köln / New York, 24.09.08. Zur Halbzeitbilanz der Millenniumsentwicklungsziele der UNO hat FIAN, die internationale Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung, ein Positionspapier zum Aktionsplan gegen den Hunger vorgelegt, den die UNO gemeinsam mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds erarbeitet hat. FIAN begrüßt die größere Aufmerksamkeit der UNO für die ländliche Entwicklung, sieht aber erhebliche Widersprüche bei den konkreten Handlungsvorschlägen. Laut Schätzungen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO ist die Anzahl der Hungernden zwischen 2005 und 2007 von 848 auf 923 Millionen angestiegen. Für dieses Jahr wird angesichts der Preisexplosion bei Grundnahrungsmitteln ein weiterer drastischer Anstieg erwartet.

“Zwar fordert die UNO grundsätzlich eine Stärkung sozialer Sicherungssysteme, mehr Landwirtschaftsförderung und eine faire Handelspolitik. Viele konkrete Empfehlungen laufen aber auf das Gegenteil hinaus und würden das Recht auf Nahrung eher untergraben”, so Flavio Valente, Generalsekretär von FIAN International. “Hier rächt es sich, dass die UNO bei der Erarbeitung der Hungerstrategie weder Parlamente, noch die Zivilgesellschaft, noch ihr eigenes Menschenrechtssystem einbezogen hat und sich stattdessen an den altbekannten Rezepten der Weltbank orientiert.”

Einerseits fordert die UNO eine Stärkung sozialer Sicherungssysteme, andererseits will sie selbst elementare Sozialleistungen an eine strenge Bedürftigkeitsprüfung knüpfen. “Die Erfahrungen in Afrika, Lateinamerika und Asien zeigen klar, dass durch enge Ausschlusskriterien die marginalisierten Bevölkerungsgruppen aus den sozialen Sicherungssystemen erst recht rausfallen”, betont FIAN-Experte Rolf Künnemann. “UNO und Weltbank opfern damit die Wirksamkeit auf dem Altar angeblicher Effizienz. Es ist zynisch, dass an die Hungernden außerdem Bedingungen für die lebensnotwendige Hilfe gestellt werden sollen, die ihnen nach dem Recht auf Nahrung ohnehin zusteht.”

“Immer noch setzen Weltbank, IWF und UNO ‘fairen Handel’ mit ‘Freihandel’ gleich”, erklärt Armin Paasch, Handelsexperte von FIAN Deutschland. “Ihre Ankündigung, sich für mehr Marktöffnung, Importförderung und die Abschaffung von Exportsteuern in Entwicklungsländern einzusetzen, ist eine erhebliche Gefahr für das Recht auf Nahrung. Wenn die Billigimporte im Süden wieder ansteigen, wird die zurecht geforderte zusätzliche Entwicklungshilfe für Kleinbauern ihre Wirkung verfehlen.”

“Aus all diesen Gründen dürfen diese Empfehlungen nicht, wie momentan geplant, auf Länderebene umgesetzt werden”, so Flavio Valente. “Sie müssen einer umfassenden Revision unterzogen werden, an der auch die Betroffenen selbst teilnehmen.”

-Weitere Informationen und Interviewwünsche: Armin Paasch in Köln (0176-22630755) und Flavio Valente in New York (+49-172-1394447 erst ab 14 Uhr MEZ)

NATO zu “Ernährung und Sicherheit”

Dienstag, 19. August 2008

Der aktuelle NATO-Brief beschäftigt sich mit dem Thema „Ernährung und Sicherheit“, hier auf Deutsch und hier auf Englisch.

Der erste Artikel, A hungry man is an angry man, wurde von stellvertretenden Generalsekretär der FAO verfasst. Dieser fordert natürlich mehr Geld für humanitäre Maßnahmen und propagiert die Projekte, welche die FAO seit Ende 2007 zusammen mit der Weltbank durchführt. Er spricht sich aber auch für ein zusätzliches Engagement der „security community“ aus:

“Just as this initiative involves working in partnership to help farmers produce what they want and need, so the security community can work together with other areas to ensure that this issue is addressed and contained. By doing this, food can be prevented from snowballing from a major humanitarian issue to a significant security one.”

UN-Truppen würden nach Ansicht des FAO-Vertreters zukünftig häufiger unter Druck stehen, der jeweiligen Regierung bei der Eindämmung von Massenprotesten zu helfen, (wie das in Haiti der Fall war) deshalb sollte die internationale Gemeinschaft u.a. überlegen, „how agencies and peace-building missions could better cope with mass riots.“ Das klingt erstmal logisch, akzeptiert aber unhinterfragt eine neue Aufgabenstellung von UN-Soldaten die bislang offiziell nicht existiert!

Anschließend folgen überblicksartige Antworten auf selbstgestellte Fragen zum Zusammenhang zwischen Nahrung und Sicherheit. Die Hauptsorge sei, dass die gestiegenen Preise Länder und Regionen destabilisieren könnten, als Beispiel wird der Mittlere Osten genannt. Ein weiteres Problem sei, dass die erhöhten Preise v.a. die städtische Unterschicht beträfen. Aber auch der Westen selbst sei direkt bedroht, etwa weil sich die Regierungen von Bolivien und Peru mittlerweile gegen den Anbau von Biotreibstoffen ausgesprochen hätten, Exportbeschränkungen der armen Staaten auch die Preise hier gefährdeten und der Hunger zu „Massenmigration“ führen könnte.

Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit den Folgen der Nahrungsmittelknappheit bzw. den erhöhten Preisen in Afghanistan. Zunächst wird festgestellt:

„Das wichtigste Grundnahrungsmittel des Landes, Weizenmehl, ist innerhalb eines Jahres im Schnitt um fast 60 Prozent teurer geworden…
Das Welternährungsprogramm hat den schwächsten Teilen der afghanischen Bevölkerung in den vergangenen Monaten Ernährungshilfe zukommen lassen, mit dem Ziel, insgesamt 2,5 Millionen Afghanen in städtischen und ländlichen Gebieten innerhalb des ersten Halbjahres mit diesem Programm zu erreichen.“

Inwiefern die Verteilung von Lebensmitteln an politische Konditionalitäten gekoppelt wurde oder zumindest propagandistisch von der IFOR ausgenutzt werden konnte, wäre natürlich interessant zu erfahren.

Die weiteren Informationen zu Afghanistan entstammen einem Interview mit einem nicht namentlich genannten Vertreter der „UN-Unterstützungsmission in Afghanistan“ (UNAMA). Dieser meint u.a.:

„Infolge der höheren Lebensmittelpreise ist es für Millionen Afghanen äußerst problematisch, sich überhaupt zu ernähren. Die praktischen Sicherheitsfragen umfassen Demonstrationen (die auch auf das mangelnde Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit in Afghanistan zurückzuführen sind, dass die steigenden Lebensmittelpreise Teil eines globalen Phänomens sind) sowie möglicherweise eine steigende Gefahr, dass junge Männer sich von regierungsfeindlichen Elementen rekrutieren lassen. Angriffe von kriminellen Gruppierungen und regierungsfeindlichen Elementen auf Lebensmittelhilfe-Konvois sind ein Problem in vielen Gegenden… Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) wurden im Jahr 2007 über 30 Angriffe auf kommerzielle Fahrzeuge oder Konvois, die Lebensmittel der WFP transportierten, gemeldet. Insgesamt gingen 870 Tonnen Lebensmittel mit einem Gesamtwert von 730.000 USD infolge dieser Angriffe verloren.“

Eine Zusammenarbeit mit der ISAF im Sinne des “Comprehensive Approach” räumt er jedenfalls ein:

„Die Stellen der Vereinten Nationen haben sich regelmäßig mit der ISAF (International Security Assistance Force) getroffen, um sich über die Nahrungsmittelsicherheitslage in Afghanistan und die Maßnahmen, welche die Vereinten Nationen und die Regierung von Afghanistan ergreifen, um die Situation zu lindern, auszutauschen.“

Die hohen Lebensmittelpreis könnten allerdings auch ihr Gutes haben:

„Es ist zurzeit noch zu früh zu sagen, ob die höheren Lebensmittelpreise (Weizen) zu einem Wechsel vom Mohnanbau hin zum Anbau legitimer Lebensmittel führen werden. Einerseits können die höheren Preise einen Anreiz darstellen; andererseits gibt es eine Fülle von Faktoren, die Einfluss auf diese Entwicklung nehmen werden.“

Der letzte Artikel stammt von David G. Victor vom Council of Foreign Relations und handelt die Nahrungsmittel- und die Energiekrise gleich gemeinsam ab, obwohl: „Die exakten Auswirkungen der Ölpreise und der Biokraftstoffe auf die Nahrungsmittelkosten … nur schwer auszumachen – und wahrscheinlich auch nicht ausschlaggebend [sind]“. Schuld sind aber in beiden Fällen Marktverzerrungen und entsprechend lautet auch die neoliberale Lösung:

„Um die Wurzel des Problems anzugehen, werden sich die Regierungen mehr auf die Marktkräfte verlassen und in Mittel und Wege zur Senkung der Nachfrage investieren müssen, insbesondere im Energiebereich.“

Das heißt: die Politiker sollen Subventionen für die Landwirte sowie Exportbeschränkungen sofort unterlassen und keinesfalls die Erdölförderung oder Energieanbieter verstaatlichen oder auf deren Preispolitik Einfluss nehmen. Stattdessen sollen sie in neue Technologien investieren, d.h. den Managern Geld geben, denn die handeln viel weitsichtiger, als die Politik:

„Technologie setzt langfristige und geduldige Investitionen voraus; die Ergebnisse sind ungewiss und die besten Investitionen fließen in Portefeuilles, die von klugen Managern, die die Marktlage bestens kennen, verwaltet werden – in diesem Bereich ist es für Bürokraten der Regierung oft besonders schwierig, Erfolge zu verzeichnen. Politiker, die mit Krisen wie den aktuellen hohen Nahrungsmittel- und Kraftstoffpreisen konfrontiert sind, greifen eher auf schnelle, symbolische Maßnahmen mit gesichertem Ergebnis zurück – sie bevorzugen Preiskontrollen, Aufträge für politisch begünstigte Gruppen wie die Biokraftstofferzeuger und Handelsbeschränkungen.“

Zuletzt enthält der aktuelle NATO-Brief noch ein Video-Interview mit zwei Beteiligten an der NATO-Studie zur Sicherheit der Nahrungsversogungskette (NATO/SPS Pilot Study “Food Chain Security”), die bereits 2003 ins Leben gerufen wurde. Die beiden offenbaren, dass sie sich zwar Gedanken gemacht haben, wie „Terroristen und andere Oppositionelle“ Nahrungsmittelengpässe für ihre Zwecke instrumentalisieren können und was dann zu tun sei, wie sich Nahrungsmittelengpässe aber verhindern lassen, dazu haben sie nichts zu sagen.