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Patriarchat + antipatriarchale Strategien

Vorweg: Die jeweiligen Ausformungen patriarchaler Herrschaft unterliegen historischen und regionalen Unterschieden, auf die wir an dieser Stelle wenig bis gar nicht eingehen. Wir versuchen zwar wesentliche verallgemeinerbare Kernpunkte zu benennen – im Konkreten beziehen wir uns jedoch häufig auf Ausformungen in den „Metropolenländern”, also auf unseren Erfahrungshintergrund – wie z.B. die Trennung von Haus- und Lohnarbeit, die bürgerliche Kleinfamilie, etc. Das spiegelt sich dann zum Teil auch in unseren Überlegungen zu anti-patriarchalen Strategien wider. Das uns heute bekannte Patriarchat ist nichts Statisches, sondern Ergebnis menschlicher Auseinandersetzungen und Kämpfe. Es stellt insofern ein umkämpftes Terrain dar, das tagtäglich von den Subjekten (wieder-) hergestellt wird und in denen anti-patriarchale Kämpfe gewonnen oder verloren werden. Wir sind in diese Kämpfe gewollt oder ungewollt ständig durch unsere Geschlechtszugehörigkeit involviert: mit Zuschreibungen und Erwartungen, Widersprüchen und Zerrissenheiten. Es geht also auch darum, Bewusstsein für dieses Involviertsein zu schaffen und andere Handlungsperspektiven zu entwerfen.

Das Patriarchat ist ein materielles Ausbeutungs- und kulturelles Herrschaftsverhältnis, das jenseits von den subjektiven Absichten von Frauen und Männern die gesellschaftliche Realität durchzieht. Es ist die Basis einer Gesellschaftsform, in der sich die Dominanz der Männer als „soziale Gruppe” auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens darstellt. Ein zentrales Beispiel ist, dass 95% des Eigentums sich weltweit in den Händen von Männern befindet, wenn auch unter ihnen ungleich verteilt. In diesem System sind Frauen zweitrangig, nachgeordnet, abhängig. Der Bezug auf Männer oder einen Mann ist unter diesen Bedingungen für viele Frauen (über-)lebensnotwendig.

Frauen werden als (sexueller) Besitz von Männern definiert. Durch dieses mehr oder weniger offene Besitzverhältnis sind Frauen (latenter) Gewalt und sexueller bzw. sexualisierter Gewalt ausgesetzt, wodurch autonome Sexualität von Frauen zerstört wird.

Heutige patriarchale Gesellschaften basieren auf einer repressiven Sexualmoral, in der heterosexuelle Rollenerwartungen unhinterfragt die Norm bilden, z.B. in Form von Homophobie und Zwangsheterosexualität. „Der Sexismus hat die ‚Weiblichkeit' und ‚Männlichkeit' geschaffen, die wir heute kennen; denn unsere Geschlechtsidentität entsteht durch psychosoziale Konditionierung. Zwangsheterosexualität bezieht sich auf die Ideologie und soziale Praxis, welche die entsprechend konditionierten Männer und Frauen zu Paaren zusammenführt und sie im Glauben lässt, dies sei ihre freie Entscheidung.” 1  Das Problem ist nicht die heterosexuelle monogame Beziehung an sich, sondern dass die eine Form überhöht wird und so allgegenwärtig ist, dass es wenig andere Anknüpfungspunkte und wenig Raum zum angstlosen Probieren und Experimentieren gibt.

Abweichendes Verhalten wird vom Umfeld ohne großartiges Nachdenken sanktioniert, z.B. in Form von Ausschluss aus bestimmten gesellschaftlichen Bereichen und Berufen, öffentliche Ächtung, dumme Sprüche und Witze, Diffamierungen, körperliche Gewalt, etc. Konsequenz dieser Sozialisierung ist auch, dass sich Menschen, die der Norm nicht entsprechen, häufig selbst als „anormal” betrachten (müssen) – die Folgen sind Selbstzweifel, Unsicherheiten und Schuldgefühle.

Gleichzeitig geht das Patriarchat über die Unterdrückung von Frauen und die materielle und ideelle Privilegierung von Männern hinaus. Es ist ein Prinzip, ein Bewertungs- und Handlungsmaßstab nach bestimmten Kriterien, z.B. Denken in Hierarchien, Konkurrenz und Dualismen (männlich/weiblich; stark/schwach; rational/emotional; aktiv/passiv) und die Konstruktion des „Anderen” über Auf- und Abwertung etc. Dieses Prinzip wird größtenteils unreflektiert auf allen gesellschaftlichen Ebenen reproduziert und entsprechende Kriterien mehr oder weniger kreativ verinnerlicht.

Kind und Kegel
Was als „männliche” oder „weibliche” Eigenschaft, Fähigkeit, Aufgabe, Tätigkeit... definiert wird, ist nicht biologischer sondern gesellschaftlicher Natur und hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder geändert. Erst im sich entwickelnden Kapitalismus in den Metropolen entstand die Institution der Kleinfamilie als einzig geförderte gesellschaftliche Lebensform und schrieb damit die (materielle) Abhängigkeit von Frauen fest. Sie brachte die heutige Form der Hausarbeit (Haushalt, Kinder, Pflege, Beziehungsarbeit) hervor. Die Lohnarbeit wurde als eigentliche „produktive” Arbeit benannt und aufgewertet, was mit einer Abwertung und Unsichtbarmachung von Hausarbeit einherging. Der private Reproduktionsbereich wird mit aller Vehemenz Frauen zugeschrieben. Durch diese Zuschreibungen werden Frauen und Männer auf bestimmte Rollen festgelegt. Den Reproduktionsbereich zu übernehmen, bedeutet für Männer einen Verlust an Privilegien und „Verrat” an der „eigenen” sozialen Gruppe.

Biopolitik
Der gesellschaftliche Zwang für Frauen, aus bevölkerungspolitischen Gründen zu gebären oder nicht, manifestiert sich in biopolitischen Selektionstechniken, wie Abtreibungsverbot (§218), pränataler Diagnostik bis hin zu Zwangssterilisationen. 2

Mythen in Lohntüten
Von Frauen wird ausschließliche Orientierung auf die Familie oder zumindest eine Doppelorientierung auf Beruf und Familie erwartet. Das ist eine Ursache und Folge der geschlechtlichen Unterteilung des Arbeitsmarktes. Frauen erwerbsarbeiten häufiger in niedrigentlohnten und ungesicherten Arbeitsverhältnissen und werden in der Regel für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt. Hierdurch und durch Mutterschaft entstehende Brüche in den Erwerbsbiografien führen oftmals neben permanenter Abhängigkeit vom Ehemann zur Altersarmut vieler Frauen aufgrund mangelnder Rente. Zwar haben Männer und Frauen inzwischen zumindest in den meisten Industrieländern formal gleiche Bildungschancen, jedoch werden sie faktisch schon in Studium und Ausbildung ungleich behandelt. Im Berufsleben setzt sich diese Diskriminierung fort.

‚Männer' und ‚Frauen' werden gemacht
Zweigeschlechtlichkeit (Männer/Frauen) ist keine biologische Tatsache, die von der Natur einfach so bereitgestellt wird. Sie wird in zwischenmenschlicher Interaktion vom ersten Lebenstag an tagtäglich hergestellt. Nicht umsonst lautet die erste Frage – heute durch pränatale Diagnostik schon vor der Geburt: „Was ist es denn?” In unserem Alltagsbewusstsein fällen wir in Punkto Zweigeschlechtlichkeit wesentlich klarere Urteile, als es zum Beispiel in der Geschichte, in der Biologie (sie unterteilt in eine Vielzahl von Geschlechtern) und in der Physiologie geschieht. Geschlecht ist demnach nicht als männlich-weibliches Gegensatzpaar, sondern vielmehr als Varianten von Geschlecht mit fließenden Übergängen zu begreifen. Im Alltag besteht jedoch der Zwang der Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter, was bei Nichteindeutigkeit nach der Geburt medizinisch „korrigiert” wird (Hormonbehandlung, Schnipp-Schnapp).

Feuer und Flamme dem Patriarchat
Antipatriarchale Strategien müssen alle gesellschaftlichen Bereiche und Ebenen bedenken und miteinander verbinden, da es keinen Anfangspunkt oder keine alleinige Ursache für aktuelle patriarchale Normierungen gibt. Es geht darum, an den sozialen Realitäten und kulturellen Geschlechtsidentitäten hinterfragend anzusetzen. Unser Ziel ist dabei die Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit. Die Normierung durch die Kategorie „Geschlecht” muss abgeschafft werden, so dass kein Verhalten und kein Zwang der Lebensgestaltung mehr mit ihrer Begründung zugeschrieben / erzwungen / aufgedrückt werden kann.

Der Weg dahin umfasst auch Strategien von „Gleichheit” und „Differenz”. Also auf der einen Seite den Kampf um gleiche Chancen (Quotenregelung) und auf der anderen Seite den Aufbau von eigenständigen Frauenzusammenhängen, um der Marginalisierung und Vereinzelung von Frauen entgegenzuwirken. Diese Strategien dürfen dabei nicht in die Teilhabe an patriarchal-kapitalistischen Strukturen versanden oder umschlagen, da das Ziel nicht eine „gerechtere” Machtverteilung, sondern der Abbau von Herrschaftsstrukturen an sich ist.

Allgemeine Forderungen / Handlungsansätze sind für uns daher:
•  Kritik und Skandalisierung der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften, Rollen, Funktionen entlang geschlechtlicher Teilungen und bipolarer Geschlechterbilder.
•  Quoten in allen gesellschaftlichen Bereichen/Institutionen: Kinder, Pflege, Hausarbeit, Ausbildung, Lohnarbeit, politischen Organisationen etc.

Im Konkreten unterschieden wir in taktische Reformansätze und individuelle/kollektive Handlungsansätze, die wir strategisch verknüpfen.

Taktische Reformansätze:
•  Existenzgeld als materielle Absicherung für Frauen/Männer/Kinder bei fehlendem Einkommen, um materielle Abhängigkeiten zu vermeiden, so dass die Orientierung an der Lohnarbeit als Lebenszweck zurückgedrängt werden kann.
•  Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, um überhaupt Kraft und Zeit zu haben für das Leben jenseits der Lohnarbeit.
•  Abschaffung der Förderung der Ehe , so dass die monogame heterosexuelle Zweierbeziehung oder Kleinfamilie zu einer Möglichkeit unter vielen anderen wird.
•  Abschaffung des § 218 und der pränatalen Diagnostik als Teil des Gebärzwanges, der Biopolitik und der Normierung „lebens(-un-)werten” Lebens.

Individuelle/Kollektive Handlungsansätze:
•  Hinterfragen aller(!) tradierten Denkstrukturen! Selbstreflexion und Selbstveränderung im persönlichen, sozialen, politischen Umfeld z.B. durch regelmäßige Diskussionen zum Abbau von Rollenzuschreibungen und Hierarchien. Diese Emanzipationsprozesse sollen sich auf die Art und Weise der eigenen Organisierung niederschlagen.

•  Beziehungsarbeit, Bedürfnisse nach Sicherheit und Geborgenheit, Kinder, Pflege, Hausarbeit... neu diskutieren, definieren und in Lebenszusammenhängen praktisch organisieren; z.B. in freien Assoziationen wie Wohngemeinschaften und -kollektiven, FreundInnenschaften, PartnerInnenschaften.

1 (Mariana Valverde: Sex, Macht und Lust; Frankfurt/M. 1994, S.104).
2 Eine differenzierte Debatte um die Bedeutung von Biopolitik und Selektionsmechanismen steht für uns noch aus.

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