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Interviews mit Flüchtlingen in Tschad

Montag, 01. Juni 2009

Die Organisationen Physicians for Human Rights und Harvard Humanitarian Initiative haben in einem Flüchtlingslager im Tschad nahe Farchana, etwa 55 km von der Grenze zum Sudan entfernt, Frauen interviewt (und untersucht), die aus Darfur geflohen sind. Kernthema des Berichts “Nowhere to turn to”, in dem die Ergebnisse nun veröffentlicht wurden, sind die Vergewaltigungen, die 17 der 88 interviewten Frauen nach eigenen Angaben und zwölf weitere nach Einschätzung der Interviewer “höchstwahrscheinlich” erleiden mussten sowie deren heutige Folgen. Ursprünglich sollten nur vergewaltigte Frauen interviewt werden, doch die vor Ort tätigen NGOs verhinderten dies. Das ist schonmal ein sehr interessanter Aspekt dieses Berichts, dass er aufzeigt, wie der internationale Diskurs über Vergewaltigungen in Flüchtlingslagern “moderiert” wird (auch wenn dies in diesem Falle zum Schutz der Opfer beitragen sollte) und wie sehr die NGOs den Kontakt zu den Flüchtlingen herstellen oder auch verhindern können.

Investigators met with members of the Task Force on Sexual and Gender Based Violence (SGBV), a group made up of representatives from different UN agencies present in Chad which has been established to ensure that programs related to SGBV are complementary and non-duplicative, as well as to oversee and regulate projects such as that proposed by PHR/HHI…
In several cases, NGOs tried to obstruct the team’s access to the camps. One NGO requested that the team not visit the two camps where it was the operational authority.

Die Methode, Frauen mittels vorgefertigter Fragebögen zu befragen, dabei aber nicht klar zu stellen, dass es bei der Befragung v.a. um Vergewaltigungen gehen soll und die Angaben anschließlich durch standardisierte medizinische und psychologische Tests zu “überprüfen” halte ich für fragwürdig. Immerhin ist sie sehr gut dokumentiert: Es werden nicht nur beispielhaft einige der “psychologischen Gutachten” in Gänze zitiert, sondern auch der Fragebogen mitsamt der Anweisungen an die Interviewer. Er ist ganz offensichtlich darauf ausgelegt, Erinnerungen an erfahrene Gewalttaten zu aktivieren und damit sicherlich auch geeignet, “Traumata” zu triggern.

Die Ergebnisse freilich sind erschütternd und auch informativ, wobei man durchaus in Frage stellen kann, ob die Fokussierung auf Vergewaltigungen förderlich ist. Es werden nämlich sehr viele Belastungen der Frauen in Flüchtlingslagern deutlich, Depressionen, Abhängigkeiten, dauerhafte Unterernährung, Tatenlosigkeit. Auch über den Alltag und die Organisation der Flüchtlingslager offenbart der Bericht einiges, grauenvolles.

Dass Übergriffe im Sudan, die zur Vertreibung geführt haben, im Zentrum stehen, versteht sich durch die Wahl des Untersuchungsgegenstandes von alleine. Dadurch fügt sich der Bericht aber allzu gut in das Bild der westlichen Medien ein, wonach die politische Verantwortung für das Leiden der Menschen alleine bei der sudanesischen Regierung verortet wird. Das verschärft sich im Bericht noch durch eine allzu leichtfertige Verknüpfung aller arabischsprachigen Angreifer mit dieser. Zwar wird auch der Befund behandelt, dass Vergewaltigungen auch im Tschad und durch das Militär des Tschad stattfinden, dennoch wird die Regierung Déby und deren neu aufgestellte Gendarmerie-Truppe für den Schutz von Flüchtlingen Détachement Intégré de Sécurité (DIS) als Teil der Lösung und nicht des Problems betrachtet, implizit enthält dies die Annahme, dass Soldaten und Polizisten, die von der UN ausgebildet wurden, nicht mehr vergewaltigen.

Die Europäische EUFOR-Mission, die im Untersuchungszeitraum vor Ort war mit dem Auftrag, die Sicherheit der Flüchtlinge zu verbessern, wird nur als Quelle einerseits und als Vorstufe der MINURCAT andererseits erwähnt. Daraus lässt sich schließen, dass sie nicht merklich zur Verbeserung der Lage beigetragen hat. An anderen Stellen wird aber deutlich, dass sich die Sicherheitslage während des EUFOR-Einsatzes offensichtlich verschlechtert hat (”the massing of Chadian soldiers in eastern Chad responding to the build-up of Chadian rebels across the border”):

“The past year has seen a dramatic increase in the numbers of car jackings and ambushes of NGO vehicles in eastern Chad, and the UN does not travel on roads between Abeché and the camps in the east without armed escort.”

Trotzdem setzen die Organisationen in ihren Empfehlungen auf repressive Maßnahmen: Die Straflosigkeit müsse beendet werden und dafür das Justizsystem im Tschad verbessert werden. Der Internationale Strafgerichtshof müsse die sudanesischen Verantwortlichen verfolgen und es solle Patrouillen geben, welche die Frauen bei der Suche nach Feuerholz unterstützen. Denn hierbei kommt es am Häufigsten zu Übergriffen. Deshalb empfiehlt der Bericht auch, dass mehr Holz oder Brennstoff in den Lagern selbst von NGOs verteilt werden könnte. Hier fehlt ganz eindeutig der Hinweis, dass sich die Sicherheit der Flüchtlinge auch erhöhen ließe, indem der ansässigen Bevölkerung geholfen wird. Diese ist nämlich selbst bettelarm und betrachtet gerade deshalb die Bewohner der Flüchtlingslager mit Argwohn und Neid. Sie ist auf dasselbe Holz angewiesen, wie die Flüchtlinge. Aber das wäre wohl zu weit gedacht, der Ruf nach einer weiteren internationalen Militarisierung der Region liegt freilich näher. Zu weit gedacht oder vielleicht auch naiv mag die Frage sein, warum nicht die Männer Holz holen gehen. Ist natürlich auch keine Lösung. Immerhin ist im Anhang des Berichts das Farchana Manifesto abgedruckt, in dem acht BewohnerInnen des Lagers ihre Sorgen und Probleme auf einer Seite formuliert haben. Die Vorwürfe richten sich dabei weniger an die internationale Gemeinschaft, als an die eigenen Männer.

Die Aufnahme von Flüchtlingen und ihre Sicherheitsimplikationen

Donnerstag, 22. Januar 2009

Wenn ein Marine-Leutnant eine Magisterarbeit in über Flüchtlingsaufnahme und deren Auswirkung auf die nationale und internationale Sicherheit schreibt, dann sollte man vorsichtig sein. Denn dass Migrationen unter Sicherheitsaspekten betrachtet wird bzw sie - insbesondere von Seiten des Militärs - von Vornherein als Sicherheitsrisiko betrachtet werden, nützt in erster Linie der Rüstung und schadet den MigrantInnen und Flüchtlingen. Das Thema wird im Allgemeinen “aufgebauscht”, es wird von kritischer Seite von einer “Versicherheitlichung der Migration” gesprochen.

Um so mehr mahnt zur Vorsicht, wenn sich die Magisterarbeit an der Naval Postgraduate School mit den Fallbeispielen palästinensischer Flüchtlinge in Syrien, Ägypten und Libanon befasst und hieraus allgemeine Schlüsse ziehen will. Denn es handelt sich bei diesen Migrationen sicher um im Vergleich sehr konflikthafte, wenn nicht die konfliktträchtigsten überhaupt.

Doch die vorangeschobe Darstellung der Sicherheitsimplikationen von Flüchtlingsaufnahme ist nüchtern und in ihrer Knappheit bedingt sowohl auf deutsche Ausreisezentren wie auch auf Flüchtlingslager in Darfur oder Afghanische Flüchtlinge in Pakistan anwendbar. Aus beiden Regionen werden auch zahlreiche Beispiele benannt und zwar weniger die alamierenden (die es dort ja gibt - wenn man so will gingen ja bspw. die Taliban aus einer “Flüchtlingspopulation” hervor) als die eher alltäglichen.

Abhängige Variable bei den folgenden drei Beispielen sind die vorgenannten Sicherheitsprobleme, die sowohl für die Flüchtlinge selbst, als auch die “host population” und die beteiligten Staaten entstehen können. Die Unabhängige Variable sind die Bedingungen der Aufnahme, also etwa die politischen und sozialen Rechte, die den Flüchtlingen zugestanden werden, inwieweit sie integriert werden usw. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Frage, ob sie in offenen oder geschlossenen Camps untergebracht werden.

Mit dieser Voprgehensweise wird das Ergebnis der Untersuchung schon absehbarer. Am meisten Sicherheitsrisiken bergen die Flüchtlinge im Libanon, wo diese isoliert leben und kaum Unterstützung (vom Staat) erhalten:

“Lebanon is clearly the most isolating of the three host countries presented here. The living situation which Palestinian refugees face is bleak, and Lebanon has done little if anything to improve these conditions…
The alienation felt by the Palestinian refugees has caused the refugees to react both towards Lebanon and towards Israel, whom they blame for forcing them into their current situations. Retaliation by the refugees has come in the form of militarization of the refugee camps, cross-border attacks and development of their own “state within a state.””

In Ägypten wurden nur Flüchtlinge aufgenommen, die finanzielle Sicherheiten bzw. Selbstständigkeit vorweisen können, auch diese blieben aber weitgehend isoliert. Ein großes Problem stellt hier die Uneinheitliche Politik dar, auch wenn die flüchtlingspopulation zu klein ist, um größere konflikte auszulösen.

Am positivsten (unter Sicherheitsaspekten) wirde die syrische Politik bewertet:

“By consistently treating the Palestinians on a par with its citizens, Syria has largely been able to avoid the development of tensions and negative perceptions of the refugees. Able to work and receive benefits like all other citizens in the country, the Palestinian refugees have tended more towards cohesion with their Syrian counterparts, due to common workplaces, similar military obligations, and shared economic and social experiences. Syria has not experienced any major security problems, either caused or influenced by the presence of the Palestinian refugees.
Because the Palestinians are fully incorporated into Syrian society, there is a non-threatening perception of the refugees. In turn, the Palestinian refugees have not found cause to rebel against the society that has supported them…”

Dementsprechend lautet das Fazit der Arbeit, dass es auch aus Sicherheitsaspekten empfehlenswert ist, die internationalen Verpflichtungen im Umgang mit Flüchtlingen möglichst gut einzuhalten:

“As demonstrated in this thesis, the nearer the policy applied by a host government follows the provisions in agreements regarding refugees, the more integrated refugees become. Increased integration and shared experiences between the refugee and host nationals tend to minimize internal and regional security issues. Therefore, adherence to international agreements has more tangible benefits than simple recognition and reputation at the international level. In reality, compliance offers security and protection for the host country as well as the refugee.”

Man kann natürlich darüber streiten, ob die internationalen Verpflichtungen, mit denen v.a. die GFK gemeint ist und die (Bürger-)Kriegsflüchtlinge eigentlich nicht umfasst, überhaupt so weit gehen, wie hier angenommen wird. Man kann auch darüber streiten, ob die Sicherheitsimplikationen, wenn schon - wie in der Arbeit - auch Exilkombatanten in die Betrachtung einbezogen werden, nicht etwas weiter reichend sind. Es ist sicher auch ratsam, sich bei der Frage über den Umgang mit Flüchtlingen mit Sicherheitsaspekten bewusst nicht zu beschäftigen, weil diese in solchen Fragen sekundär sein sollten. Wird man aber mal dazu gezwungen, kann man in dieser Arbeit gute Argumente finden. Gute Argumente liefert sie auch gegen die Unterbringung in Lagern generell, von Fürth bis Darfur.

Außerdem: kann man in der Arbeit gute Quellen finden und überdurchschnittlich viele davon sogar im Internet. Ich bin zum Beispiel über einen Bericht über einen Aufstand in einem Flüchtlingslager in Darfur gestolpert, von dem mir vorher nicht bekannt war.

Wasser- und Holzmangel im Flüchtlingslager / Drohnen an der Grenze zum Sudan

Montag, 30. Juni 2008

Wasser- und Holzmangel im Flüchtlingslager Iridimi wird in diesem Artikel auf Afrika.info beschrieben, auch wie und weshalb es zu Konflikten mit der bereits länger ansässigen Bevölkerung kommt und was dagegen unternommen wird:

Im weiten Umkreis des Flüchtlingscamps gibt es längst kein Brennholz mehr. Die lokale Hilfsorganisation ‘Adesk’ schafft es einmal im Monat auf Lastwagen herbei. Ihre Helfer sind stundenlang unterwegs, um etwas Brennbares zu finden und plündern dabei auch schon mal die kostbaren Holzvorräte anderer Gemeinden.
Die drei Tonnen Zweige, die die Laster abends im Lager abladen, werden von den Frauen gebündelt und abgewogen. Für jede der zehn Lagerzonen gibt es nur eine Lieferung pro Monat. Obwohl nach Ansicht der UN Flüchtlingen pro Tag ein Kilo Brennholz zusteht, erhalten die Menschen in Iridimi gerade mal ein Drittel dieser Menge, berichtete die CARE-Mitarbeiterin Caroline St. Mieux.

Auch die Trinkwasserressourcen des Lagers werden nicht mehr lange reichen. Den hier genutzten 15 Meter tiefen traditionellen offenen Brunnen mit seinem klaren, mineralhaltigen Wasser hatten die Einwohner von Iriba vor Jahren angelegt und wollten ihn anfangs nicht mit den Flüchtlingen aus dem 2004 eingerichteten Lager Iridimi teilen. Es kam zu Schlägereien zwischen den Frauen aus Iriba und den Fremden.
Inzwischen haben beide Seiten traditionelle Komitees gegründet, die bei der Wasserverteilung vermitteln. Auch heute noch geraten sich gelegentlich an den Zapfstellen wartende Frauen in die Haare, doch es bleibt bei Rangeleien um das immer knapper werdende Trinkwasser.

Um auch einen Teil der kurzen, aber kräftigen Sommerregen nicht ungenutzt in die Wadis, die Regenflüsse, abfließen zu lassen, haben sie am Ufer innerhalb und außerhalb des Lagers ein Netz von provisorischen Dämmen gebaut, die die Regenfluten aufhalten, damit sie im Boden versickern können.
In diesem Jahr ist der Bau eines solideren Betondamms geplant.

CARE bietet allen Familien mit drei und mehr Personen einen ‘Save 80′ genannten Sparkocher an, der, wie der Name sagt, Wärme speichert und nur ein Fünftel der für eine offene Feuerstelle benötigten Holzmenge verbraucht. Bislang ist die Nachfrage nach dem hochmodernen Gerät gering, denn sein Preis von umgerechnet 100 US-Dollar ist für die meisten Flüchtlingsfamilien unerschwinglich.

EU setzt Drohnen an der Grenze zum Sudan ein.
Per Mail erreichte uns eine Meldung von Agence France-Presse, wonach die EUFOR an der Grenze zwischen Tschad und Sudan unbemannte Flugkörper mit Infrarot-Kameras einsetzt:

Zur Unterstützung der EUFOR-Schutztruppe im Tschad hat Frankreich elf Drohnen an der Grenze zur sudanesischen Krisenprovinz Darfur stationiert. Die unbemannten Flugzeuge zur Luftaufklärung würden von Forchana aus eingesetzt, das wenige Kilometer vom Sudan entfernt liege, teilte der französische Generalstab am Freitag in Paris mit. Die auch mit Infrarot-Kameras ausgestatteten Drohnen lieferten seit gut einer Woche “Tag und Nacht” Bilder. Die EU-Truppe könne damit den Zustand von Landepisten in der Regensaison überwachen, “aber vor allem Bewegung bewaffneter Gruppen kontrollieren”, sagte ein Generalstabssprecher. Dies sei im Umkreis von 400 Kilometern um den Startplatz möglich.

Drohnen werden gerade überall sehr gerne eingesetzt, bei der Fußball-EM, an den EU-Außengrenzen, in den Banlieus, in Afghanistan und Irak. Drohnen eignen sich auch für niedrigschwellige Souveränitätsverletzungen. Sie können mal sehr leicht “aus Versehen” in sudanesisches gebiet eindringen oder dort sogar abstürzen. Sie werden von Soldaten gelenkt und deshalb handelt es sich streng genommen um einen Angriff. Der Sudan könnte also auch irgendwie militärisch reagieren und schon wäre das gezielt eskaliert.