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Herrschaftsverhältnisse

Nulltens: Bei der Debatte um Herrschaft(-sverhältnisse) ist es uns wichtig, deren Komplexität zu erfassen und unsere eigene Verstrickung in die gesellschaftlichen Verhältnisse einzubeziehen. Vor allem geht es uns darum, den „gesellschaftlichen Konsens“ anzugreifen, nach dem Menschen nicht fähig seien, sich selbst zu organisieren und Gesellschaften daher grundsätzlich herrschaftsförmig organisiert werden müssten. Wir setzen dagegen, dass die Verhältnisse von Menschen gemacht und damit auch durch Menschen verändert werden können.

Erstens: Wir gehen nicht davon aus, dass eine „Klasse von Herrschenden” (Regierungscliquen, Manipulatoren, Kapitalistenschweine, Aliens 1 u.ä.) in personeller Herrschaft über das Wohl und Wehe der Menschen entscheidet. 2

Zweitens: Wir erachten es als falsch, von einer „Klasse von Unterdrückten” (Frauen, MigrantInnen, ArbeiterInnen, Arme aus aller Welt, sozial nicht angepasste Menschen usw.) auszugehen, die ihrerseits schon die „besseren Menschen” darstellen.

Drittens: Es handelt sich bei den historisch gewachsenen Verhältnissen um verschiedene Formen struktureller Herrschaft, deren Merkmal gerade auch die starke ideologische Verankerung in den Subjekten ist. Das schließt personelle Privilegien, Herrschaft und Dominanz von bestimmten sozialen Gruppen (KapitalistInnen, Männer, Weiße, MetropolitanerInnen) eben nicht aus, unterstellt ihnen aber nicht, andere `a priori´ und voller Bewusstsein unterdrücken zu wollen, auch wenn sie dies vielleicht tagtäglich tun.

Viertens: Menschen wachsen in die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse hinein, lernen in entsprechenden Kategorien der Auf- und Abwertung zu denken. Konkurrenz und Leistungsdenken durchzieht unseren Alltag und beeinflusst unser Handeln. Da wir also Teil der herrschenden Verhältnisse sind, können wir uns nicht gänzlich ihrer Wirkungsweise entziehen.

Fünftens: Herrschaft kann ohne Mittel wie Gewalt (physische, psychische, strukturelle, institutionelle...) und Ausschlussmechanismen nicht durchgesetzt und dauerhaft aufrechterhalten werden. Gestützt durch (staatliche) Institutionen und Gesetze äußern, legitimieren und reproduzieren sich Herrschaftsverhältnisse.

Sechstens: Die verschiedenen –Ismen (Kapitalismus, Sexismus, Rassismus,...) sind zwar miteinander verwurschtelt, stützen sich gegenseitig, bzw. bauen aufeinander auf, haben aber jeweils eine eigene Dynamik und Logik. Es hat sich historisch gezeigt, dass die Konstruktion von Haupt- und Nebenwidersprüchen in erster Linie zu frustrierenden und unproduktiven Kämpfen und Spaltungen geführt hat. Schwerpunktsetzungen in der politischen Praxis sind sinnvoll und unvermeidbar, sollten aber die theoretische Einsicht wie auch praktische Option bereithalten, auf eine gesamtgesellschaftliche Veränderung abzuzielen.

Siebtens: Da sich auf der Basis patriarchaler und rassistischer Gesellschaftstrukturen der `real existierende´ Kapitalismus entfalten konnte, liegt es nahe, den Kampf für eine befreite Gesellschaft gegen all diese Herrschaftsformen zu verbinden. Aufgrund der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von `sozialen Gruppen´ darf jedoch neben gemeinsamen Kämpfen auf eine eigenständige Stärke nicht verzichtet werden. Es gibt viele Ketten zu sprengen!

Letztens: Um es noch ein Mal klarzustellen: Es geht uns nicht um Machtübernahme, sondern um die grundsätzliche Zerschlagung und Überwindung von Herrschaft.

1Mit diesem Begriff bezeichnet Christoph Spehr diejenigen, die bewusst und gezielt Herrschaftsverhältnisse verfeinern, um maximalen Profit zu erzielen (vgl. ders.: Die Aliens sind unter uns! Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter, München 1999).

2 Das schließt nicht aus, in Kampagnen konkrete Personen für ihre Entscheidungen verantwortlich zu machen.

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