Erklärungen zur Kampagne

Warum diese Kampagne?

definitionsmacht.tk // november 2006
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Dies ist eine Kampagne für das Empowerment von Menschen, die sexuelle Gewalt, Vergewaltigung erlebt haben. Auch für diejenigen, die sich gefährdet fühlen und vor sexueller Gewalt Angst haben. Dies ist ein Aufruf an alle nicht direkt Betroffenen, sich mit der Lebenrealität der Betroffenen oder bedrohten Menschen aueinander zu setzen und sich vor Augen zu führen, wie viele Menschen damit kämpfen eine solche Erfahrung zu überleben während die Freund_innen, die Familie, das Gericht, die Gesellschaft schweigt und verleugnet, oder zum Schweigen zwingt. Wir sprechen hier von einer marginalisierten Erfahrung, nicht aber von einer Minderheit.

[ist] sexuelle Gewalt [ist] normal?!

In einer mündlichen Direktbefragung aus 2005, durchgeführt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sagte jede siebte der befragten Frauen zwischen 16 und 85 Jahren, dass sie sexuelle Gewalt erlebt hat, welche nach der engen juristischen Definition als Straftat gilt. Die Bundesriminalstatistik der Polizei registrierte für das Jahr 2004 8.831 Vergewaltigungen. Der Bundesverband autonomer Frauennotrufe geht aus der Erfahrung ihrer Arbeit davon aus, dass jede Fünfte während ihres Lebens Vergewaltigung erlebt. Viele Betroffene werden aber als solche gar nicht erst sichtbar, da sie einen Täter niemals angezeigt haben, sie nicht in ein Frauenhaus geflüchtet sind. Diese Informationen sind nicht neu! "Neu" ist höchstens, dass seit 1998 Vergewaltigung in der Ehe als Straftat gilt. Auch dafür haben Feminist_innen lange und hart kämpfen müssen.

Sexuelle Gewalt wird fast auschließlich von Männern gegen Jungen und Mädchen im Kindesalter und gegen Frauen im Jugend- und Erwachsenenalter ausgeübt. Täter_innen und Mittäterinnenschaft durch Frauen schließen sich dabei nicht aus. Sie sind jedoch in Wirklichkeit so selten, dass es sich nicht verleugnen lässt, dass Männlichkeit und potentielle Täterschaft in unserer Gesellschaft strukturell zusammengehören. In der medialen Inszenierung weniger Präzendenzfälle erscheinen die Täter als fremde Psychopaten, als "Monster" die mit den "normalen" Männern nichts gemein hätten. In einer solchen Skandalisierung wird nicht nur die Identität der meisten Täter verzerrt, sondern auch die Alltäglichkeit solch menschenverachtender Taten verschüttet. Die vermeintliche Entrüstung über Vergewaltigung verstummt sofort, wenn ein sozial integrierter, vermeintlich "normaler" Mann als Täter angezeigt wird. Dann erscheint die Anklägerin als "Monster", die aus niederen Gründen ein unschuldiges Leben zu zerstören trachte. Die Solidarisierung mit Betroffenen weicht hier einem Menschenbild, in dem die Intergrität tausender von Frauen viel weniger wert und wichtig ist, als der bedingungslose Schutz eines ehrenhaften Lebens der Männer.

Gerade Feminist_innen haben immer wieder stark gemacht, dass Geschlechterbilder auch veränderbar sind. Männer müssen nicht sexistisch handeln. Sie müssen Sexualität nicht agressiv und gegen die Interessen und den Widerstand von Frauen ausleben und durchsetzen. Sie tun es aber immer wieder!!! Jungen, Mädchen (in größerem Ausmaß) werden von Vätern ausgenutzt. Frauen als Männern verfügbar und verführbar gedacht. Und die Gesellschaft übernimmt genau diese Perspektive. Das Übergriffige Verhalten der Männer wird gerechtfertigt ("Trieb", ihre Kleidung war zu knapp, sie hat ihn "verrückt" gemacht) und sie wird für das Vorgefallene, verantwortlich gemacht. Sie wird als "Schlampe", oder als hinterlistig bezeichnet. Wir fordern Sie dazu auf, mit dieser Perspektive zu brechen und Männer/sich selbst als Mann für solches Verhalten in Verantwortung zu ziehen. Damit sexuelle Gewalt nicht als "Frauen-Problem" an die Betroffenen deligiert wird, sondern als Problem dieser Form von Männlichkeit diskutiert und angegriffen wird. Wir wollen dass Sie sexuelle Gewalt als sexistischen Normalzustand beenden! Vergewaltigung ist nicht objektiv beweisbar!

Vergewaltigung ist nicht objektiv beweisbar!

Im Gerichtssaal gilt für alle Angeklagten zunächst die Unschuldsannahme. So lange Angeklagten eine Straftat nicht nachgewiesen werden kann, gilt sier als unschuldig. Über den ausreichenden Nachweis der Schuld entscheiden die Richter_innen, nach "objektiven" Kriterien mit Hilfe von Zeug_innen und Beweisstücken. Nun ist es in den meinsten Fällen von Vergewaltigung nicht möglich, die Tat zu beweisen. Es gibt selten dritte, die dabei waren und bezeugen können, was die Betroffene sagt. Und was kann schon ein Beweis dafür sein, dass ein Mann gegen den Willen einer Frau mit ihr "Sex" hatte? So stehen in der Regel Aussage gegen Aussage. Neben der formellen Situation herrscht im Gerichtsaal auch ein Machtvorsprung seitens der Täter, welcher im hierarchischen Menschenbild von Männern und Frauen verankert ist. Nicht selten wird Frauen, die sich nach einer Vergewaltigung einer Gerichtverhandlung aussetzen ihre Rationalität und Glaubwürdigkeit abgesprochen. Sie muss ihre Aussage dann gegen eine Wand des Misstrauens durchsetzen, während er meistens von der Familie, und dem sozialen oder medialen Umfeld geschützt wird. Daher fühlen sich die Männer, die sich zu einer Vergewaltigung entschließen so sicher. Daher haben Frauen alles, und die Täter nichts zu befürchten.

Definitionsrecht für die Betroffenen - sofort und überall!!!

Auf dem Rechtsweg ist eine betroffene Person dazu gezwungen, die erlebte Erfahrung in aller Öffentlichkeit in allen Einzelheiten darzulegen. Dabei werden ihre persönlichen Grenzen erneut ignoriert. Es ist bekannt, dass dies in vielen Fällen bedeutet, dass sich die Tat traumatisch wiederholt. Außerdem outet sie sich in aller Öffentlichkeit: vor Freund_innen, Familie, Kolleg_innen als Opfer einer Vergewaltigung mit den verschiedenen sozialen Konsequenzen. Dies bedeutet oft Jahre der Anstrengung zusätzlich zur Verarbeitung der Gewalterfahrung. Dann werden in der Regel die Täter freigesprochen. Darin sehen viele Betroffene keinen Sinn und so müssen die wenigsten Täter für ihre Gewalt gerade stehen und Verantwortung übernehmen. Im schlimmsten Fall wiederholen sie, was ihnen so sicher ist.

Darum fordern wir das "Definitionsrecht" für die Betroffenen. Das heißt es soll ihnen das Recht eingeräumt werden, einen Täter zu markieren ohne für die Beweislast verantwortlich zu sein. Ihrer Aussage muss Glauben geschenkt werden, da sie nicht beweisbar ist! Ihre Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden und er die Verantwortung übernehmen! Denn nur wenn Täter endlich geoutet werden können, erscheinen ihnen Frauen, oder auch Jungen und Mädchen nicht mehr unbegrenzt verfügbar. Nur so kann die männliche Definitionsmacht und Gewalt über die Sexualität von Frauen entkräftet werden.

Entwickelt Konzepte jenseits der Täter(schutz)justiz!

Damit Menschen auf einer Augenhöhe miteinander Lust und Begehren leben können, damit nicht ständig aus Angst vor Gewalt oder wegen konkreter Erfahrungen Lust getötet wird, ist jeder und jede einzelne gefragt, den Normalzustand sexueller Gewalt anzugreifen. Vielen ist das egal, bis sie eine Betroffene kennengelernt haben.

"Nein", "ich weiß nicht", "ich mag Dich, aber", "...", - heißt Nein! Wer ein Nein nicht akzeptiert, ist ein Vergewaltiger!! Damit aber gar nicht erst so viele Menschen derartig tief verletzt werden, fordern wir einen Perspektivwechsel weg vom Täterschutz und der Verteidigung/Rechtfertigung übergriffiger Sexualität.

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