Faszination Douglastüte
Philine Proft über ein Taschenphänomen


Die Frage, die sich sicherlich nicht nur uns seit einiger Zeit stellt, liegt klar auf der Hand: Warum benutzen gewisse Leute Tüten der Parfümeriekette Douglas als Sporttasche?
Um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, bedarf es zunächst einiger wissenschaftlicher Fakten zur Klärung des Sachverhaltes. Das Objekt: Eine etwa 30 mal 25 Zentimeter große, meistens aus festem Karton bestehende Tragetasche in Aquamarin und Purpur gehalten. Das markante Merkmal, das dieses Objekt aufweist, ist sicherlich der Werbeaufdruck, um auch das Alphaweibchensyndrom des Subjektes in jeder Hinsicht zu bedienen.
Das Subjekt: Es handelt sich hierbei um ein weibliches Wesen, der menschlichen Gattung angehörig, mit ausgeprägtem Sinn zur Selbstdarstellung. Natürlich ist jedem klar, dass sich als Transportmittel eines in der Parfümerie erworbenen Produktes eine solche Tragetasche empfiehlt. Allerdings bleibt dabei die Frage offen: Warum diese als Sporttasche zweckentfremden?
Blicken wir doch einmal den Tatsachen ins Auge. Das oben beschriebene Subjekt besitzt wahrscheinlich noch eine weitere Tasche, die sich ohne größere Probleme unter den Arm quetschen lässt und dabei eine lässig wirkende Wirbelsäulenverkrümmung hervorruft.
Die Frage nach den, für die Schule notwendigen, Arbeitsmaterialien ist nicht sehr schwer zu beantworten, vorausgesetzt, es befinden sich im Umkreis von fünf Metern zwei bis drei hilfreiche Mitschüler, die sich einem gekonnten Augenaufschlag nicht entziehen können. Was die Verpflegung angeht, so kann man gut und gerne einmal sechs bis acht Stunden auf das leibliche Wohl verzichten, da es ja in den seltensten Fällen mit dem streng eingehaltenen Diätplan zu vereinbaren ist.


Dass hier das Sportzeug keinen Platz mehr hat, ist offensichtlich, und da bietet sich eine Tüte selbstverständlich an. Aber wieso muss es ausgerechnet eine Douglastüte sein? Wahrscheinlich darf man das Problem gar nicht als Problem betrachten. Vielleicht ist das Faszinierende einfach nur der aus sieben Buchstaben bestehende Schriftzug oder die computerbearbeitete Frau auf der Vorderseite. Nach reiferen Überlegungen scheint es jedoch schlicht und ergreifend die Tatsache zu sein, dass sich in ihr eine Investition jenseits der 20 Euro befand, was in der Tat »ziemlich cool« ist, weshalb auch der letzte endlich kapiert haben müsste, wer hier das Zeug zum richtigen Model hat. Ob es sich tatsächlich auch so verhält, ist allerdings nicht nachprüfbar.
Vielleicht ist es aber weniger ein Produkt, auf das die Person stolz ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass in dieser Drogerie oft und regelmäßig eingekauft wird, denn das würde ja bedeuten, dass frau sich nicht »nur mal was geleistet hat«, sondern das nötige Kleingeld regelmäßig für derartige Luxusgüter ausgeben kann.
Die viereckige Tasche erinnert uns außerdem an große Papptüten von Prada oder Gucci, mit denen die VIPs durch die Straßen von New York, Mailand und Paris stürmen. Allerdings erfüllen diese Taschen hier ja auch ihren Sinn, sie enthält immerhin Sachen von Prada und Gucci. Wobei man diese Nobelboutiken wohl kaum mit einer allerwelts-Douglas-Filiale vergleichen kann, wo Oma Müller neben Sabine aus dem dritten Stock einkauft. Oder etwa doch?
Auf jeden Fall ist dies eine Möglichkeit, an ähnliche Tüten, wie die Stars sie spazieren tragen, heranzukommen, ohne 3.000 Euro für einen Pullover auszugeben, und edler als eine Einkaufstüte vom Supermarkt sieht es zugegebenermaßen auch aus.
Die wohl einfachste Erklärung jedoch wäre wohl auch die häufigste Antwort, nämlich: »Na, weil’s alle machen!« Aber wenn es doch alle machen, will man dann nicht auch hier – wie so oft – gegen den Strom schwimmen und einen neuen Trend setzen? Man will es anscheinend nicht, denn auch gewisse Kleidungsstücke oder Accessoires wiederholen sich ja in der Regel bei den oben beschriebenen Subjekten verhältnismäßig oft.
Vielleicht liegt der Trend ja nicht beim Tragen einer Douglastüte, sondern beim Kopieren eines Stils!?
Dann müssen wir uns in Zukunft wenigstens über unseren eigenen Stil keine Gedanken mehr machen, können uns auf der Stelle in einheitliche Paris Hilton-Kostüme zwängen, die neue Brigitte lesen und endlich alle so sein wie jemand anderes.

(aus: ätzettera Nr.41/Dezember 2005)