Archiv für die Kategorie ‘Flüchtlinge’

Wer verdient an der globalen Elendsverwaltung der UN?

Donnerstag, 03. Dezember 2009

Das United Nations Office for Project Services (UNOPS) wurde als Unterorganisation des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) gegründet, ist aber mittlerweile eine eigenständige und finanziell selbsttragende Institution, die sich der UN und anderen internationalen Organisationen als Dienstleister in Sachen “Projektmanagement” anbietet. Jährlich veröffentlicht das UNOPS eine ausführliche und aufschlussreiche Statistik über durch die UN und ihre Unterorganisationen getätigten Beschaffungen.

Die Statistik für das Jahr 2008 findet sich hier.

Demnach stiegen die Ausgaben der UN 2008 insgesamt um 34%, was v.a. auf die Zunahme an Peacekeeping Operations und Nahrungsmittellieferungen zurückzuführen sei. Wie bereits erstmalig 2006 hätten auch die Ausgaben für Dienstleistungen diejenigen für Waren überschritten:

“Total UN procurement volume increased in 2008 by $3.5 billion, representing a percentage increase of 34%. This unprecedented growth in procurement delivery is primarily attributable to an increase in peacekeeping operations and the delivery of food stuffs. Agencies increased their procurement of goods by $1.5 billion and that of services by $2 billion. The 2008 data further confirm that the UN’s requirement for services matches and even exceeds that of goods, reversing the trend of previous years where the proportion of goods procured far outweighed that of services contracted…
The overall procurement volume – goods and services combined – of UN agencies during 2008 increased to $13.6 billion from $10.1 billion in 2007, a gain of about 34.4%. The total procurement of goods by UN agencies went up $1.5 billion, an increase of 28.1%, while procurement of services grew $2 billion, an increase of 41.3%. During the five years from 2004 to 2008 UN procurement more than doubled in volume from $6.5 billion to $13.6 billion, primarily attributable to a growth in the procurement of services of $4.1 billion for the same period.”

Unter den zehn Ländern, in denen die meisten Anschaffungen getätigt wurden, sind vier Entwicklungsländer: Indien, Afghanistan, Peru und Sudan (welch illustrer Haufen). Indien liefert v.a. medizinische Produkte, Afghanistan und Peru Dienstleistungen im Baubereich und Sudan verdient kräftig, in dem er Treibstoff für die UN Truppen bereitstellt. (Zum Kriegs-Baugewerbe in Afghanistan gibts hier Informationen).

“The 10 major countries to supply UN agencies in 2008 included four developing countries – India, Afghanistan, Peru and Sudan. India has featured in this list since 2000, and in 2008 was the second largest supplier to the UN system, with a 4.6% share of total UN procurement volume. Procurement from India includes pharmaceuticals, medical equipment, cold chain equipment and diagnostic test kits, procured primarily by UNICEF. Procurement from Afghanistan and Peru consisted primarily of construction services executed with national vendors by UNDP and UNOPS respectively. Procurement from Sudan largely consisted of construction services and fuel oils procured by UN/PD in support of peacekeeping operations.”

Hauptlieferanten für Dienstleistungen sind demnach die USA (737 Mio.), Russland (400 Mio.), Afghanistan (366 Mio.), Schweiz, Peru, Sudan und Italien, für Waren sind es Indien (562 Mio.), Frankreich (435 Mio.), die Schweiz (353), Italien, USA und Dänemark.

Während das Internationales Forschungs- und Ausbildungsinstitut zur Förderung der Frau (INSTRAW) 100% seiner Anschaffungen in Entwicklungs- und Schwellenländern tätigt, sind dies bei WTO 0,00% und beim UN-Freiwilligenprogramm nur 1,1%. Bei den Organisationen mit den höchsten Ausgaben, der UN-eigenen Procurement Division (hauptsächlich Peacekeeping) 33% dem UNDP 80% und der UNICEF 43%. Insgesamt wurden 2008 51.29% aller Anschaffungen in Entwicklungs- und Schwellenländern getätigt 2007 waren es noch 53.65%.

Das von der Generalversammlung explizit formulierte Ziel, Anschaffungen nach Möglichkeit in Entwicklungs und Schwellenländern zu tätigen steht dabei in scharfen Kontrast mit dem impliziten Ziel, Anschaffung bei Firmen zu tätigen, die dem “Global Compact” zugehörig sind und sich einer Corporate Social Responsibility verschrieben haben, von denen nach wie vor 59% in Europa und 16% in Nordamerika ansässig sind.

Der Bericht ist wie gesagt sehr ausführlich und aufschlussreich, deshalb hier nur noch einige Eindrücke aus den nahezu endlosen Tabellen. Man kann wirklich für jede UN-Organisation herausfinden wo sie für was ihr Geld ausgibt, von Logistik über Benzin zu Zelten und Nahrungsmitteln bis hin zu Reiseversicherungen und IT-Ausrüstung (bei manchen Organisationen nehmen letztere Posten sogar die größten Summen in Anspruch). Insgesamt scheinen die größten Einzelposten an Arzneimittelhersteller, Logistikunternehmen, und Treibstoffvertreiber zu gehen, auch Hersteller von Geländewagen und Bauunternehmen verdienen kräftig. Viele der hier genannten Unternehmen sind auch für nationale Militärs, NATO und EU tätig.

Auch in Deutschland scheinen insbesondere Fahrzeughersteller, die Pharmazeutische Industrie, aber auch Waffenhersteller vom UN Procurement zu profitieren. Eine herausragende Stellung nimmt Deutschland bei den Anschaffung der Internationalen Atomenergiebehörde ein.

Klimawandel, Sicherheit und die Ambitionen des Pentagon

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Auf CommonDreams.org hat Betsy Hartmann, Publizistin und Proffessorin für Entwicklungspolitik in Hampshire, einen großartigen Artikel über die Gefahren veröffentlichen, die mit einer thematischen Verknüpfung von Klimawandel und Nationaler Sicherheit einhergehen: Anything Goes: The Dangers of Linking Climate Change to National Security.
Zunächst schreibt sie von der eher gutwilligen Absicht hinter dieser Verknüpfung, dass damit auch konservative Senatsmitglieder davon zu überzeugen, für eine Reduktion des CO2-Ausstoßes zu stimmen. Sie warnt aber vor den mittel- und langfristigen Folgen dieser Verknüpfung und verweist auf einige vom Pentagon finanzierte Studien, welche diese Verknüpfung seit 2003 vorantrieben, indem sie apokalyptische Bilder der Dritten Welt zeichneten, welch durch den Klimawandel in pures Chaos und nackte Gewalt umschlagen würde. Nach einer etwas kurz geratenen Kritik an den Grundannahmen dieser Bilder (Adaptionsfähigkeit im globalen Norden, Tendenzen zu Gewalt im Süden) stellt sie die Motivation dar, mit welcher das Pentagon diese Verknüpfung vorantreibt. Dabei vergisst sie zu erwähnen, dass sich das Militär grundsätzlich nach Problemen sucht, für die es “Lösungen” bereit stellen kann. Stattdessen aber verweist sie auf die Ansätze zur vernetzten Sicherheit und zum “whole-of-government approach toward security” mit dem sich das Pentagon Dominanz über alle anderen Außenpolitikbereiche sichern und humanitäre und Entwicklungshilfe stärker vereinnahmen will. Sie beschreibt auch, wie ein solcher vernetzter Ansatz im AFRICOM bereits konzeptionell vorgesehen ist und welche Kritik es daran gibt.
Sehr guter und empfehlenswerter Artikel, der sich fast 1:1 auf Deutschland übertragen lässt.

Anything Goes: The Dangers of Linking Climate Change to National Security
by Betsy Hartmann

Do the ends justify the means? This age-old question has relevance to today’s climate debate. This fall the Senate has the historic opportunity to pass legislation to curb U.S. carbon emissions. To win conservative votes, leading supporters of climate legislation are now recklessly playing the national security card. While in the short term this strategy may garner some votes, in the long term it threatens to militarize climate policy and subvert the mission of U.S. humanitarian and development aid.

Momentum is building fast. In July a Senate Foreign Relations Committee hearing on climate change and global security raised the specter of climate-induced chaos, terrorism and mass migration in poor and unstable regions that might necessitate an American military response. The New York Times moved quickly to embrace the strategy. A lead editorial (http://www.nytimes.com/2009/08/18/opinion/18tue1.html) proclaimed that this reasoning plays well on Capitol Hill “where many politicians will do anything for the Pentagon.” It concludes that while national security is not the only reason to address climate change, “anything that advances the cause is welcome.”

Anything?

Admittedly, there are some legitimate reasons for the Pentagon to be worried about climate change. As the largest consumer of energy in the U.S., the Department of Defense has a responsibility to reduce its own emissions. Concerns about the effects of rising ocean waters on military bases or who will control new shipping channels in the Arctic are grounded in physical reality. But much of the way climate change is being framed as a national security threat is pure ideology, based on unscientific scenarios designed to instill fear of those poor, dark, dangerous people over there.

The first such scenario appeared in 2003. Sponsored by the Pentagon, An Abrupt Climate Change Scenario painted a world of starving Third World masses overshooting the carrying capacity of their lands, engaging in violent conflict over scarce resources, and storming en masse towards U.S. and European borders. Even the climate scientists interviewed for the project considered the findings too extreme.

A next round of influential scenarios on climate and security was undertaken in 2006-7 by the Washington think tanks, Center for a New American Security (CNAS) and the Center for Strategic and International Studies (CSIS). The Wall Street Journal dubbed CNAS as a “top farm team” for the Obama administration’s national security apparatus. Michele Flournoy, co-founder of CNAS, is now Undersecretary of Defense for Policy.

The CNAS-CSIS project predicts that as the mercury rises, so will the violence of the poor, especially in Africa. With a rise of 4.7 degrees by 2040, Western governments will have to engage in triage and decide which of the poor are worth saving. There is hope, however — war, disease and draconian population control measures might restore an environmentally sustainable relationship between people and nature. The scenarios were supposedly developed by a diverse group of experts, but serious scholars from the Global South are conspicuous by their absence.

There’s a powerful exceptionalism at work in these scenarios. While it is commonly assumed that resource scarcity can lead to institutional and technological innovation in the West, just the opposite is assumed for poor people in developing countries. Climate change-induced scarcities automatically render them into victims/villains, incapable of innovation, adaptation or livelihood diversification, and naturally prone to violence. They are savages and we are not.

The scenarios also neglect the political and economic causes of conflict, including the role of foreign intervention through financial or military means. In Africa, violent conflict is actually connected more closely to competition over resource abundance (rich oil and mineral reserves, valuable timber, diamonds, etc.) than resource scarcity. A recent World Bank study by Norwegian researchers found that current alarms about climate conflict are not based on substantive evidence (http://siteresources.worldbank.org/INTRANETSOCIALDEVELOPMENT/Resources/SDCCWorkingPaper_Conflict.pdf).

Unfortunately, evidence is not really the issue here. The beating of the climate conflict drums should be viewed in the context of larger orchestrations in U.S. national security policy. In recent years the military has moved to exercise more control over humanitarian and development aid. In 2005 the share of US foreign aid dispersed by the Pentagon was 22 percent, up from six percent three years before. Obama’s defense policy views aid as an essential component of stabilizing restive populations, taming “ungoverned spaces” in Africa and Central Asia where terrorists may lurk, and building a “whole-of-government” approach toward security, shorthand for Pentagon dominance of most aspects of foreign policy.

The new U.S. military command for Africa, AFRICOM, is an example of what may lie in store. AFRICOM seeks to integrate U.S. military objectives more firmly with development ones and its staff includes senior officials of the U.S. Agency for International Development. This approach has generated criticism from inside the national security establishment as well as outside. Writing in Joint Forces Quarterly (http://www.ndu.edu/inss/Press/jfq_pages/editions/i52/28.pdf), Ambassador Edward Marks calls AFRICOM’s creation “a retrograde move” that threatens “the increasing militarization of our foreign relations.” Supporters of AFRICOM are already deploying the threat of climate conflict as a justification for its existence.

The climate change-national security linkage could also provide a rationale for investments in grandiose and risky schemes to control the weather. This March an official advisory group to the Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) convened a meeting to discuss the possibility of geo-engineering as a response to global warming.

History is full of examples of how ends do not justify the means, and indeed how bad means lead to bad ends. The cavalier attitude that “anything goes” when it comes to passing climate legislation is pushing us down a dangerous road. In a democratic society, civilian institutions should determine climate policy and the disbursement of foreign aid. Should U.S. assistance be needed to help poor communities cope with the impacts of climate change, the Pentagon should stay out of it.

Betsy Hartmann is the director of the Population and Development Program (http://popdev.hampshire.edu) and professor of development studies at Hampshire College in Amherst, MA. She writes on population, environment and security issues. Her most recent book is the political thriller Deadly Election. See http://www.BetsyHartmann.com.

Bericht über illegalen Handel in Westafrika

Mittwoch, 15. Juli 2009

Mitte Juni hat die Regierung von Guinea(-Conakry) ihre Streitkräfte mobilisiert mit der Begründung in den angrenzenden Staaten Senegal, Guinea Bissau und Liberia hätten sich im Auftrag von Drogenhändlern bewaffnete Gruppen an den Grenzen zu Guinea versammelt. Gewerkschaften und Opposition sind skeptisch, ob tatsächlich eine solche Bedrohung besteht und vermuten eher, die Militärregierung wolle von innenpolitischen Problemen ablenken.

Fast zeitgleich veröffentlichte das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung einen ausführlichen Bericht “Transnational Trafficking and the Rule of Law in West Africa: a Threat Assessment”. Die Ergebnisse sind hier zusammengefasst, wobei bemerkenswert ist, welch unterschiedliche Phänomene, die jedoch allesamt auf State Failure zurückgeführt werden werden:

* Cocaine trafficking through the region is decreasing, although flows of 20 tons (valued at $1 billion at destination) still have a destabilizing impact on regional security;
* In Nigeria, 55 million barrels of oil a year (a tenth of production) are lost through theft and smuggling (”bunkering”). Illegal oil bunkering, particularly in the Niger Delta, is a source of pollution, corruption and revenue for insurgents and criminal groups;
* As much as 80 per cent of the cigarette market in some West and North African countries is illicit, meaning that cigarette sales in those countries chiefly profit criminals;
* 50-60 per cent of all medications used in West Africa may be substandard or counterfeit. This increases health risks in a region where there is high demand for anti-infective and antimalarial drugs, and promotes the development of drug-resistant strains which are a hazard to the entire world;
* West Africa is a major destination for electronic waste (including old computers and mobile phones), also known as “e-waste”, which contains heavy metals and other toxins. The European Union alone produces 8.7 million tons of e-waste each year.

Die Medien greifen das natürlich insofern auf, als von Westafrika eine Bedrohung ausginge (einer der ausgewogeneren Artikel hier), obwohl viele der benannten illegalen Aktivitäten v.a. die Bevölkerung vor Ort betreffen (Lagerung von giftigem Müll) und diese auch zunehmend diejenigen Drogen abnimmt, die eigentlich angeblich für Europa bestimmt waren.

Der Abschnitt über den Kokain-Export über Westafrika ist ganz interessant, problematisch ist, dass er hauptsächlich Nigerianer im Auftrag lateinamerikanischer Drogenbosse verantwortlich macht. Er zeichnet aber ein deutlich rückläufigen Trend, anscheinend auch wegen verstärkter Kontrolltätigkeiten, die aber leider nicht näher beschrieben werden (genannt wird nur INTERPOL), andere, wie das europäische Operationszentrum für den Kampf gegen den Drogenhandel im Atlantik (MAOC-N) werden nicht benannt.

Spannend sind auch die Abschnitte über den Handel mit Waffen und Munition sowie Giftmüll (vorwiegend aus USA und Europa). Menschenhandel und “illegale Migration”, letzteres wird einseitig als Arbeitsmigration bezeichnet, werden getrennt behandelt. Obwohl der Abschnitt über Arbeitsmigration nach Europa v.a. auf den Daten europäischer Sicherheitsbehörden basiert, nimmt er auch ein wenig eine afrikanische Perspektive ein. Im Gegensatz zu den sonst bekannten Verlautbarungen wird in der Übersicht recht nüchtern festgestellt:

“Some 20,000 West Africans entered European soil illegally in 2008. For most of these, no repatriation agreement exists with their home country, so they were released in Europe with an order to return. In this way, they effectively emigrated. To get to this point, most had to pay for the professional services of at least one smuggling group. Not all of these are sophisticated criminal organizations, however, and may be little more than a man with access to a bus or a boat.”

Negativ anzumerken ist, dass der ganze Bericht im Stil einer Risikoanalyse (wie sie gerade bei der global governance sehr hip ist) gehalten ist und dass der illegale Fischfang und Holzexport nach Europa keine Rolle spielt.

Am 10.7.2009 wurde der Bericht auch im UN-Sicherheitsrat diskutiert. In dessen Pressemitteilung zum Thema heißt es u.a.:

Illicit drug trafficking and other criminal activities also threaten peace and stability in the region, with the value of trafficked goods in some cases exceeding the gross domestic product (GDP) of West African nations, which are among the world’s poorest. For example, the income derived from illegally selling oil or trafficking cocaine, worth $1 billion annually each, rivals the GDP of Cape Verde and Sierra Leone, according to a new report by the UN Office on Drugs and Crime (UNODC).
An “approach of shared responsibility” is crucial to addressing the problem, the Council said, welcoming efforts undertaken by West African nations, especially the regional action plan of the Economic Community of West African States (ECOWAS).
It also welcomed this week’s launch of a new initiative, which seeks to address West Africa’s porous borders, weak governance and corruption, which have been allowed traffickers to operate in a climate of impunity.
Called the West Africa Coast Initiative, it is a partnership among UNODC, the UN Office for West Africa (UNOWA), the UN Department of Peacekeeping Operations (DPKO) and the Department of Political Affairs (DPA), along with the ECOWAS and Interpol.

Dass das DPKO beteiligt ist, lässt nichts Gutes erahnen…

Afrikas “Umweltprobleme” vom Satelliten aus gesehen

Dienstag, 14. Juli 2009

Es ist bestimmt einen Monat her, seit ich den AFRICA Atlas of Our Changing Environment des UNEP gefunden habe. Seit dem wollte ich hierzu einen Blog-Eintrag verfassen. Ich musste ihn freilich erst lesen und mir ein Bild von diesem Bildreichen Dokument machen, das man komplett mit 44 MB herunterladen kann. Weitere Grafiken und thematische Karten sowie die Möglichkeit eigene thematische Karten zu erstellen werden auf einer den Atlas ergänzenden Homepage angeboten.

Es fällt mir sehr schwer, dazu etwas zu schreiben. Hier wird eben die Satelliten-Perspektive angeboten. Menschen spielen keine Rolle, außer als Verursacher von Umweltproblemen und zur hübschen Illustration. Der Klimawandel spielt auch keine große Rolle, vielleicht, weil es hier v.a. um Entwicklungen der letzten 50 Jahre geht und um Entwicklungen, die ohnehin periodisch auftreten und um Entwicklungen (Verhinderungen von Wirbelstürmen durch Wüstensandverwehungen), die so komplex sind, dass vor diesem Hintergrund jede Prognose albern erscheint? Das immerhin aber ist erfrischend: Es werden nicht nur, wie in einem ebenfalls begleitenden Video [hier unter Multimedia], rein negative Entwicklungen berichtet. Verwirrend sind die Auswahl der Beispiele und die Werte auf deren Grundlage diese dargestellt werden. Implizit ist es natürlich schlecht, wenn ein See oder ein Wald schrumpft, aber das wird nie an die Lebensbedingungen der Menschen rückgekoppelt, die grundsätzlich eher Zerstörer als Nutznießer der Natur sind. Daneben stehen Aufnahmen von wachsenden Städten und Diamantenminen, bei denen gar nicht ganz klar wird, ob das nun eine positive Entwicklung sein soll. An vielen Stellen denkt man sich, wie ein solcher Vorher-Nachher-Vergleich wohl in Europa aussehen würde, wenn etwa die Zunahme an Infrastruktur dokumentiert wird (was dann wohl Umweltzerstörung bedeutet! - auch in der Sahara?).
Letzlich scheint es v.a. um schöne Satellitenbilder gehen und das mit diesen stets einhergehende Gefühl der menschenverachtenden Global-Governance-Omnipotenz. Für Recherchen kann der Atlas dennoch sicher nützlich sein. Aber was heißt eigentlich Umwelt?

Interviews mit Flüchtlingen in Tschad

Montag, 01. Juni 2009

Die Organisationen Physicians for Human Rights und Harvard Humanitarian Initiative haben in einem Flüchtlingslager im Tschad nahe Farchana, etwa 55 km von der Grenze zum Sudan entfernt, Frauen interviewt (und untersucht), die aus Darfur geflohen sind. Kernthema des Berichts “Nowhere to turn to”, in dem die Ergebnisse nun veröffentlicht wurden, sind die Vergewaltigungen, die 17 der 88 interviewten Frauen nach eigenen Angaben und zwölf weitere nach Einschätzung der Interviewer “höchstwahrscheinlich” erleiden mussten sowie deren heutige Folgen. Ursprünglich sollten nur vergewaltigte Frauen interviewt werden, doch die vor Ort tätigen NGOs verhinderten dies. Das ist schonmal ein sehr interessanter Aspekt dieses Berichts, dass er aufzeigt, wie der internationale Diskurs über Vergewaltigungen in Flüchtlingslagern “moderiert” wird (auch wenn dies in diesem Falle zum Schutz der Opfer beitragen sollte) und wie sehr die NGOs den Kontakt zu den Flüchtlingen herstellen oder auch verhindern können.

Investigators met with members of the Task Force on Sexual and Gender Based Violence (SGBV), a group made up of representatives from different UN agencies present in Chad which has been established to ensure that programs related to SGBV are complementary and non-duplicative, as well as to oversee and regulate projects such as that proposed by PHR/HHI…
In several cases, NGOs tried to obstruct the team’s access to the camps. One NGO requested that the team not visit the two camps where it was the operational authority.

Die Methode, Frauen mittels vorgefertigter Fragebögen zu befragen, dabei aber nicht klar zu stellen, dass es bei der Befragung v.a. um Vergewaltigungen gehen soll und die Angaben anschließlich durch standardisierte medizinische und psychologische Tests zu “überprüfen” halte ich für fragwürdig. Immerhin ist sie sehr gut dokumentiert: Es werden nicht nur beispielhaft einige der “psychologischen Gutachten” in Gänze zitiert, sondern auch der Fragebogen mitsamt der Anweisungen an die Interviewer. Er ist ganz offensichtlich darauf ausgelegt, Erinnerungen an erfahrene Gewalttaten zu aktivieren und damit sicherlich auch geeignet, “Traumata” zu triggern.

Die Ergebnisse freilich sind erschütternd und auch informativ, wobei man durchaus in Frage stellen kann, ob die Fokussierung auf Vergewaltigungen förderlich ist. Es werden nämlich sehr viele Belastungen der Frauen in Flüchtlingslagern deutlich, Depressionen, Abhängigkeiten, dauerhafte Unterernährung, Tatenlosigkeit. Auch über den Alltag und die Organisation der Flüchtlingslager offenbart der Bericht einiges, grauenvolles.

Dass Übergriffe im Sudan, die zur Vertreibung geführt haben, im Zentrum stehen, versteht sich durch die Wahl des Untersuchungsgegenstandes von alleine. Dadurch fügt sich der Bericht aber allzu gut in das Bild der westlichen Medien ein, wonach die politische Verantwortung für das Leiden der Menschen alleine bei der sudanesischen Regierung verortet wird. Das verschärft sich im Bericht noch durch eine allzu leichtfertige Verknüpfung aller arabischsprachigen Angreifer mit dieser. Zwar wird auch der Befund behandelt, dass Vergewaltigungen auch im Tschad und durch das Militär des Tschad stattfinden, dennoch wird die Regierung Déby und deren neu aufgestellte Gendarmerie-Truppe für den Schutz von Flüchtlingen Détachement Intégré de Sécurité (DIS) als Teil der Lösung und nicht des Problems betrachtet, implizit enthält dies die Annahme, dass Soldaten und Polizisten, die von der UN ausgebildet wurden, nicht mehr vergewaltigen.

Die Europäische EUFOR-Mission, die im Untersuchungszeitraum vor Ort war mit dem Auftrag, die Sicherheit der Flüchtlinge zu verbessern, wird nur als Quelle einerseits und als Vorstufe der MINURCAT andererseits erwähnt. Daraus lässt sich schließen, dass sie nicht merklich zur Verbeserung der Lage beigetragen hat. An anderen Stellen wird aber deutlich, dass sich die Sicherheitslage während des EUFOR-Einsatzes offensichtlich verschlechtert hat (”the massing of Chadian soldiers in eastern Chad responding to the build-up of Chadian rebels across the border”):

“The past year has seen a dramatic increase in the numbers of car jackings and ambushes of NGO vehicles in eastern Chad, and the UN does not travel on roads between Abeché and the camps in the east without armed escort.”

Trotzdem setzen die Organisationen in ihren Empfehlungen auf repressive Maßnahmen: Die Straflosigkeit müsse beendet werden und dafür das Justizsystem im Tschad verbessert werden. Der Internationale Strafgerichtshof müsse die sudanesischen Verantwortlichen verfolgen und es solle Patrouillen geben, welche die Frauen bei der Suche nach Feuerholz unterstützen. Denn hierbei kommt es am Häufigsten zu Übergriffen. Deshalb empfiehlt der Bericht auch, dass mehr Holz oder Brennstoff in den Lagern selbst von NGOs verteilt werden könnte. Hier fehlt ganz eindeutig der Hinweis, dass sich die Sicherheit der Flüchtlinge auch erhöhen ließe, indem der ansässigen Bevölkerung geholfen wird. Diese ist nämlich selbst bettelarm und betrachtet gerade deshalb die Bewohner der Flüchtlingslager mit Argwohn und Neid. Sie ist auf dasselbe Holz angewiesen, wie die Flüchtlinge. Aber das wäre wohl zu weit gedacht, der Ruf nach einer weiteren internationalen Militarisierung der Region liegt freilich näher. Zu weit gedacht oder vielleicht auch naiv mag die Frage sein, warum nicht die Männer Holz holen gehen. Ist natürlich auch keine Lösung. Immerhin ist im Anhang des Berichts das Farchana Manifesto abgedruckt, in dem acht BewohnerInnen des Lagers ihre Sorgen und Probleme auf einer Seite formuliert haben. Die Vorwürfe richten sich dabei weniger an die internationale Gemeinschaft, als an die eigenen Männer.

Die Aufnahme von Flüchtlingen und ihre Sicherheitsimplikationen

Donnerstag, 22. Januar 2009

Wenn ein Marine-Leutnant eine Magisterarbeit in über Flüchtlingsaufnahme und deren Auswirkung auf die nationale und internationale Sicherheit schreibt, dann sollte man vorsichtig sein. Denn dass Migrationen unter Sicherheitsaspekten betrachtet wird bzw sie - insbesondere von Seiten des Militärs - von Vornherein als Sicherheitsrisiko betrachtet werden, nützt in erster Linie der Rüstung und schadet den MigrantInnen und Flüchtlingen. Das Thema wird im Allgemeinen “aufgebauscht”, es wird von kritischer Seite von einer “Versicherheitlichung der Migration” gesprochen.

Um so mehr mahnt zur Vorsicht, wenn sich die Magisterarbeit an der Naval Postgraduate School mit den Fallbeispielen palästinensischer Flüchtlinge in Syrien, Ägypten und Libanon befasst und hieraus allgemeine Schlüsse ziehen will. Denn es handelt sich bei diesen Migrationen sicher um im Vergleich sehr konflikthafte, wenn nicht die konfliktträchtigsten überhaupt.

Doch die vorangeschobe Darstellung der Sicherheitsimplikationen von Flüchtlingsaufnahme ist nüchtern und in ihrer Knappheit bedingt sowohl auf deutsche Ausreisezentren wie auch auf Flüchtlingslager in Darfur oder Afghanische Flüchtlinge in Pakistan anwendbar. Aus beiden Regionen werden auch zahlreiche Beispiele benannt und zwar weniger die alamierenden (die es dort ja gibt - wenn man so will gingen ja bspw. die Taliban aus einer “Flüchtlingspopulation” hervor) als die eher alltäglichen.

Abhängige Variable bei den folgenden drei Beispielen sind die vorgenannten Sicherheitsprobleme, die sowohl für die Flüchtlinge selbst, als auch die “host population” und die beteiligten Staaten entstehen können. Die Unabhängige Variable sind die Bedingungen der Aufnahme, also etwa die politischen und sozialen Rechte, die den Flüchtlingen zugestanden werden, inwieweit sie integriert werden usw. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Frage, ob sie in offenen oder geschlossenen Camps untergebracht werden.

Mit dieser Voprgehensweise wird das Ergebnis der Untersuchung schon absehbarer. Am meisten Sicherheitsrisiken bergen die Flüchtlinge im Libanon, wo diese isoliert leben und kaum Unterstützung (vom Staat) erhalten:

“Lebanon is clearly the most isolating of the three host countries presented here. The living situation which Palestinian refugees face is bleak, and Lebanon has done little if anything to improve these conditions…
The alienation felt by the Palestinian refugees has caused the refugees to react both towards Lebanon and towards Israel, whom they blame for forcing them into their current situations. Retaliation by the refugees has come in the form of militarization of the refugee camps, cross-border attacks and development of their own “state within a state.””

In Ägypten wurden nur Flüchtlinge aufgenommen, die finanzielle Sicherheiten bzw. Selbstständigkeit vorweisen können, auch diese blieben aber weitgehend isoliert. Ein großes Problem stellt hier die Uneinheitliche Politik dar, auch wenn die flüchtlingspopulation zu klein ist, um größere konflikte auszulösen.

Am positivsten (unter Sicherheitsaspekten) wirde die syrische Politik bewertet:

“By consistently treating the Palestinians on a par with its citizens, Syria has largely been able to avoid the development of tensions and negative perceptions of the refugees. Able to work and receive benefits like all other citizens in the country, the Palestinian refugees have tended more towards cohesion with their Syrian counterparts, due to common workplaces, similar military obligations, and shared economic and social experiences. Syria has not experienced any major security problems, either caused or influenced by the presence of the Palestinian refugees.
Because the Palestinians are fully incorporated into Syrian society, there is a non-threatening perception of the refugees. In turn, the Palestinian refugees have not found cause to rebel against the society that has supported them…”

Dementsprechend lautet das Fazit der Arbeit, dass es auch aus Sicherheitsaspekten empfehlenswert ist, die internationalen Verpflichtungen im Umgang mit Flüchtlingen möglichst gut einzuhalten:

“As demonstrated in this thesis, the nearer the policy applied by a host government follows the provisions in agreements regarding refugees, the more integrated refugees become. Increased integration and shared experiences between the refugee and host nationals tend to minimize internal and regional security issues. Therefore, adherence to international agreements has more tangible benefits than simple recognition and reputation at the international level. In reality, compliance offers security and protection for the host country as well as the refugee.”

Man kann natürlich darüber streiten, ob die internationalen Verpflichtungen, mit denen v.a. die GFK gemeint ist und die (Bürger-)Kriegsflüchtlinge eigentlich nicht umfasst, überhaupt so weit gehen, wie hier angenommen wird. Man kann auch darüber streiten, ob die Sicherheitsimplikationen, wenn schon - wie in der Arbeit - auch Exilkombatanten in die Betrachtung einbezogen werden, nicht etwas weiter reichend sind. Es ist sicher auch ratsam, sich bei der Frage über den Umgang mit Flüchtlingen mit Sicherheitsaspekten bewusst nicht zu beschäftigen, weil diese in solchen Fragen sekundär sein sollten. Wird man aber mal dazu gezwungen, kann man in dieser Arbeit gute Argumente finden. Gute Argumente liefert sie auch gegen die Unterbringung in Lagern generell, von Fürth bis Darfur.

Außerdem: kann man in der Arbeit gute Quellen finden und überdurchschnittlich viele davon sogar im Internet. Ich bin zum Beispiel über einen Bericht über einen Aufstand in einem Flüchtlingslager in Darfur gestolpert, von dem mir vorher nicht bekannt war.

The Thin Blue Line Revisited

Mittwoch, 26. November 2008

Über das Buch “The Thin Blue Line: How Humanitarianism Went to War von Conor Foley wurde bereits hier berichtet. Nun ist eine Rezension von Philip Hammond erschienen. Hammond meint, Foley würde die Entwicklung “wie der Humanitarismus in den Krieg zog” gut nachzeichnen, aber an der Analyse der zugrunde liegenden Ursachen scheitern und damit auch an der Frage, was zu tun sei. Wie auch Bernard Schmid auf dem Antimilitarismustag, so bezeichnet auch Foley den Biafra-Krieg und insbesondere die Position Bernard Kouchners darin als entscheidenden Wendepunkt:

“The first explicit challenge to humanitarian neutrality was the 1967-1970 Biafran war, when France’s current foreign minister, Bernard Kouchner, shot to public attention by resigning from his post as a Red Cross doctor over the organisation’s failure to take sides in the conflict. A huge private aid operation ensued, but the effect was to make matters worse, exacerbating and prolonging the war. According to Foley, ‘the Biafra intervention is… now widely recognised, in humanitarian circles at least, as a huge political error’. Yet despite the failure, he argues, Biafra became the ‘prototype’ for a new approach.”

Dieser “neue Ansatz” hätte sich dann mit dem Ende des Kalten Krieges erst richtig durchgesetzt und zwar zunächst - nicht weniger erfolglos - in Somalia. Als weitere wichtige Wegmarke beschreibt Foley die Operation Provide Comfort, durch die kurdische Flüchtlinge im Nordirak vor irakischen Truppen geschützt wurden.

“Visiting the Kurdish ‘safe haven’ established in northern Iraq in 1991 by the victorious Gulf War coalition, for example, Foley found it a ‘hellhole’. One refugee described it as ‘like living in the world’s biggest concentration camp’. Back in the UK, however, no one was interested, since a NATO ally, Turkey, was the main cause of the suffering.”

Diese Geschichte ist bis heute kaum aufgearbeitet, einen wichtigen Anhaltspunkt für eine solche Aufarbeitung kann allerding Sadako Ogatas Buch “The Turbulent Decade” liefern, in dem die ehemalige UNHCR naiv-ehrlich die Militarisierung des Flüchtlingsschutzes nachzeichnet.

Hammonds Kritik an der Analyse Foleys besteht im Grunde darin, dass er zwischen einer Außenpolitik, die ganz klaren ökonomischen und geopolitischen Interessen folgt und einer, die tatsächlich humanitär motiviert ist, keine weiteren Triebfedern findet:

“While Foley is a sharp critic of the consequences of liberal interventionism, however, he is less persuasive in analysing its causes. He rightly rejects the crude and misguided critique which sees humanitarian rhetoric as a mere cover for the pursuit or self-interest, a way to justify operations whose ‘real’ objective is to secure access to oil and gas or to establish military bases and pliant regimes. But in the absence of an alternative explanation, the implication is that liberal interventionism is genuinely altruistic in intent, even if counter-productive in its results.”

Tatsächlich ist die Frage nach der Dritten Triebfeder gar nicht so leicht. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass sich USA, NATO und EU ihre eigenen Bedrohungsanalysen ja selbst glauben, wonach “Scheiternde Staatlichkeit” und allgemeine Armut und Unsicherheit ja eine enorme Bedrohung für die Erste Welt darstellen?

Haiti: Keeping them calm

Mittwoch, 24. September 2008

Die International Crisis Group schießt mal wieder den Vogel ab: Die Proteste vergangenen April, die laut ICG in den gestiegenen Lebensmittelpreisen ihren Ursprung genommen haben sowie die Zerstörung der Infrastruktur durch die Tropenstürme der letzten Wochen nimmt die Crisis Group nun zum Anlass, erneut einen verstärkten Aufbau des Sicherheitssektors zu fordern. Konkret wird empfohlen, die MINUSTAH im Land zu belassen, den Polizeiaufbau zu beschleunigen, robustere Polizeieinheiten zu schaffen und die Polizei u.a. intensiver in Riot-Control auszubilden, sowie die porösen Grenzen besser zu sichern.

Die Bevölkerung wird tendenziell als kriminell dargestellt, jedenfalls aber als politisch unmündig. Die Crisis Group warnt davor, dass “Spoiler” die Unzufriedenheit der Bevölkerung ausnutzen könnten, um die Regierung zu destabilisieren. So sei es auch bei den Protesten im April gewesen, bei denen nach Angaben der ICG Drogenhändler die Ausschreitungen angeheizt hätten. Als Quellen für diese Darstellung nennt die ICG anonyme Interviewpartner. Außer Drogenhändler, Teilen der Wirtschaftselite und “korrupten Politikern” werden auch die Anhänger von Aristide als “Spoiler” bezeichnet.

Die Ereignisse im April werden insgesamt so dargestellt, dass es kleine Proteste wegen der Preise gegeben hätte, die dann von politisch interessierter Seite eskaliert worden wären. UN-Soldaten und HNP hätten nicht rechtzeitig eingegriffen um dieses Eskalieren zu verhindern. Deshalb hätten sie später eben auch tödliche Schüsse abgeben müssen und sollten nun in “non-lethal crowd control” ausgebildet werden. Dennoch wird das Engagement der MINUSTAH insgesamt gelobt, die Sicherheitssituation in einigen der gefährlichsten Slums, in denen die UN-Truppen intensive Operationen durchgeführt haben, habe sich deutlich verbessert. Die Bewohner von Cité Soleil und Gonaïves hätten sich kaum an den Protesten beteiligt:

“Strikingly, there were few incidents in the Cité Soleil district of the capital and in Gonaïves, both infamous for violent social outbursts. Substantial international intervention over the past several years in Cité Soleil and internationally-funded community projects in the hilltops surrounding Gonaïves were central in keeping them calm, as the inhabitants were reluctant to put recently gained improvements and future programs at risk. Despite the presence of agitators in Gonaïves, there were few incidents, as the HNP effectively deployed its scarce resources, with MINUSTAH help, to prevent the spread of violence.”

Es gibt zahlreiche Passagen, in denen deutlich wird, dass das internationale Militär zur sozialen Kontrolle eingesetzt wird.

“While MINUSTAH sources believe the Brazilian battalion in Cité Soleil is doing a good job of engaging the community in humanitarian work and establishing efficient intelligence networks in the neighbourhoods it patrols, there are worrying signs smaller, community-based gangs mainly composed of former gang members and youths are re-emerging in the slums…
A part of the principal MINUSTAH military base in Cité Soleil has been converted into a temporary police station, where a too-small force of 31 works in three shifts, while three permanent U.S.-funded stations await completion.”

An einer Stelle geht der Bericht darauf ein, dass die Armut und Perspektivlosigkeit eine Ursache für die Kriminalität darstellt. Die ICG berichtet, dass vermutet wird, dass zahlreiche Personen an Entführungen beteiligt sind, die zuvor aus den USA abgeschoben wurden. Etwa 25 Personen werden wöchentlich unter Zwang in das “Armenhaus Amerikas” verbracht, viele von ihnen beherrschten nicht die kreolische Sprache und hätten in Haiti keine Verwandten. Die International Organization for Migration versorgt die Abgeschobenen nur je eine Woche mit Nahrung und Unterkunft, danach seien sie auf sich alleine gestellt, was dazu führt, dass sie sich oft kriminellen Netzwerken anschließen.

Was tatsächlich bemerkenswert ist an dem Bericht, ist die Tatsache, dass er an keiner Stelle auch nur oberflächliche Vorschläge oder Empfehlungen macht, wie Armut und Hunger unter der Bevölkerung reduziert werden könnte. Die Crisis Group interessiert sich alleine für die Sicherheitslage und wie sie mit repressiven Instrumenten in den Griff zu bekommen wäre. Das größte Problem scheint zu sein, dass die Tropenstürme der vergangen Wochen nicht nur Ernten und zivile Infrastruktur vernichtet hätten, sondern auch Polizeistationen, Gerichte und Gefängnisse beschädigten:

“The devastation left by the procession of tropical storms and hurricanes – Fay, Gustav, Hanna and Ike – in August and September 2008 has compounded an already difficult situation for the new government and further demonstrated the fragility of Haiti’s physical and social infrastructure. The rains and flooding have drowned crops and livestock, weakening agriculture in a year when food shortages play centre stage in politics. Police stations, courts and jails, especially in Gonaïves, were also damaged.”

Differenzierte Debatte zur Human Security

Dienstag, 23. September 2008

Auf einem Seminar mit dem Titel “Afghanistan: Troops Out” im Rahmen des Europäischen Sozialforums in Malmö sprach Alexander Harang von der Norwegian Peace Association zum Verhältnis zwischen humanitärer Hilfe und militärischem Engagement in Afghanistan. Die Verknüpfung zwischen beiden sei in den PRTs institutionalisiert und die Hilfe der militärischen Zielsetzung untergeordnet. Deshalb sei in Afghanistan schlicht kein Raum mehr für humanitäre Hilfe, solange ausländische Truppen dort seien. Einige humanitäre Organisationen hätten deshalb ihr Engagement in Afghanistan abgebrochen.

Nach der Veranstaltung sprach ich ihn auf die Human Security Doctrine for Europe an, die eine solche Integration zwischen zivilen und militärischen Akteuren in Interventionstruppen (Human Security Response Force) vorschlägt. Er antwortete, dass das schlimmste am Human Security-Konzept die Responsibility to Protect sei.

Überrascht habe ich nun festgestellt, dass er im Auftrag des Norwegischen Außenministeriums (welches das Human Security-konzept aktiv befürwortet) einen ausführlichen Bericht über Human Security geschrieben hat, den ich leider nicht finden konnte. Nach dessen Zusammenfassung ist der Bericht eigentlich ganz gut und Militär-kritisch, fordert er z.B. explizit, dass humanitäre und Entwicklungsorganisationen zur Distanz zum Militär aufgerufen werden, dass Abrüstung nötig sei und die umweltschädigenden Effekte von Militär etc. mehr Beachtung finden.

Es gibt auch eine Zusammenfassung der Diskussion zur Vorstellung des Berichts, wo sich bspw. Ein Vertreter von Amnesty kritisch über die im Verhältnis zu den Menschenrechten diffusen Ansprüche der Individuen im Human-Security-Ansatz äußert. Insgesamt finde ich die Verknüpfungen zwischen Klimawandel, Armut, Migration und Sicherheit, die bei der Vernastaltung durchaus wohlmeinend thematisiert wurden, gefährlich und sie entsprechen genau den Verknüpfungen, die bspw. auch die NATO zu ihrer weiteren Rechtfertigung herstellt.

Es scheint, als würden die aktivisten in denjenigen Ländern, deren Regierungen den human Security-Ansatz Fördern, versuchen, den Diskurs aufzugreifen und gleichzeitig zivilmilitärische Zusammenarbeit und die R2P abzulehnen und Abrüstung zu fordern. Ob ihnen das gelingt, halte ich für fraglich.

WHO: Fluten und Seuchen drohen in Westafrika

Mittwoch, 20. August 2008

Am 19. August veröffentlichte die WHO eine Warnung, dass aufgrund starker Regenfälle in Westafrika, die vermutlich bis September anhalten werden, mit Fluten in der Region zu rechnen sei. Etwa 200.000 Menschen könnten gezwungen sein, zu fliehen, Strassen, Brücken, Eisenbahnlinien und andere Infrastruktur haben in Benin, Burkina Faso, Mali, Mauritania, Niger, Togo, Guinea-Bissau, Liberia und Sierra Leone bereits Schaden genommen. Die Folgen der Nahrungsmittelknappheit würden hierdurch weiter verschärft und Seuchen könnten sich ausbreiten. In Burkina Faso, Mali and Niger leideten bereits jetzt 10% aller Kinder unter 5 Jahren an akuter und 40% an chronischer Unterernährung.

In Benin sind bereits 150.000 Menschen geflohen, in Niger 24.000 und in Togo 12.000. Nach einem Artikel auf Spiegel-online.de seien alleine in guinea-Bissau bereits mehr als 2.000 Fälle von Cholera gemeldet worden, mindestens 41 Menschen starben an der Krankheit.

Nach Angaben des WHO würden alleine 76 Mio. US$ für medizinische Nothilfe benötigt, bislang habe die internationale Gemeinschaft jedoch erst 22% hiervon bereitgestellt.

Außerdem:
Die Europäische Union hat sich mittlerweile entschlossen, die Zahlung von “Entwicklungshilfegeldern” an Mauretanien wegen des Militärputsches am 6.8. auszusetzen. So meldet die Financial Times Deutschland:

“Knapp zwei Wochen nach dem Militärputsch in Mauretanien will die Europäische Union die Entwicklungshilfe für den nordafrikanischen Wüstenstaat aussetzen. Bis 2013 wollte die EU ursprünglich rund 156 Mio. Euro Hilfsgelder nach Mauretanien fließen lassen. Nach Angaben eines Sprechers der EU-Kommission vom Montag soll auch die Umsetzung eines Fischereiabkommens mit Mauretanien suspendiert werden. Das Abkommen, das im August in Kraft trat und die Zahlung von 305 Mio. Euro in den kommenden vier Jahren vorsah, soll auf Wunsch von Entwicklungskommissar Louis Michel “bis zu einer Lösung der derzeitigen Probleme” nicht angewendet werden.”