Zur Jahreswende 1950/51 hatte der Präsident des Studentenparlaments der TU, Günther Zwingmann, die Unterstützung einer Protestkundgebung gegen den Burgschauspieler Werner Krauß, der in Berlin ein Gastpiel gab, zugesagt. Das Parlament diskutierte darüber lebhaft und rügte seinen Präsidenten. Er mußte die Beteiligung der TU absagen und trat zurück. Im Anschluß kam es innerhalb der Studierendenschaft zu heftigen Diskussionen, wie das Ansehen der Universität am besten geschützt werden könnte.
Werner Krauß, 1884 geboren, zählt zu den "bedeutendsten deutschen Bühnen- und Filmdarsteller(n)" (Neue Deutsche Biographie). Er spielte die Hauptrollen in vielen Wedekind-Stücken und wirkte in über hundert Stummfilmen mit.
Spätestens 1931 war er der wichtigste Berliner Schauspieler und gehörte dem Ensemble des berühmten Wiener Burgtheaters an.
1940 spielte Werner Krauß die Hauptrolle in "Jud Süß", jenem unsäglichen Machwerk, das die Bevölkerung auf den bevorstehenden Holocaust einstimmen und den millionenfachen Mord an den europäischen Juden rechtfertigen helfen sollte. Die Besetzung mit dem Edelmimen verlieh dem von Goebbels mitinszenierten Film eine besondere Beachtung - und eine "sehr eindrucksvolle", weil das Judentum grotesk verzerrende, schauspielerische Darbietung. Nach dem Krieg blieb er Burgschauspieler.
Ende 1950 kam er mit dem Wiener Emsemble zu einem Gastspiel nach Berlin. Es gab Proteste und Aufrufe zu einer Demonstration gegen Krauß. Nach dem Rücktritt des Parlamentspräsidenten stand die Studierendenvertretung vor einem Dilemma. Die Presse und die Jüdische Gemeinde nahmen aufmerksam Notiz von der Angelegenheit - das Ansehen der TU hatte also doch Schaden gelitten.
Die StudentInnen fielen zu dieser Zeit nicht gerade durch ein progressives Profil auf. Schon 1946 war eine Diskussion im Gange, wann es genug sei mit der Vergangenheitsbewältigung. In diesem Jahr findet sich in einem der ersten Hefte des "colloquiums", eine Art Urgroßmutter aller Berliner Studierendenzeitschriften, ein Leserbrief, in dem es hieß, daß man sich doch endlich auf die Zukunft besinnen solle; es sei genug über Deutschlands Schuld geredet worden.
In den folgenden Jahren und dem aufkommenden Kalten Krieg hatten Vertreter dieser Ansicht Konjunktur, auch unter den Studierenden, wenn auch nicht gesagt werden kann, daß diese Gruppe eine deutliche Mehrheit an der Universität darstellte. Die war unter den sogenannten "Unpolitischen" zu suchen. Die Wiederbelebung akademischer Formen und die Ideale einer inneren, weltabgewandten Wissenschaft befreiten von der Notwendigkeit schmerzhafter Auseinandersetzung. Wo es möglich war, wurde sie vermieden.
So auch im Fall Krauß. Das Studentenparlament der TU beschäftigte sich noch geraume Zeit mit der Affäre. Aber nicht über die Tatsache, daß mit einem Demonstrationsaufruf Zwingmanns ein politisches Zeichen gesetzt worden war, und nicht über das Selbstverständnis einer verfaßten Studierendenschaft, ja nicht einmal über Krauß und seine Verwicklungen. Das Studentenparlament war in einer ersten Phase um Schadensbegrenzung bemüht und diskutierte anschließend über die Kontrolle der Öffentlichkeitsarbeit des Präsidenten.
Die Parlamentarier stellten fest, daß in der Presse unsachgemäß berichtet worden sei und deswegen das Ansehen der TU, das erst noch auf die Höhe der alten Technischen Hochschule Charlottenburg gehoben werde müsse, Schaden genommen habe. Den Zeitungen sei eine entsprechende Kritik zuzustellen. Das "Problem" mit der Jüdischen Gemeinde wurde durch einen offenen Brief erledigt, in dem es heißt, daß die Studentenschaft sich jedem Versuch entgegenstellen werde, der erneut ein "Rassenproblem" in Deutschland propagierte. Angesichts - verschiedene(r) inobjektive(r) Berichterstattungen", nicht zuletzt verursacht durch "einige bedauerliche Entgleisungen" (was das wohl war?), könne vielleicht in der Öffentlichkeit ein falscher Eindruck entstanden sein. Daß Heinz Galinski, der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, darin allenfalls einen "erfreulichen Beweis guten Willens" sehen konnte, nimmt nicht Wunder.
Wie recht Galinski damit hatte, den Brief nicht als Ausdruck einer festen Haltung zu interpretieren, zeigte sich schon kurz danach.
Im Februar 1951 wurden Studenten der TU aufgefordert, ihre Meinung darüber abzugeben, ob ein neuer Film mit Krauß in Berlin gezeigt werden solle oder nicht. Das Studentenparlament diskutierte zuerst offensichtlich in Unkenntnis des zu aktivem Handeln verpflichtenden Briefes an Galinski.
Die Tendenz der Diskussionsbeiträge war, sich nicht zu Äußern: "Ich glaube, wir sind im Jahre 1951 und nicht mehr im Jahre 1945. Sechs Jahre nach Kriegsschluß ist es wohl Zeit, daß ein dicker Schlußstrich gezogen wird [...] (Lebhafter Beifall)", vermerkt das Protokoll.
"Wir haben unser ehrliches Mitgefühl unseren jüdischen Mitbürgern zu erkennen gegeben, und jeder war, glaube ich, damit einverstanden, ihre Gleichberechtigung als Staatsbürger anzuerkennen." Man müsse die nationale Kultur voranbringen, und wenn sich die jüdischen Mitbürger beleidigt fühlten, könnten sie ja ihr Mißfallen durch einen Boykott des Filmes zum Ausdruck bringen.
Erst nach dem Verlesen des Briefes wurde den ParlamentarierInnen klar, daß sie sich zu dem Film Äußern mußten. Da sich die Studierendenschaft gegenüber Galinski verpflichtet hatte, mußte die öffentliche Haltung eine der Ablehnung sein.
Die Mitschrift der Protokolle vermittelt nun das Bild, daß sich die ParlamentarierInnen bemühten, diese Ablehnung möglichst moderat zu halten. Der Beschluß, der gefällt wurde, zeigt dann auch, daß es nicht um Aufarbeitung der Vergangenheit ging, sondern nur darum, einen möglichen Protest in der Gegenwart zu vermeiden: "Die Studentenvertretung wird beauftragt, von der Aufführung eines [...] Werner-Krauß-Films vorläufig abzuraten, da die Gefahr besteht, daß durch eine neue Diskussion über diesen Fragenkomplex eine erneute Propagierung von Rassenproblemen innerhalb der Studentenschaft entstehen würde." Keine Diskussion.
P.S. 1954 erhielt Krauß das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik und den Ifflandring. Er blieb bis zu seinem Tod am 20.10.1959 ein gefeierter Schauspieler.
