Studierende fordern den Bruch mit den Traditionen der alten Technischen Hochschule
Es ist der 16. Februar 1984. Das West-Berliner Abgeordnetenhaus beschäftigt sich in einer aktuellen Fragestunde mit einer Aktion des AStA der TU. Studierende haben nämlich am 30. Januar 1984 unter großer öffentlicher Anteilnahme [...] das Hauptgebäude der TU nach dem jüdischen Widerstandskämpfer Herbert Baum benannt. In großen roten Buchstaben prangt sein Name an jenem Tage über dem Eingang. Binnen 24 Stunden wird er jedoch vom TU-Präsidenten Starnick in einer nächtlichen Aktion heimlich wieder entfernt.

Der Benennung folgen am selben Tage Diskussions- und Kulturveranstaltungen, die der TU-Präsident
teilweise mit einem Raumverbot verhindern will.
Der AStA begründet seine Aktionen damit, daß der "Bruch mit der alten Technischen
Hochschule Charlottenburg vollzogen" werden müsse. In einer
Erklärung des AStA heißt es:
In diesem Gebäude sprachen mit Rust, Rosenberg und Göring schon 1933 wesentliche Repräsentanten des NS-Staates vor den versammelten Hochschulangehörigen.
In diesem Gebäude herrschte seit dem Wintersemester 1930/31 der NS-Studentenbund: 61,7% der Studenten wählten diesen, 366 Studenten waren Mitglied.
Aus diesem Gebäude wurden seit April 1933 Hochschullehrer, Assistenten und Studenten verbannt, weil sie Juden waren oder Pazifisten oder Kommunisten oder Sozialdemokraten.
Im Andenken an die Verfolgten und den Widerstand, als Mahnung für die Hochschulangehörigen heute benennen wir dieses Gebäude in: Herbert-Baum-Gebäude."
Die Benennung im Januar 1984 fällt in die Zeit, als die Auseinandersetzungen um die Stationierung von Pershing-II- und Cruise-Missile-Raketen einen Höhepunkt erreichen.
Die Studierenden der TU fordern angesichts der sich abzeichnenden Perspektive eines atomaren Holocausts(1) die "Widerstandsbereitschaft des Wissenschaftlers gegen den Mißbrauch seiner Erkenntnisse" auch an ihrer Universität ein.
Herbert Baum, den der FDP-Abgeordnete Jürgen Dittberner in einer Presseerklärung als "unbekannten angeblichen Widerstandskämpfer" bezeichnet, wurde 1912 geboren und am 11. Juni 1942 in der Untersuchungshaft in Moabit ermordet. Er war Student an der Beuth-Ingenieurschule, aus der später die TFH hervorging.
1935 wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft von der Hochschule ausgeschlossen. Seit 1928 war er Mitglied verschiedener jüdischer und kommunistischer Jugendorganisationen.
Als diese in die Illegalität abtauchen mußten, arbeitete er seit 1936 in einer jüdischen Jugendgruppe gegen den NS-Staat. Die Herbert-Baum-Gruppe verfaßte und druckte Flugblätter, sowie Untergrundschriften mit Informationen illegal abgehörter ausländischer Sender.
Herbert Baum, sowie viele andere Mitglieder der Gruppe waren Zwangsarbeiter im Elektromotorenwerk der Firma Siemens in Spandau. Dort kämpften sie erfolgreich für eine bessere Bezahlung der Zwangsarbeiter, verübten Sabotageakte – in der Fabrik wurden u. a. Motoren für U-Boote gebaut – und besorgten sich die Ausweise von nach Deutschland deportierten belgischen und französischen Zwangsarbeitern.
Mit Hilfe dieser Ausweise konnten sie Juden, die von der Deportation bedroht waren, eine neue Identität verschaffen. Diese sehr kostspieligen Aktivitäten finanzierte die Gruppe teilweise durch fingierte Einbrüche bei wohlhabenden Juden. Die durften ihr Eigentum, das seit 1938 staatlich registriert war, nämlich ab 1939 nicht mehr verkaufen.
Die meisten Mitglieder der Gruppe wurden 1942 nach einem Brandanschlag auf die Nazi-Propaganda-Ausstellung "Das Sowjet-Paradies", mit deren Hilfe der Überfall auf die Sowjetunion propagandistisch unterstützt werden sollte, von einem Spitzel verraten und festgenommen.
18 Gruppenmitgliederwurden zum Tode verurteilt, die meisten anderen überlebten ihre Verschleppung in die KZ's nicht.
Die Benennung des Hauptgebäudes nach Herbert Baum ist nur symbolisch und kurzzeitiger Natur. Das Gebäude heißt auch heute weiterhin nur "Hauptgebäude". Die Universitätsleitung reagiert auf die Benennungsaktion des AStA mit dem Entfernen der Herbert-Baum-Gedenktafel und verweist auf eine Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Hochschule, in der "die Rolle von Studenten und Wissenschaftlern in der Zeit des Nationalsozialismus" gewürdigt worden sei.
Außerdem gäbe es an der TU, so Präsident Starnick in einer Presseerklärung vom 3.2.84, das Zentrum für Antisemitismusforschung und den Georg-Schlesinger-Preis. Somit habe sich die TU ausreichend mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt.
Unterstützung erhält der AStA hingegen vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski. Zu den Vorbehalten gegen Herbert Baum [...] erklärt Galinski: "Ich wehre mich hier in aller Deutlichkeit gegen alle Versuche, Herbert Baum als einen Anhänger des Totalitarismus abzustempeln". Weiter führt er aus: "Ich billige den Studenten ein gewisses Maß an Recht zu, daß sie sich gerade für den Namen Herbert Baum entschieden haben."
Jüdische BürgerInnen bieten an, die Buchstaben, die vom TU-Präsidenten immer wieder entfernt werden, eigenhändig erneut anzubringen. Der AStA verzichtet jedoch auf eine Fortsetzung des von ihm nicht gewollten "Buchstabenkrieges".
(1) Anmerkung der Redaktion 2005:
Ein Atomkrieg bedeutet noch lange keinen Holocaust. Der Begriff Holocaust bezeichnet ganz eindeutig die industrielle, bürokratisch organisierte Massenvernichtung der Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg. Es war der (fast) vollständig umgesetzte Versuch der totalen Vernichtung des europ. Judentums. Jüdinnen und Juden erhielten von großen Teilen der restlichen Welt keinen Schutz.
Die häufige Verwendung des Begriffes in anderen Kontexten stellt die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Verbrechens in Frage und kommt den verschiedenen Relativierungsversuchen wie gerufen.
