ANTIFA an der TU Berlin
>> Heinrich Hertel - ein deutsches Schicksal

Im Rahmen der Jubiläumsausstellung sollte als Beitrag des Instituts für Luft- und Raumfahrt (ILR) eine Tafel über Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. h.c. Heinrich Hertel zu sehen sein. Jedoch wurde sie jetzt kurzfristig vom Institut zurückgezogen, da man sich dort nicht in der Lage sah, auf die Wünsche der Ausstellungsgruppe nach weitergehenden Angaben über die Tätigkeiten von Hertel in der Rüstungsindustrie des dritten Reichs einzugehen.

In dieser Zeit war Hertel erst leitender Konstrukteur bei der Flugzeugbaufirma Heinkel, später technischer Vorstand der Junkers-Werke - des größten deutschen Luftrüstungsunternehmens in dieser Zeit. 1955 wurde er der erste Ordinarius für Luftfahrzeugbau an der TU Berlin.

LEICHE IM KELLER DER TU?

Heute wird am Institut ein seltsames Schweigen über die Person Heinrich Hertels gepflegt. Und das, obwohl einige hochinteressante, bis heute aktuelle Forschungsfelder der TU Berlin auf das Wirken von Heinrich Hertel zurückgehen. So gehört Hertel zu den Begründern der Bionik, die technische Konstruktionen aus dem Verständnis biologischer Strukturen und Wirkungszusammenhänge ableitet, sowie zu den Pionieren eines wissenschaftlichen Leichtbaus.

Sein 1963 erschienenes Buch "Struktur - Form - Bewegung" gehört zu den Klassikern der modernen Ingenieurwissenschaft und ist sicher immer noch eines der gestalterisch schönsten Bücher in diesem Bereich. In diesem Zusammenhang ist die Bezeichnung "schöpferischer Ingenieur", wie sie das Institut in der zurückgezogenen Tafel für ihn gewählt hat, nachvollziehbar.

1955 - BEGINN DER NACHKRIEGSNORMALITÄT

Genauso wenig vergessen werden darf jedoch die andere Rolle, die Hertel für die Geschichte der TU Berlin spielte und die heute gerne verdrängt wird: Seine Berufung auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Luftfahrzeugbau steht paradigmatisch für die Restauration an der TU Berlin Mitte der fünfziger Jahre.

Die hehren Ansprüche, die am Anfang der Gründung der TU Berlin standen, wurden schrittweise über Bord geworfen. Kaum zehn Jahre nach dem Akt der Neugründung einer Technischen Universität wurden ohne Diskussion über deren Vergangenheit die Kader aus einer Zeit wiederberufen, die man durch ein neues Verständnis von Technik, Wissenschaft und Gesellschaft überwinden wollte. Dies geschah in der Meinung, daß eine vollständig neue Wissenschaftsauffassung mit entsprechend neuen Leuten sich wohl nicht verwirklichen lasse (und im Zeichen des Kalten Krieges auch politisch nicht unbedingt gewollt war).

ertel war ein Gewinner der technokratischen Politik der Nazis. Der Industrielle und Wissenschaftler Prof. Hugo Junkers war nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs, in dem er massiv für eine deutsche Luftrüstung eingetreten war, nicht mehr bereit gewesen, in seinen Werken eine Rüstungsproduktion einzurichten. Nach seinem Hinauswurf wurden die Junkers-Werke von den Nazis zu einer der größten Waffenschmieden der damaligen Zeit umgestaltet. Zur Verwirklichung ihrer Ziele benötigten die neuen Machthaber aber innovative Fachleute. Dadurch kamen junge Ingenieure schnell in hohe Positionen.

Hertel wurde bereits mit 32 Jahren 1933 Technischer Direktor der Heinkel Flugzeugwerke, wo er unter anderem mit Wernher von Braun an der Konstruktion des ersten Raketenflugzeugs arbeitete.

Mit 38 Jahren wurde er 1939 Entwicklungschef und Technisches Vorstandsmitglied der Junkers-Werke, die u. a. die berüchtigten Sturzkampfflugzeuge (Stukas) produzierten. In den vierziger Jahren arbeitete er an der Entwicklung der ersten Bombenflugzeuge mit Strahlantrieb.

Es wäre jedoch fatal, wenn man von hochbegabten, aber verführten Jungwissenschaftlern reden würde. Denn die Ausrichtung der deutschen Industrie auf die Rüstung war in den späten dreißiger Jahren unübersehbar. Es ist müßig, darüber zu diskutieren - wie es einige ältere Institutsmitglieder des ILR tun -, inwieweit Hertels Titel "Wehrwirtschaftsführer" lediglich ein Schutz der Wissenschaftler vor den Begehrlichkeiten von Wehrmacht und SS war oder mehr zu bedeuten hatte.

VOM SAULUS ZUM PAULUS?

Nach dem Krieg setzte sich Hertel in seinem Institut dafür ein, daß keinerlei Rüstungsforschung betrieben wurde. Inwieweit er derartige Vorhaben verhindert hat, muß noch technikgeschichtlich untersucht werden. Denn Rüstungsforschung war ohnehin durch alliierte Vorbehaltsrechte untersagt.

Eine Auseinandersetzung mit Hertels Vergangenheit hat jedoch an der TU Berlin nach den bisher vorliegenden Quellen nicht stattgefunden.

Hertel ist bei weitem nicht das einzige Beispiel für die Restaurationsperiode der fünfziger Jahre an der TU Berlin. Prof. Eugen Sänger, der erste Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der TU Berlin, beschäftigte sich in den dreißiger Jahren mit Raumgleitern und wurde später beauftragt, auf deren Basis eine der vier deutschen "Vergeltungswaffen" des Zweiten Weltkrieg zu entwickeln. Auch für Sänger war eine Tafel in der Jubiläumsausstellung geplant, die jedoch von der Ausstellungsredaktion zurückgewiesen wurde.

Als letztes Beispiel soll hier Wernher von Braun genannt werden, der mit den V2-Raketen eine weitere Vergeltungswaffe entwickelte. Dabei wurden unter den in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde und in der Produktionsstätte KZ Dora-Mittelbau im Harz eingesetzten KZ-Häftlingen Zehntausende von Todesopfern in Kauf genommen. 1963 erhielt er als nun gefeierter Apollo-Projektleiter der NASA von der TU Berlin die Ehrendoktorwürde. Die Laudatio in der akademischen Feier zur Überreichung wurde von Heinrich Hertel gehalten. Diese Ehrendoktorwürde besteht immer noch, auch wenn mittlerweile die von einem Hochschullehrer des ILR gestiftete von-Braun-Büste aus dem Institutsflur entfernt wurde und von Braun nicht mehr in der Ehrendoktorinnenliste des Universitätsverzeichnisses geführt wird.

1995 - DIE AKTUALITÄT DER VERGANGENHEIT

Für uns ist die Frage relativ belanglos, inwiefern Hertel und die anderen die Naziideologie aktiv mitgetragen haben, ob sie Parteimitglied waren oder nicht. Es geht hier weniger um eine Verurteilung der Personen als vielmehr um die Ehrlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit.

Wie drückend gerade der Gegenwartsbezug der Vergangenheit auch heute noch zu sein scheint, wurde in der Diskussion über die oben genannten Personen deutlich, die von einer von den studentischen VertreterInnen eingebrachten Erklärung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes (siehe TU-intern 3/95) angestoßen wurde.

Es drängte sich uns der Eindruck auf, daß diese Diskussion bei manchen Ingenieuren einiges Unbehagen erzeugt. Die Ambivalenz in den Biographien der "großen" Ingenieure des Dritten Reichs kann anscheinend von heutigen IngenieurInnen kaum akzeptiert oder diskutiert werden, da sie deren eigene Ideologie einer grundsätzlichen Wertneutralität von Technik und Wissenschaft in Frage stellt. Die Förderung des Diskurses und einer technikkritischen und -historischen Forschung, die, wie das Beispiel Hertel zeigt, noch einige Lücken besitzt, ist von großer Bedeutung. Denn Verantwortung für technische Entwicklungen kann nicht allein Aufgabe und ethische Pflicht der Experten sein, wie es in Sonntagsreden zur "Verantwortung der IngenieurInnen und NaturwissenschaftlerInnen" immer relativ wohlfeil gefordert wird.

Der Anspruch einer verantwortungsbewußten und verträglichen Wissenschaft kann nur im kritischen Diskurs unter Beteiligung aller Menschen eingelöst werden. Die Information und die Belebung der Diskussion über die Auswirkung von Wissenschaft und Technik wäre eine Zukunftsaufgabe par excellence einer ihren Ansprüchen treu bleibenden Technischen Universität Berlin.

Ob sie dies kann ist fraglich. Die Pläne zur Amputation der geistes- und erziehungswissenschaftlichen Bereiche an der TU Berlin lassen Schlimmes befürchten.

BRIEF DER 111 VERRÄTER

Ein erschreckendes Beispiel von geschichtlicher Ignoranz gibt der "Brief der 111 Verräter", ein Schreiben mehrheitlich konservativer Hochschullehrer aus natur-, ingenieur- und wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen.

An den Senat und das Abgeordnetenhaus wird in diesem Brief die Forderung erhoben, sich auf das drittmittelstarke Profil der TU Berlin in diesen Fachbereichen zu besinnen und strukturelle Kürzungen unbeirrt in den Geistes- und Erziehungswissenschaften vorzunehmen.

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"Im Grunde nutzte ich das Phänomen der oft kritiklosen Verbundenheit des Technikers mit seiner Aufgabe aus. Die scheinbare moralische Neutralität der Technik ließ bei ihnen die Besinnung aufs eigene Tun gar nicht erst aufkommen."
Albert Speer (Assistent an der TH Charlottenburg 1932-34; Rüstungsminister 1942-45)

aus: TU interna Sonderausgabe des AStA TU 9.4.1996