von Klaus Pedersen
Die Tatsache, dass durch Preisexplosionen und Hungerrevolten das Thema Welternährung in die Schlagzeilen der Weltpresse vorgedrungen ist, wird genutzt, um der “Allianz für eine grüne Revolution in Afrika” (im September 2006 von Gates- und Rockefeller-Stiftung gemeinsam ins Leben gerufen) einen Popularitätsschub zu verleihen. Doch schon im vorigen Jahr schrieb Almuth Ernsting von der britischen Organisation Biofuelwatch: „Nördliche NGOs, Regierungen und wissenschaftliche Berater arbeiten hart daran, den weltweiten Plan in umsetzbare Studien und Taktiken für den globalen Süden umzusetzen. So werden auf Karten Länder und Kontinente in ‚Gebiete’ eingeteilt, die darlegen, für welche unterschiedlichen Monokultur-Plantagen sie ‚passend’ sind. …. Experten nehmen wenig Rücksicht auf ‚soziale Faktoren’, wie die lästige Tatsache, dass das Land vielleicht das Zuhause von Millionen Menschen ist. Es überrascht wenig, dass viele NGOs aus dem Süden von einer erneuten Kolonialisierung sprechen: Die Karten zeigen eine Furcht erregende Ähnlichkeit zu denen, die die Europäer während des ‘Gerangels um Afrika’ 1880 gezeichnet haben. Mit wissenschaftlicher Billigung, Unterstützung von den Regierungen, vielen NGOs und der UNO werde neue Partnerschaften zwischen der Biotech-Industrie, Ölfirmen und Agrarkonzernen geschlossen. Diese investieren Milliarden von Dollar, zuversichtlich, dass ihnen der Zugang zu Land und die Kontrolle der Versorgungsketten sicher sind.“.1
Parallel dazu soll Afrika die “Grüne Revolution” beschert werden, die Asien - damals in vergleichsweise abgemilderter Form - schon hinter sich hat. Was den Kleinbauern des Südens (neben den Ausgaben zum Kauf von patentiertem Saatgut) bevorsteht, nachdem ihnen die Input-intensiven Sorten aufgezwungen wurden, lässt sich exemplarisch aus der Preisentwicklung für Phosphatdünger ableiten.2 Der Weltmarktpreis für Phosphorsäure hat sich innerhalb der letzten 3 Monate vervierfacht. Phosphatdünger ist ein Nebenprodukt bei der Phosphorsäureproduktion. Eine Tonne Phosphorsäure, deren Produktion weltweit von einer Handvoll von Firmen kontrolliert wird, kostete im 1. Quartal diesen Jahres 576 US-$. Jetzt liegt der Preis bei 2100 US-$. In Pakistan, wo jährlich ca. 1.2 Millionen Tonnen Phosphatdünger benötigt werden, muss knapp zwei Drittel davon importieren. Der Rest wird in einer einzigen Fabrik hergestellt (die sich in Armee-Eigentum befindliche Fauji Fertilizer). Trotz massiver Subventionen ist im gleichen Zeitraum der Phosphatdüngerpreis in Pakistan um das Anderthalbfache gestiegen. Für die Mehrzahl der Reis- und GetreidebäuerInnen sind angesichts dieser Entwicklung die Möglichkeiten begrenzt: entweder weniger Dünger ausbringen (und somit weniger ernten) oder auf weniger lukrative und zugleich weniger düngerintensive Fruchtarten umsteigen. Die künftige Situation könnte erneut “Krisenniveau” erreichen, wenn im Frühjahr 2009 wieder nicht genug Weizen geerntet wird, prognostizierte der Ökonom Hari Ram Lohano vom pakistanischen Social Policy and Development Center. In der ersten Jahreshälfte 2008 führte die Verdopplung der Mehlpreise in mehreren pakistanischen Städten zu Hungerrevolten.
Senegal
Von Bernard Schmid3 wurde am Beispiel Reis eindrucksvoll geschildert wie in der Vergangenheit die Kolonialmächte - in vorliegenden Fall Frankreich - Abhängigkeiten schufen, die bis heute Fortwirken: Der Bevölkerung in “Französisch-Indochina” (Kambodscha, Laos, Vietnam) wurde von 1900 bis 1930 eine Vervierfachung der Reisproduktion abgepresst, während im gleichen Zeitraum der Reiskonsum der Bevölkerung dieser Region um 30% sank. Durch diesen südostasiatischen Reisüberschuss wurde es möglich, die Landwirtschaft Senegals (damals Teil von “Französisch-Westafrika”) nahezu komplett von Eigenversorgung auf die Erzeugung von Erdnüssen umzustellen, um dann damit die Ölfabriken von Marseille und Bordeaux zu versorgen. Zugleich wurde Senegal an den südostasiatischen “Reistropf” gehängt. Bis heute ist die Ernährung der Bevölkerung Senegals auf Reisimporte angewiesen während die Landwirtschaft von Erdnuss- und Baumwollanbau geprägt ist.4 Eine Folge dieser einseitigen Abhängigkeiten waren im März 2008 Hungeraufstände in der senegalesischen Hauptstadt Dakar aufgrund der Verdopplung des Weltmarktpreises für Reis in Jahresfrist. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass für die breite Bevölkerung in Ländern wie Pakistan und Senegal die Ausgaben eines Haushalts für Nahrungsmittel 50% und mehr ausmachen und somit derartige Preisanstiege weitaus gravierendere Folgen haben als zum Beispiel in Deutschland, wo für Nahrungsmittel 10-20% des Familieneinkommens ausgegeben werden.
Kamerun
Hungerrevolten, werden von den Medien oft als von Kriminellen angestiftete Randale verkauft5. Doch sie sind nicht selten zielgerichteter und politisch bewusster als vermutet. So bei den Unruhen, die im Februar Kamerun erschütterten, wo durch einen spontanen Generalstreik das Land eine Woche lang weitgehend lahm gelegt wurde. Diese Proteste wurden gewaltsam unterdrückt, wobei nach offiziellen Angaben 40 Menschen (in erster Linie von Sicherheitskräften erschossene Zivilpersonen) ums Leben kamen. Nach Einschätzung der kamerunischen Menschenrechtsorganisation Maison des Droits de L’Homme waren es jedoch nahezu 100 Personen.6 Interessant war, so Roger Peltzer im Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung7, dass die Träger des Protestes im Kern eine weitgehend anonyme Masse von Jugendlichen (meist mit Abitur oder Realschulabschluss) gewesen sind, die sich als Motorradtaxifahrer mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen. Sie waren über Mobiltelefone gut vernetzt, hatten aber keine sichtbare Struktur oder Führungspersönlichkeiten und auch keine nach außen vorgetragenen Forderungen. Dennoch schafften sie es, die Proteste so effektiv zu koordinieren, dass die Millionenstadt Douala am Morgen des 25. Februars innerhalb einer Stunde lahm gelegt war. Diese Jugendlichen gehören laut Peltzer nicht zu den extrem marginalisierten Bevölkerungsteilen, aber sie sind ohne Perspektive und „im Übrigen auch diejenigen, die sich am ehesten an die Küsten Senegals und Mauretaniens aufmachen, um nach Europa zu gelangen. Diese Perspektivlosigkeit bietet ein beträchtliches Eskalationspotential.“ Laut Le Monde (zitiert bei Schmid3) wurde “keiner einzigen ‘weißen’ Person ein Haar gekrümmt”, aber es kam zu zahllosen Attacken auf französische Firmen deren Eigentum zerstört wurde (sowie jenes der Firmen die dem Präsidentenclan um Paul Biya gehörten). Die aufgebrachte Bevölkerung offenbarte damit ein grundlegendes Verständnis für die tieferen Ursachen ihrer Misere.
Mozambique
Auch in Mozambique läuft es nicht richtig: Dort gibt der portugiesische Pflanzenöl-Verarbeiter Iberol gerade seine Soja- und Sonnenblumenplantagen auf, mit denen Agrokraftstoffe produziert werden sollten. Joao Rodrigues, Chef der Nutsa-Gruppe, zu der Iberol gehört, gab “sozialen Problemen”, insbesondere Nahrungsengpässen die Schuld. “Wie kann ich pflanzliches Öl für Kraftstoffe produzieren, wenn die neben den Plantagen lebenden Menschen kein Öl zum Kochen haben?”, fragte er im Interview mit der portugiesischen Nachrichtenagentur LUSA. Nicht alle Wirtschaftsbosse stellen sich diese Frage. Der Chef-Ökonom der Asiatischen Entwicklungsbank, Ifzal Ali, artikulierte seine Sorgen angesichts der Hungeraufstände so: “Wenn es zu einem Klassenkampf kommt, dann unterminiert das die Stabilität der Gesellschaft.”8
Die Herrschenden
Dessen ungeachtet versuchen die Protagonisten der neoliberalen Weltordnung - zynischerweise im wörtlichen Sinn - aus der Not eine Tugend zu machen: Robert Zoelick (Weltbank) und Dominique Strauss-Kahn (IWF) plädierten auf dem Welternährungsgipfel vom 03.-05.06.2008 in Rom unverhohlen für eine weitere Liberalisierung des Welthandels. “Vor dem Hintergrund der Nahrungsmittelkrise stellen sie eine Ausweitung der globalen Handelsströme als geeignete Abhilfe für den ungleichen Zugang zu Ernährungsmöglichkeiten dar”.3 Doch der Schein trügt: Im Umgang mit ihrer eigenen Landwirtschaft ist die EU nicht ganz so freizügig. Einerseits erzwang sie von ihren südlichen Handelspartnern im Rahmen des Ende 2007 unterzeichneten Interims-Wirtschaftspartnerschaftsabkommens die drastische Senkung von deren Einfuhrzöllen. Zugleich beschloss die EU im Dezember 2007 klammheimlich Exportsubventionen für Schweinefleisch - bis zu 54 Cent/kg. Damit zeichnet sich “eine Katastrophe für Tausende Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in etlichen afrikanischen Ländern ab, die von Geflügel- auf Schweineaufzucht umgestiegen sind”, nachdem ihnen zuvor durch den Billigexport europäischer Hühnerbeine die Existenzgrundlage zerstört worden war.9
Damit nicht genug. Wenn es nur Sarkozy gewesen wäre, der anlässlich seiner Anwesenheit auf dem oben erwähnten Welternährungsgipfel in Rom eine “internationale Gruppe für Ernährungssicherheit” und eine planetare “Strategie für die Ernährungssicherheit” propagierte3, hätte man es als Sprechblase abtun können. Bedenklich stimmt, dass das IFPRI (International Food Policy Research Institute), ein US-Thinktank im Bereich von Landwirtschaft und Ernährung, zu den Stichwortgebern zu gehören scheint.10,11
Wenn das IFPRI von “verbesserten Sorten” und dem “Abbau von internen und externen Handelsschranken” spricht, während zugleich der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, ähnlich wie sein Vorgänger Kofi Annan, die Verwendung genmanipulierten Saatguts als Mittel zur Lösung der Welternährungskrise propagiert, kann mensch sich ausrechnen, wo die Reise hingehen soll. Der Präsident des Internationalen Rote Kreuz Komitees (ICRC), Jakob Kellenberger betonte in einer Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung des ICRC Jahresberichts am 27.05.2008, dass er hinsichtlich künftiger Hungerrevolten sehr besorgt sei. Doch er lehnte es ab, sich dazu zu äußern, welche Regionen nach Einschätzung des ICRC besonders anfällig seien. „Wenn ich das wüsste, wäre es nicht sonderlich intelligent, dies hier zu erwähnen“, sagte er12. Graham Hutchings von der Consulting Firma Oxford Analytica, einem auf Nachrichtenauswertung spezialisierten Unternehmen, hingegen äußerte sich gegenüber dem Sunday Herald freizügig: „Was wir auf dem Schirm haben ist Kambodscha, Teile von Indien, die Philippinen, zentralasiatische Staaten wie Usbekistan und Tadschikistan und afrikanische Länder wie Senegal, Kamerun, Burkina Faso und die Elfenbeinküste.“13
1Ernsting, A. (2007): The global blueprint for a biomass economy. Bericht vom 20.01.2007, aktualisiert im Juli 2007, 7 S. http://www.biofuelwatch.org.uk/background.php, auf deutsch: (http://www.regenwald.org/news.php?id=592).
2Analysis: Pakistan’s food crisis to worsen on rising fertilizer cost. http://www.earthtimes.org/articles/show/213492,analysis-pakistans-food-crisis-to-worsen-on-rising-fertilizer-cost.html
3Schmid, B.: Die Biokraftstoffe sind nicht die Banditen. Telepolis, 10.6.2008.
http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/28/28089/1.html&words=Bernard%20Schmid&T=Bernard%20Schmid
4 http://de.wikipedia.org/wiki/Senegal
5Marischka, C.: Haiti und der Krieg gegen die Armut. Ausdruck – IMI-Magazin, Juni 2008. http://www.imi-online.de/download/CM-HaitiHunger-juni-08.pdf
6http://en.wikipedia.org/wiki/2008_Cameroonian_anti-government_protests#Deaths_and_damages
7Peltzer, R.: Neue Brotaufstände? Die Proteste in Kamerun. Im Schatten steigender Lebensmittel- und Ölpreise, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), 4.3.2008. http://www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org/cms/wearchiv/042ae69a570a6c601.php
8http://www.tagesschau.de/wirtschaft/reispreis2.html
9Groth, A. und King, A.: Wer die Nahrung kontrolliert … junge Welt, 13.06.2008.
10Minot, N.: Implications of the food crisis for long-term agricultural development. IFPRI 05.06.2008. http://www.ifpri.org/pubs/testimony/minot20080605.asp
11von Braun u.a.: High food prices: The what, who, and how of proposed policy actions. IFPRI Policy Brief, May 2008. http://www.ifpri.org/PUBS/ib/foodprices.asp
12Klapper, B.S.: Red Cross warns of food riots over soaring prices, 27.05.2008. http://www.bakersfield.com/893/story/455649.html
13Smith, K.: FOOD: the global crisis deepens … http://www.sundayherald.com/news/heraldnews/display.var.2342361.0.food_the_global_crisis_deepens.php