| Randalierer & Steineschmeißer? Vorurteile gegenüber Antifas
In Zeiten, in denen die Zeitungen fast täglich über „linksextreme Chaoten“, „autonome Feuerteufel“, „linke Gewaltdemos“ oder gar die „Kieztaliban“ berichten, fanden wir es an der Zeit, mal mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen.
Eine kleine Dekonstruktion von Emanzipative & Antifaschistische Gruppe
„Antifas wollen wie Nazis die Demokratie abschaffen, weil sie die Systemfrage stellen.“
„Antifas kiffen doch alle.“
„Antifas sind paranoide Macker.“
„Antifas bekämpfen Menschen, weil sie rechts sind. Das ist doch diskriminierend und rassistisch.“
„Antifas wollen immer über Politik diskutieren. Ich bin unpolitisch.“
„Antifademos enden immer mit Krawallen, bei den Rechten bleibts in der Regel ruhig.“
„Antifas sehen überall nur Nazis und beschädigen damit den Ruf Deutschlands.“
„Antifas zünden ständig Autos an und werfen Steine auf Polizisten. Linke Gewalt ist genauso schlimm wie rechte.“
„Antifas wollen wie Nazis die Demokratie abschaffen, weil sie die Systemfrage stellen“
Das ist eine Frage der Perspektive – was versteht man unter Demokratie? „Volksherrschaft“ lautet die handelsübliche Übersetzung. Doch auf diesen Begriff beziehen sich die unterschiedlichsten politischen Richtungen.
Nazis stellen das Wort „Volk“ in den Vordergrund. Sie wollen eine Herrschaft der „Deutschen“ in diesem Land über all diejenigen, die sie nicht zum Volk zählen. Darunter fallen Menschen mit Vorfahren aus anderen Ländern, Nichtheterosexuelle, Linke, für behindert Erklärte oder jüdische Leute. Eine ganze Menge Menschen also, die an dieser „Volksherrschaft“ nicht teilnehmen dürfen – und die aller Wahrscheinlichkeit nach auch sehr darunter zu leiden hätten. Im Wunschsystem von Nazis wird diese Herrschaft jedoch nicht einmal von den übriggebliebenen „wahren Deutschen“ ausgeübt, sondern sie wird von ihnen an einen Führer übergeben, der in ihrem Interesse handelt. Dieses Demokratieverständnis erscheint aus heutiger Sicht recht weit hergeholt und wird zurecht meist abgelehnt. Weitaus öfter wird Demokratie mit dem System der Repräsentativdemokratie gleichgesetzt. Hier werden mehrere Vertreter_innen aus dem Volk – das hier um einiges größer gefasst wird als bei den Nazis – per Mehrheitsentscheid gewählt und entscheiden dann, was in einem Land passiert. Mal abgesehen von den häufi gen Differenzen, die zwischen den Versprechen vor der Wahl und den Umsetzungen nach der Wahl bestehen, übt so theoretisch die Mehrheit der Menschen die Macht aus. Das Problem ist aber, dass die Minderheit sich dieser Macht beugen muss. Das wird zwar in Deutschland und in vielen anderen Staaten glücklicherweise durch Gesetze zum Minderheitenschutz eingeschränkt. Doch trotzdem kann ein einzelner Mensch nur sehr begrenzt entscheiden, was er tun oder lassen will. Er ist maßgeblich durch politische Entscheidungen beeinfl usst, die von der Mehrheit der Gesellschaft getroffen werden. Ein linkes Verständnis von Demokratie dagegen beruht nicht auf dem Mehrheits- sondern auf dem Konsensprizip. Entscheidungen sollen so getroffen werden, dass alle Beteiligten damit zufrieden sind. Das bedeutet natürlich, dass lange Diskussionen nicht zu vermeiden sind. Andererseits geht es so im Idealfall allen mit der Entscheidung gut. So kann Demokratie auch interpretiert werden: Als Herrschaft des Volkes, also aller, über sich selbst im Einklang mit den anderen. Das ist sicherlich nicht die effektivste Interpretation, denn solche Entscheidungen dauern lange. Aber die Vorstellung, niemanden zu unterdrücken, ist doch recht verlockend.
„Antifas kiffen doch alle.“
Mal abgesehen davon, dass die meisten Leute wohl schon Erfahrungen mit irgendwelchen Drogen gesammelt haben, stimmt auch dieses Vorurteil nur bedingt.
Defi ntiv wahr ist, dass die Überzeugung, dass jede_r über den eigenen Körper verfügen dürfen sollte, in der radikalen Linken schon ziemlich verbreitet ist.
Dazu gehört dann aber auch, dass alle selbst entscheiden sollten, ob und welche Substanzen sie ihrem Körper zuführen möchten und nicht der Staat.
Klar sehen wir auch, dass Drogen zu aller Art von Problemen führen können, deshalb ist ein verantwortungsbewusster Umgang mit ihnen und sich selbst wünschenswert. Außerdem gibts auch ne Menge Straight Edger_innen innerhalb der Szene, die jeglichen Konsum von Drogen für sich ablehnen, auch Tabak
„Antifas sind paranoide Macker.“
Wenn Leute in linken Locations von oben bis unten gemustert werden oder nach ner Frage auf ner Demo ne unfreundliche Antwort à la „Wer bist du denn? Ich hab dich noch nie gesehen, warum sollte ich dir das sagen?“ bekommen oder alle bei einer Veranstaltung ihre Handys ausmachen sollen, dann könnte schnell der Eindruck entstehen, Antifas seien alle paranoid oder blöde Macker oder beides.
Ganz falsch ist das sicher nicht und das unfreundliche Verhalten auch bestimmt kritikwürdig.
Zur Erklärung beitragen könnte vielleicht, dass einige Sachen, die wir so machen, nicht ganz im Rahmen des Legalen sind. Das müssen jetzt keine super krassen Sachen sein, wie die Kriminalisierung der Sitzblockadenmobilisierung für den 13. Februar in Dresden gezeigt hat. Klar, dass niemand will, dass staatliche Institutionen wissen, wer die einzelnen Aktionen geplant oder gemacht hat. Deshalb ist schon ein wenig Vorsicht geboten und die prägt sich einfach ein und das kann ab und an schon zu einigen blöden Situationen führen. Besser wird das Ganze dadurch natürlich nicht.
Sprecht die Leute einfach drauf an, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Ansonsten versuchen auch viele, so ein Verhalten zu reflektieren und zu ändern. Aber frei von gesellschafticher Sozialisation sind wir leider auch nicht, auch wenn wir das oft von anderen erwarten.
„Antifas bekämpfen Menschen, weil sie rechts sind. Das ist doch diskriminierend und rassistisch.“
Generell ist es ziemlich fatal, Antifas mit Nazis gleichzusetzen. Erstmal ist es falsch, bei Aktionen von Antifas gegen Neonazis von Rassismus zu reden. Während Opfer von rassistischen Naziübergriffen nichts für den Grund des Angriffs - ihre Hautfarbe, ihr Aussehen - können, gehen Antifas von der Veränderbarkeit des Menschen aus. Das bedeutet: Ein Neonazi, der sich als solcher betätigt, muss damit rechnen, dass er Gegenwehr von Antifas erfährt. Hört er auf, Neonazi zu sein, erfährt er keine Gegenwehr mehr.
Ein weiterer fundamentaler Unterschied zwischen beiden ist beispielsweise der, dass Nazis nicht nur eine Welt fordern, in der Menschen aufgrund äußerer Merkmale oder der Art und Weise, wie sie ihr Leben führen, mit körperlicher Gewalt oder dem Tod rechnen müssen, sondern auch jetzt bereits so handeln. Um das nachzuweisen, reicht ein Blick in die Nachrichten. Antifas bekämpfen Neonazis, weil sie für emanzipative Werte einstehen. Sie hindern Neonazis daran, ihr mörderisches Treiben fortzusetzen.
Aktionen wie den Angriff im Frühjahr 2009 in Friedrichshain, bei dem Neonazis versuchten, einen Jugendlichen mit einem „Bordsteinkick“ zu töten, sind bei der Antifa gänzlich unbekannt. Über 200 Neonazi-Morde seit Anfang der 1990er Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Aktivitäten von Antifas sind darauf ausgelegt, Menschen zu schützen, nicht Menschenleben zu zerstören.
„Antifas wollen immer über Politik diskutieren. Ich bin unpolitisch.“
Natürlich reden auch Antifas nicht die ganze Zeit über Politik. Genau wie die meisten anderen jungen Menschen auch gehen Antifas gerne feiern, haben Spaß an Sport oder anderen Freizeitaktivitäten. Was stimmt ist, dass Antifas der Überzeugung sind, dass die Freiheit ein unbeschwertes, angstfreies und selbstbestimmtes Leben zu führen, keine Selbstverständlichkeit ist, sondern erkämpft und verteidigt werden muss - besonders gegen Neonazis, Rassist_innen und andere Anhänger_innen menschenverachtender Ideologien. Da mensch allein wenig ausrichten kann, versuchen Antifas natürlich oft andere davon zu überzeugen, dass es wichtig ist, sich nicht passiv mit jedem Mist, der einem_einer im Alltag begegnet, abzufinden. Übrigens lässt sich gerade mit Antifas lernen, dass Politik nicht immer dröge und langweilig sein muss.
„Antifademos enden immer mit Krawallen, bei den Rechten bleibts in der Regel ruhig.“
Dazu muss gesagt werden, dass das, was in den Medien als typische Antifademo mit Krawallen rüberkommt, oft ganz einfach den Hintergrund hat, dass die deutsche Polizei gerade auf linken Demos besonders brutal und rücksichtslos vorgeht, und damit natürlich des öfteren entsprechende Gegenreaktionen von Seiten der Demonstrant_innen hervorruft. Da sowohl die Polizei als auch die meisten rechten Demos nach den deutschen Prinzipien von Ordnung und Disziplin organisiert sind, gibt es da naturgemäss weniger Reibungsfl äche. Es soll wohl auch ziemlich viele Menschen geben, die der Meinung sind, dass es immer noch besser ist, wenn es mal ein bisschen scheppert, als wenn die Neonazis ungestört durch die Strassen marschieren können.
„Antifas sehen überall nur Nazis und beschädigen damit den Ruf Deutschlands.“ Antifas geht der Ruf Deutschlands ehrlich gesagt am Arsch vorbei. Es gibt für Antifas keinerlei Grund, auf ein Land in dem mensch zufällig geboren wurde, stolz zu sein oder sich gar um dessen Ruf Sorgen zu machen. Das gilt in besonderer Weise fuer Deutschland mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit, wo Neonaziaufmärsche, Diskriminierung von Migrant_innen, Jüd_innen, Homosexuellen und linken Jugendlichen auch heute zum Alltag gehören. Antifas sehen nicht einfach überall nur Neonazis, sondern sind leider oft die einzigen, die das Problem eines erstarkenden Neonazismus nicht nur erkennen, und auch konkret etwas dagegen unternehmen.
„Antifas zünden ständig Autos an und werfen Steine auf Polizisten. Linke Gewalt ist genauso schlimm wie rechte.“
Die Frage ob Militanz oder der Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung der politischen Ziel mögliche Optionen für eine antifaschistische Bewegung sein können, wurde lange und sehr kontrovers diskutiert. Und es gibt bis zum heutigen Tag etliche Meinungen zu dieser Frage. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass „Gewalt und Militanz von Linken“ in der Regel eine symbolische Funktion und nur in wenigen Ausnahmen auch körperliche Schäden zur Folge hat. Das Anzünden von Autos ist da ein gutes Beispiel für: richtet sich die politische Aktion gegen den Staat, dann sind es Polizeiwagen, die der Miltanz zum „Opfer“ fallen. Geht es um städteräumliche Verdrängungsprozesse und die Kritik an zu hohen Mieten, sind es die teuren Autos, die in Flammen aufgehen. Je unschärfer die eigene politische Analyse der Verhältnisse ist, desto ungezielter und in der öffentlichen Wahrnehmung erst recht, sinnloser erscheint der Einsatz von Gewalt. Die entscheidende Unterscheidung zwischen neonazistischer und antifaschistischer Gewalt ist, dass sie für erstere konstitutiv, also notwendiger Bestandteil der menschenverachtenden Ideologie ist und sich auch in fast allen Fällen gegen Menschen oder deren Freiheiten richtet. Gewalt von Antifaschist_ innen gegen Menschen ist sozusagen die letzte mögliche Alternative und bedarf immer einer genauen Analyse des Ziels und der Wirkungen der Aktion. So kann eine physisch einschüchternde Aktion gegen einen Kieznazi durchaus spürbare positive Effekte für das Wohngebiet haben. Gewalt gegen Neonazis sollte aber nie als Selbstzweck oder aus Menschenverachtung stattfinden, sondern an die Verfolgung konkreter politische Ziele gebunden sein.
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