ANTIFA an der TU Berlin
>> Studium generale

aus: TU interna Sonderausgabe des AStA TU 9.4.1996

Totgesagte leben länger

Anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der TU Berlin ist es angebracht, auch im Sektor von Lehre und Studium Bilanz zu ziehen. In diesem Zusammenhang rückt selbstverständlich ein bisher in dieser Art und in diesem Umfang in Deutschlands Hochschullandschaft einzigartiger Versuch in den Mittelpunkt: das humanistische Studium, auch bekannt unter dem Namen „Studium Generale“. Hier sollen dessen Idee, Werdegang, Wandlung und die Gründe, die letztendlich zum Scheitern des Modells führten, dargestellt werden.
Als am 9. April 1946 der britische Stadtkommandant Major-General E. P. Nares die TU Berlin für eröffnet erklärte, gab er ihr als Vertreter der Schutzmächte ein neues Bildungsziel: Nicht die „[…] Ausbildung zu einem guten Philologen, einem guten Architekten, einem guten Musiker oder einem guten Ingenieur […]“ sollte erste Aufgabe der Universität sein, sondern „[…] die Heranbildung eines Menschen, im vollen Sinne, der in der Lage ist, eine verantwortliche Stellung im Leben neben seinen Mitmenschen einzunehmen […]“. Mit dem Namenswechsel von Technischer Hochschule zu Technischer Universität war intendiert, „daß jede Erziehung, technisch, humanistisch oder was immer, universal sein muß, daß heißt, sie muß den ganzen Menschen, die ganze Persönlichkeit angehen […]“

ZIEL UND AUFGABE
Trotz des Enthusiasmus des damaligen Rektors Kucharski sowie einiger seiner Kollegen und der Studierenden dauerte es mehr als zwei Jahre, bis der „Ausschuß für die neue Studienordnung und für den Aufbau der neuen [Philosophischen] Fakultät“ am 15. August 1948 seine „Denkschrift über die neue Studienordnung an der Technischen Universität Berlin-Charlottenburg“ vorlegte. Ziel und Aufgabe der neuen Studienordnung war die „Heranbildung eines guten Diplom-Ingenieurs mit einer humanistischen Grundbildung“. Dies sollte durch den Einbau der humanistischen Disziplinen deutsche Literatur, einer Fremdsprache, Einführung in die Philosophie, Rechtskunde, Kunstgeschichte, biologische Grundlagen der angewandten Anthropologie sowie eines weiteren allgemeinbildenden Fachs in das gesamte Studium erreicht werden. Der Ausschuß entschied, daß die genannten Fächer in den ersten beiden „Grundsemestern“ dem Fachstudium im wesentlichen vorausgehen sollten. In den folgenden Semestern waren dann noch je zwei Wochenstunden obligatorisch. Schon zu diesem Zeitpunkt gab es keine Einigkeit darüber, ob in das humanistische Studium auch eine politisch-sozialwissenschaftliche Grundbildung einzubeziehen sei. Man entschied sich letztlich mit der Begründung dagegen, daß „im status nascendi einer neuen Welt […] nicht einmal Erwachsene, geschweige denn junge Menschen, die notwendige Reife und Distanz zu einer klaren Orientierung [hätten].“ Damit wurde jedoch bereits in der Anfangsphase einer der Grundsteine für das spätere Scheitern des humanistischen Studiums gelegt.

GRUNDSTEINE DES SCHEITERNS
Negative Impulse auf die weitere Entwicklung der universitären Lehre bis in die Gegenwart sind auch im Zusammenhang mit einer damals lediglich am Rande diskutierten Grundeinstellung gegenüber den Studierenden festzustellen. Für die Grundsemester wurde nämlich die akademische Freiheit weitgehend eingeengt: „Die ersten Bildungswerte müssen entsprechend der Entwicklungsstufe der Studierenden noch durch einen mehr schulmäßigen Unterricht vermittelt werden.“ Wer denkt da nicht sofort an heutige Studiengänge – vor allem in den Natur- und Ingenieurwissenschaften –, deren Verschulungsgrad oft kaum noch zu erhöhen ist?
Der dritte Kritikpunkt findet sich heute ebenfalls wieder, sobald über Lehre und Studium im allgemeinen und „Studium Generale“ im besonderen diskutiert wird. Aus der ungenügenden Reflektion des Begriffs „humanistisch“ durch die Ausschußmitglieder resultierte die Meinung, eine Synthese verschiedener Disziplinen – also ein einfaches Nebeneinander  – durch die Professoren oder durch ihre Hörer könne das bewirken, was der britische Stadtkommandant als Ziel der neuen Bemühungen genannt hatte: die Verantwortlichkeit der späteren Diplom-Ingenieure für die gesellschaftlichen Wirkungen ihrer Arbeit.

ERSTE SCHWIERIGKEITEN
Schon 1954 wurde der Umfang des humanistischen Studiums um 50% gekürzt; 1956 soll sein Anteil auf Anforderung von drei Fakultäten um weitere 40% beschnitten werden, da die Studierenden durch die ständige Ausweitung der technischen Spezialfächer mehr und mehr beansprucht würden. Das Pflichtfach Geschichte sollte jedoch definitiv fallen; darüber zumindest bestand damals Einigkeit zwischen der Humanistischen und den übrigen Fakultäten der TU Berlin.

GEGENSEITIGE IGNORANZ
Doch nicht nur mit den Anforderungen der einzelnen Studiengänge nach immer mehr Raum für fachspezifisches Wissen hatten die Verteidiger des humanistischen Studiums zu kämpfen, auch die gegenseitige Ignoranz von Natur- und Ingenieurwissenschaftlern auf der einen und Geistes- und Sozialwissenschaftlern auf der anderen Seite bereitete kaum lösbare Probleme. Zentrale Forderung war das Eingehen auf die Probleme der Ingenieurstudierenden in den Veranstaltungen der humanistischen Fakultät; z. B. durch die Einführung besonderer Veranstaltungen. Stellenweise war in den Vorlesungen ein Bemühen in diese Richtung durchaus erkennbar, im allgemeinen wurde jedoch ausschließlich die sogenannte „reine Lehre“ vertreten, die ganz von den vermeintlichen Anforderungen des wissenschaftlichen Gegenstands herkam und wenig oder gar keine Rücksicht darauf nahm, an wen dieser Gegenstand vermittelt werden sollte. Überlegungen, der Verpflichtung der Studierenden eine ebensolche von Seiten der Professoren der Philosophischen Fakultät entgegenzustellen, scheiterten jedoch an der Befürchtung, daß dies Berufungen an die TU Berlin erschweren könnte. Dabei wäre dies von beiden Seiten – von Studierenden wie Professoren – ein Versuch gewesen, die Verbundenheit des Fachlichen mit dem Nichtfachlichen ernstzunehmen.

DAS ENDE
Gleichzeitig wurden noch bis in das Jahr 1967 Anstrengungen unternommen, dem obligatorischen humanistischen Studium für die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächer eine umgekehrte Entsprechung für die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer gegenüberzustellen. Noch bevor diese zum Abschluß gebracht werden konnten, kam mit der studentischen Bewegung im Jahr 1968 das endgültige Aus für das humanistische Studium.
Die vorstehend schon genannten Probleme hatten sich bis dahin derart verstärkt, daß der vom damaligen Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Trautz, in seiner Immatrikulationsrede am 8. November 1967 geäußerte Satz „Denn immer noch und weiterhin bilden Leistungen und Qualität in Forschung und Lehre die eigentliche Funktion der Hochschule in Staat und Gesellschaft“ von den Studierenden nur noch einseitig als endgültige Abkehr von den Ansprüchen und Forderungen, die am Beginn des humanistischen Studiums gestanden hatten, interpretiert wurde – ja, aus damaliger Sicht wohl so interpretiert werden mußte. Die Studierenden erhoben dagegen die Forderung, daß „Demokratie in der Hochschule […] gewährleisten [muß], daß sich der Wissenschaftsbetrieb in einem evolutionären Prozeß den Erfordernissen der Wissenschaftsentwicklung anpassen und auf gesellschaftliche Veränderungen aktiv reagieren kann. In diesem Sinne dürfen auch Technische Wissenschaften nicht kritiklos dem Bestehenden dienen.“ Die sozialwissenschaftlich-politische Bildung stand daher als Forderung der Studierenden im Vordergrund und führte letztendlich dazu, daß die viel breiter angelegte humanistische Studienordnung als Verpflichtung für die Studierenden durch diese selbst zu Fall gebracht wurde.
An der Situation von Lehre und Studium hat sich von 1968 bis heute trotz der damals erfolgten „Ständedemokratisierung“ der Universität wenig geändert; jedem an der TU mit Studienreform Befaßten werden viele der bereits oben erwähnten Argumente vertraut erscheinen. Doch obwohl der erste Versuch für ein humanistisches Studium gescheitert ist, obwohl die bundesweiten und länderspezifischen Rahmenvorgaben für die Gestaltung von Studien- und Prüfungsordnungen inzwischen eine nicht mehr zu überschauende Regelungsdichte erreicht haben, wird an der TU seit letztem Jahr der Versuch unternommen, das „Studium Generale“ wieder hoffähig zu machen. Dazu wird es allerdings notwendig sein, aus der Vergangenheit zu lernen, die damaligen Fehler zu vermeiden und darüber hinaus neue Ideen zu entwickeln.

DER NEUANFANG
Hoffnung macht, daß bereits Dr. Dr. Tuchel in einem am 14. August 1968 in den VDI-Nachrichten erschienenen Artikel zum Ende des humanistischen Studiums – dem aus Zeitgründen einige Passagen des vorstehenden Textes entnommen wurden – folgendes bemerkte: „[…] daher ist das gesamte obligatorische humanistische Studium nun fürs erste zu den Akten gelegt. Man wird bezweifeln müssen, ob daß für immer so bleibt. Die Berliner Lösung hat gezeigt, daß sich ein solches Modell […] nicht isoliert an einer einzigen Hochschule verwirklichen läßt. Es ist ferner deutlich geworden, daß neue Ansätze in Forschung und Lehre zum Gelingen einer solchen Lösung entscheidend beitragen müssen. Vielleicht […] wird sich ein neuer Weg finden lassen, in Abänderung der Berliner Lösung doch das Ziel anzustreben, das den Initiatoren des […] humanistischen Studiums vorgeschwebt hat und das für das Ingenieurstudium weiterhin als dringliches Problem bestehen bleibt: Wie die fachwissenschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten in eine sinnvolle Verbindung mit den Anforderungen und Zielen der Gesellschaft gebracht werden können. Denn unser Land braucht die rationale gesellschaftliche Kritik der Ingenieure ebenso wie ihr fachliches Können, und für die Bildung beider Fähigkeiten sollten sich unsere Technischen Universitäten verantwortlich fühlen.“