Massaker in Guinea - Sieht so deutscher “Stabilitätsexport” aus?

Auf der Homepage der Bundeswehr findet sich aktuell folgende Meldung:

Verteidigungspolitiker aus Westafrika besuchen die Führungsakademie
Hamburg, 04. September 2009
„Poli­tischer Dia­log West­afrika“ lau­tet der Ti­tel ei­nes Pro­gramms der Kon­rad-Ade­nauer-Stif­tung (KAS), mit dem demo­kratische Struk­turen in den afrika­nischen Län­dern ge­stärkt und ge­fördert wer­den sollen.

Im Rah­men des Pro­gramms be­suchten Verteidigungs­politiker aus Mali, Burkina Faso, Togo, Benin und der Elfen­bein­küste Deutsch­land zu ei­nem Studien- und Dialog­programm. Eine Station auf der Rund­reise durch die Bundes­republik Deutsch­land war am 04. September 2009 die Führungs­akademie der Bundes­wehr in Ham­burg. Im beson­deren Augen­merk der Be­sucher stand hier der Lehr­gang für General­stabs- und Admiral­stabs­dienst mit Inter­nationaler Betei­ligung (LGAI), an dem ak­tuell Offi­ziere aus 42 Natio­nen teil­nehmen. Diese außer­gewöhnliche Lehrgangs­konstellation, bei der Kultur- und Mentalitäts­unterschiede schnell in den Hinter­grund tre­ten, weck­te das beson­dere Inte­resse der Besucher­gruppe. So stan­den die in das Pro­gramm ein­gebundenen Lehrgangs­teilnehmer aus Burkina Faso und Mali schnell im Mittel­punkt der Ge­spräche.

Im Rahmen von LGAI werden deutsche Sprachkenntnisse, Struktur und Strategien der Bundeswehr sowie die deutsche Wahrnehmung der geopolitischen Weltlage vermittelt. Seit 1962 wurden so 1453 inter­nationale Offi­ziere aus 110 Staa­ten und 459 deutsche Offi­ziere aus­gebildet. Am LGAI 2008 nehmen 51 internationale Offiziere aus 38 Staaten und 22 deutsche Offiziere teil. 2007 nahmen erstmals Soldaten aus Äthiopien und Belize teil.

Wikipedia schreibt hierzu: “Die dort regelmäßig militärisch zu Generalstabs-/Admiralstabsoffizieren ausgebildeten Offiziere aus Staaten der ganzen Welt nehmen in ihren Heimatländern oft militärische Spitzenpositionen ein.”

Ein Beispiel hierfür ist Moussa Dadis Camara, der sich unmittelbar nach dem Tode des langjährigen Machthabers Conté am 24.12.2008 an die Macht putschte. Bereits Jahre vor Contés Tod wurde international befürchtet es könnte zu schweren Konflikten um seine Nachfolge kommen. Doch der Putsch verlief weitgehend unblutig. zwar wurde er von vielen Staaten und der EU verurteilt, außer einer Suspendierung der Mitgliedschaft in der ECOWAS wurde aber kaum Druck ausgeübt. Innerhalb der Bevölkerung wurde der Putsch sogar teilweise begrüßt. Die in Camara gesetzten Hoffnungen ließen aber scnell nach, zunehmend regierte er autoritär, bekämpfte die in Guinea mächtigen Gewerkschaften und strebte immer offener selbst das Präsidentenamt nach der Übergangszeit an. Am 28.9.2009 fand in Conakry eine große Demonstration mit über 50.000 Menschen statt, die sich gegen die Militärregierung richtete. Sie wurde gewaltsam unter der Anwendung von Schußwaffen aufgelöst wobei über 150 Menschen starben und über 1.000 verletzt wurden. In diesem Zusammenhang berichteten sowohl ARD als auch die Welt über die deutsche Ausbildung Camaras. Im Folgenden sind beide Beiträge dokumentiert:

Oberst Camara - der “deutsche” Putschist
Angetreten war Oberst Camara 2008 mit dem Versprechen, Guinea in die Demokratie zu führen. Mittlerweile jedoch hat er viele ehemalige Weggefährten gegen sich aufgebracht. Kritische Fragen nach einer zivilen Regierung beantwortet Camara oft auch auf Deutsch - er wurde bei der Bundeswehr ausgebildet.
Die Proteste in Guinea richteten sich gegen den Führer der Putschisten, Oberst Moussa Dadis Camara. Nach dem Tod des langjährigen Diktators Lansana Conté hatte er im Dezember 2008 die Macht an sich gerissen und versprochen, das Land in die Demokratie zu führen. Mit einer zivilen Regierung, versteht sich. Nun wird immer deutlicher: Camara spielt mit dem Gedanken, sich selbst zur Wahl zu stellen.
Noch vor neun Monaten hatten ihm alle zugejubelt, als er die Macht übernommen hatte. Ruhig, leise, ohne Blutvergießen. Den Putsch wird schnell “Le Putsch Allemand” genannt , der “deutsche Putsch” - da er ihn mit einigen Vertrauten auf Deutsch vorbereitet haben soll. Eine Sprache, die außer ihm und seinen Vertrauten kaum jemand in Guinea spricht.

Abzeichen der deutschen Fallschirmspringer
Deutsch gelernt hat er unter anderem an der Führungsakademie der Bundeswehr - an seinem roten Barrett steckt stets ein Abzeichen der deutschen Fallschirmspringer. Bei einer Fernsehdiskussion sagte Camara kürzlich: “Ich habe in Deutschland meine Grundausbildung gemacht! Gruppenführer! Zugführer! Fallschirmspringerlehrgang! Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, werde ich das als Präsident tun. Die Bundeskanzlerin soll mich empfangen - das ist das Mindeste, was ich an Respekt erwarte!”

“Ich bin Präsident”
Camara ist geladen, seine dunkle Sonnenbrille hat er abgezogen, die Augen funkeln vor Wut. Gerade hat ihn der deutsche Botschafter in Guinea vorsichtig gefragt, ob er gedenke, sein Versprechen einzuhalten. Das Versprechen, bei den kommenden Wahlen nicht als Präsident zu kandidieren, um eine zivile Regierung zu ermöglichen. Camara explodiert förmlich. Allein die Frage ist für ihn ein Affront: “Ich bin bei mir. Das ist mein Land. Ich bin Präsident. Respektieren Sie meine Autorität. Ich schätze Deutschland und seine Autoritäten sehr. Behandeln Sie mich nicht wie ein kleines Kind. Ich bin Präsident. Präsident von Guinea!”

Vorschusslorbeeren verspielt
Neun Monate nach dem Putsch sind bei Camara die Nerven gespannt. Dabei hatte er so viele Vorschusslorbeeren bekommen - auch in Guinea. Im Militär galt er eher als Außenseiter. Camara war keiner aus der alten Machtclique. Camara war einer, der integer und besonnen ist und es mit dem Kampf gegen Armut und Korruption ernst meint. Deshalb wurde er von den Guineern begeistert begrüßt. Das ist lange vorbei. Zu der Protestkundgebung gegen ihn im Stadion von Conakry sollen am Montag 50.000 Menschen gekommen sein - doppelt so viele, wie für das Stadion zugelassen sind.
Nach dem Tod von Präsident Conté war es Camara zunächst gelungen, die Machtkämpfe der Militärs in Schach zu halten. Und er hat dafür gesorgt, dass das Land nicht ins Chaos abgerutscht ist. Heute ist sich kaum einer sicher, ob ihm das noch bis zu den angekündigten Wahlen im Januar gelingen wird.

Weitere Informationen:
Oberst Camara hat an mehreren Ausbildungslehrgängen der Führungsakademie der Bundeswehr teilgenommen. Dort werden seit 1962 ausländische Offiziere aus der ganzen Welt aus- beziehungsweise weitergebildet. Camara ist Staatsbürger von Guinea.

von Marc Dugge, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika auf www.tagesschau.de

Gewaltherrschaft in Guinea - Bundeswehr bildete brutalen Junta-Chef aus
Oberst Moussa Camara regiert Guinea mit äußerster Brutalität. Als seine Sicherheitskräfte eine Demonstration von 50.000 Regimegegnern niederschlugen, töteten sie 150 Menschen. Jetzt wurde bekannt, dass Camara bei der Bundeswehr zum Kompaniechef ausgebildet wurde. Bei seinem Putsch nutzte er Deutsch als Geheimsprache.
Guineas Junta-Chef Oberst Moussa Camara, dessen Sicherheitskräfte eine Demonstration blutig niedergeschlagen haben, wurde vier Jahre in Deutschland militärisch ausgebildet. Das bestätigte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Der Schwerpunkt sei die Ausbildung zum Kompaniechef gewesen. Camara sei im Zeitraum von 1996 bis 2005 insgesamt vier Jahre an der Offiziersschule Dresden und an der Nachschubschule in Bremen gewesen. Deutsch habe er am Bundessprachenamt gelernt, sagte der Sprecher.
Nach Augenzeugenberichten hatten Sicherheitskräfte der Militärregierung in der westafrikanischen Republik mit äußerster Brutalität eine verbotene Demonstration mit 50.000 Menschen zerschlagen und mehr als 150 Demonstranten getötet. Die Kundgebung hatte sich gegen Camaras Militärregierung gerichtet, die nach dem Tod von Präsident Lansana Conte 2008 in einem unblutigen Putsch die Macht übernommen hatte. Jüngst mehrten sich Hinweise, dass Camara bei den Wahlen am 31. Januar 2010 das Präsidentenamt anstrebt, statt wie zuvor in Aussicht gestellt einer Zivilregierung Platz zu machen.
Das ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika berichtete, der damalige Putsch sei „Le Putsch Allemand“ (der deutsche Putsch) genannt worden, weil Camara ihn mit einigen Vertrauten auf Deutsch vorbereitet haben soll – eine Sprache, die außer ihm und seinen Vertrauten kaum jemand in Guinea spreche. An seinem roten Barrett stecke stets ein Abzeichen der deutschen Fallschirmspringer.
Bei einer Fernsehdiskussion habe Camara kürzlich gesagt: „Ich habe in Deutschland meine Grundausbildung gemacht! Gruppenführer! Zugführer! Fallschirmspringerlehrgang! Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, werde ich das als Präsident tun. Die Bundeskanzlerin soll mich empfangen – das ist das Mindeste, was ich an Respekt erwarte!“
Camara hatte zuvor gesagt: „Ich habe die Macht nicht übernommen, um die Nation in eine neue Konfrontation zu führen.“ Für die Übergriffe seien unkontrollierbare Soldaten verantwortlich. Das Auswärtige Amt in Berlin verlangt „rückhaltlose Aufklärung der Ereignisse sowie eine Bestrafung der Schuldigen“ und bestellte den Geschäftsträger von Guineas Botschaft in Berlin ein.
Aus Regierungskreisen verlautete, militärische Ausbildungshilfe für ausländische Offiziere sei ein Anliegen der Bundesregierung, um Demokratie zu fördern. Die Regierung sei nicht verantwortlich dafür, wenn die Offiziere in ihren Ländern eine andere Richtung einschlügen.

Quelle: Welt.de

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